„Mütter müssen sich nicht neu erfinden, sie dürfen sich neu entdecken“

Schwanger? Sobald du das weißt, fahren im ersten Moment die Gefühle vermutlich Achterbahn. Doch was erwartet dich nach der Geburt neun Monate später wirklich?

Sobald die zweite Linie am Schwangerschaftstest klar und deutlich erscheint, ändert sich alles. Ab sofort bist du als Frau auch für ein kleines Menschenleben zuständig. Du wirst in den kommenden Monaten sicher sehr viele Bücher lesen, du wirst Ratschläge von Freundinnen bekommen und so gut wie möglich im Geburtsvorbereitungskurs aufpassen, um dich auf dein Kind vorzubereiten. (Und schon einiges an Zubehör besorgen.) Und dennoch: Liegt das Baby nach der Geburt in deinem Arm, kann und wird es passieren, dass du erst einmal überwältigt bist. Mama werden geht zwar von jetzt auf gleich – und doch dauert es, bis wir in der Rolle angekommen sind.

Wird mit Geburt & Baby alles anders für Frauen?

Die Zeit als frischgebackene Mama ist wunderbar, doch zugleich müssen sich Frauen in dieser neuen Rolle erst zurechtfinden – ein fortwährender, herausfordernder und gleichermaßen wunderbarer Prozess. Nicht zu vergessen: Mama-Selfcare!

Was Mütter und Väter nach der Geburt mit ihrem Baby erwartet, darüber haben wir mit Katharina Weiner geredet, Leiterin von familylab Österreich und selbständige Familienberaterin.  Hier kommen ihre Einsichten darüber, wie Mutterschaft uns verändert und ob sich daraus sogar neue Lebenswege ergeben können.

Wie wir uns auf Muttersein vorbereiten können

„Die Geburt, meist des Erstgeborenen, ist ein lebensveränderndes Ereignis. In den ersten Tagen herrscht in Familien noch Honeymoon-Stimmung – bis dann so richtig ins Bewusstsein vordringt: Hier ist ein neuer Mensch angekommen, für den sich die Eltern lebenslang verantwortlich fühlen werden. Manche erleben diese Zeit als „endlich angekommen zu sein“, andere wiederum als eine Art Schockzustand.

Darauf vorbereiten können sich Frauen lediglich mit dem Wissen darüber und mit Eigenverantwortung sowie Absprache mit dem/der Partner/in, sich Hilfe zu holen, wenn diese gebraucht wird. Wir können uns im Vorfeld immer viel vorstellen. Tatsache aber ist: Sobald eine Situation eintritt, wird sie so erlebt, wie es eben individuell möglich ist. Manche schwören auf Sport, Meditation oder Therapie, andere hingegen brauchen einen Abend mit Musik und Gesellschaft.“

So können wir als Mutter noch stärker werden

„Vielleicht ein etwas philosophischer Ansatz, dennoch ein Wunsch für die Gesellschaft im Allgemeinen: Indem sich frau bewusst sein darf, dass sie von Beginn an einen Menschen dabei begleitet, jeden Tag über sich selbst hinauszuwachsen.

Der praktische Zugang ist: Wir lernen täglich von unseren Kindern, wenn wir das möchten. Wir können durch unsere Kinder sehr viel über uns selbst erfahren und uns selbst besser kennenlernen, das gilt für Mütter und Väter gleichermaßen. Vielleicht entdecken wir sogar etwas Neues in uns und entwickeln uns in eine unerwartete Richtung.“

Nach der Geburt: Wieso unsere Bedürfnisse genau so wichtig sind wie die vom Baby

„Ich lege grundsätzlich allen Frauen ans Herz, sich früh mit ihren eigenen Bedürfnissen zu befassen. Was macht mir Freude? Wo kann ich Kraft tanken? Gibt es besondere Begabungen, Interessen, die ich auch als Mutter weiter ausüben und verfolgen möchte?

Es kann auch durchaus sein, dass sich nach der Geburt vom Baby durch das Muttersein neue Lebenswege aufzeigen. Je besser ich mich als Frau kenne, gut für mich selbst und mein Wohlbefinden sorge, umso besser geht es auch meinen Kindern. Denn deren Bedürfnis ist es keinesfalls, dass ihre Mütter sich für sie aufgeben.“

Warum Mütter neue Eigenschaften an sich entdecken

„Als Mutter muss man sich nicht neu erfinden. Wir dürfen uns als  Mutter entdecken! Vor allem indem wir uns selbst gegenüber aufmerksam sind. Nehmen wir zum Beispiel neue emotionale Befindlichkeiten an uns wahr? Werde ich plötzlich schneller rührselig oder gar wütend? Bringen mich Kleinigkeiten zum Lachen, bin ich in manchen Situation unaufgeregter? Bekommt Liebe für mich eine neue Dimension? Hatte ich bislang verborgene Talente? Hat sich meine Sicht auf die Welt, meinen Beruf, Partnerschaft, Familie verändert? Vieles, das in einem schlummerte, kommt vielleicht erst durch das Mutterwerden zum Vorschein. Diese neuen Eigenschaften sollte frau auf keinen Fall kategorisch ablehnen. Oft lohnt es sich, diese anzunehmen.“

Nach der Geburt, mit Baby: Worauf auch die Väter achten sollten

Bild: Pixabay

„Frauen müssen auch einmal egoistisch sein, begleitet von dem Gedanken, dass sie sich selbst etwas Gutes tun, um mit Kraft und Energie für ihre Familie da sein zu können. Sich in der Aufgabe Familie zu verlieren heißt auch, einen Teil von sich selbst aufzugeben, einen Teil der eigenen Identität.

Deshalb auch meine Bitte an die Väter: Bleibt aufmerksam und vereinbart nach der Geburt und trotz Baby mit euren Frauen Paaraktivitäten. Interessiert euch für eure Kinder. Verbringt qualitativ-hochwertige Zeit miteinander – als Familie und auch als Paar. Der gesamten Familie geht es immer nur so gut, wie es den Erwachsenen geht. Kinder möchten, dass ihre Eltern glücklich sind. Wenn sie allerdings merken, dass diese sich wenig um sich selbst kümmern, übernehmen sie automatisch mehr Verantwortung als gut für sie ist.“

Weshalb jede Familie anders funktioniert

„In einer frischgebackenen Familie sind Selbstfürsorge, gute Organisation und eine pragmatische Herangehensweise gefragt. Es hat wenig Sinn eine Mutter hinter den sprichwörtlichen Herd zu zwingen, wenn sie das starke Bedürfnis verspürt, wieder zurück ins Berufsleben zu wollen. Es gibt aber auch Mütter, die arbeiten gehen müssen, weil es ihre finanzielle oder soziale Situation erfordert. In beiden Fällen braucht es eine gute und verlässliche Kinderbetreuung, wie etwa Großeltern oder eine Krabbelstube, in der sich das Kind wohlfühlt.

Am wichtigsten ist die Beziehung zum Kind. Und hier sollten Sie als Mutter ehrlich zu sich selbst und Ihrem Kind sein. Denn ein Kind, das weiß, dass seine Mama arbeiten gehen muss oder möchte, wird gut mit der Situation umgehen können.“

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