Kawina und Kacheata Eath

Ein Körper, elastisch wie ein Gummiband

Besonders dehnbar zu sein, gilt fast schon als Statussymbol. Warum die Wirkung des Dehnens oft ĂŒberschĂ€tzt wird, erklĂ€rt Strength Coach Kawina Eath.
Dehnen Frau Yoga Matte
Foto Credit: Dane Wetton/Unsplash

„Ich möchte flexibler sein“, sagen die Leute, selbst wenn sie in jedem Gelenk ĂŒber eine ganz normale Bewegungsfreiheit verfĂŒgen. Ich frage mich dann oft: Worum geht’s hier eigentlich? Warum sind die Leute so versessen darauf, biegsamer zu sein? Was wollen sie mit dieser „Superkraft“ anfangen?

Was genau haben Menschen mit ihrer FlexibilitĂ€t vor? Sind sie frustriert, weil sie ihren RĂŒcken an gewissen Stellen nicht kratzen können? Der Antrieb, elastisch wie ein Gummiband sein zu wollen, scheint enorm groß zu sein – als wĂ€re große Biegsamkeit ein Statussymbol.

Unelastisch heißt nicht unsportlich

Ich denke mir: Wenn die sogenannte InflexibilitĂ€t fĂŒr Eliud Kipchoge gut genug ist, ist sie es auch fĂŒr uns. Kipchoge ist jener Herr, der die Marathon-Strecke als erster Mensch unter zwei Stunden gelaufen ist. Er ist 48 Jahre alt, und er kann seine Zehen nicht berĂŒhren.

Es gibt da eine Anekdote dazu, von jemandem, der mit ihm trainiert hat: „Er war Ă€ußerst unflexibel. Nach einem leichten Morgenlauf dehnte ich mit der Gruppe. Die meisten von ihnen waren ziemlich beweglich in den Oberschenkeln, sie standen mit geraden Beinen da und beugten sich vor, um ihre Zehen mit gestreckten Knien zu berĂŒhren. Eliud war meilenweit davon entfernt. Er war nicht annĂ€hernd in der Lage, seine Zehen zu berĂŒhren! Alle haben sich darĂŒber amĂŒsiert.“

Dehnen ist ein Dogma, praktisch eine Religion.

Dehnen Frau Laufen
Foto Credit: Matthew Lejune/Unsplash

Was ist so toll am Dehnen?

Wenn Freizeitsportler gefragt werden, weshalb sie dehnen, wissen sie oft nur, dass es eine „gute Sache“ ist. Man lernt das so und beschĂ€ftigt sich nicht weiter mit dem Thema. Dehnen ist ein Dogma, praktisch eine Religion. Im Folgenden habe ich ein paar Argumente fĂŒr das Dehnen vor und/oder nach dem Sport zusammengefasst, die man als Trainer und/oder Therapeut fast jeden Tag hört. Dehnen ist gut fĂŒr:

  • FlexibilitĂ€t (natĂŒrlich) 
  • AufwĂ€rmen und Verletzungsschutz
  • PrĂ€vention/Behandlung von Muskelkater
  • Behandlung von Sportverletzungen und chronischen Schmerzen
  • Leistungssteigerung (z. B. schnelleres Sprinten)

Ich muss dich leider enttĂ€uschen: Alle diese genannten GrĂŒnde fĂŒr das Dehnen sind obsolet. Dehnen hat nĂ€mlich nicht diese erhoffte Wirkung, wenn es vor oder nach dem Sport eingesetzt wird. 

Überraschend selten wird allerdings eine andere BegrĂŒndung fĂŒr das Dehnen genannt: Es fĂŒhlt sich toll an! Dehnen ist einfach ein angenehmes GefĂŒhl und eine kleine Pause vom Alltag.

Flexibel wie ein Yogi-Meister

Wie bei der Kontraktion der Muskeln hat der Körper gute GrĂŒnde, die IntensitĂ€t der Dehnung zu begrenzen. Wenn eine Dehnung unangenehm wird, kommt die RĂŒckmeldung aus dem Nervensystem: „Auf keinen Fall! Wir gehen nicht dorthin!“ Wir können unser Nervensystem in dieser Hinsicht einfach nicht ĂŒbersteuern. Aber anscheinend kann sich unser Körper an das Dehnen gewöhnen. Wir können lernen, eine intensivere Dehnung bis zu einem gewissen Grad zu tolerieren. Faszinierend! Dies erklĂ€rt die FlexibilitĂ€t von manchen Yogis und KampfkĂŒnstlern.

Dehnen ist einfach ein angenehmes GefĂŒhl und eine kleine Pause vom Alltag.

Die „Dehnungstoleranz“ ist das Geheimnis fĂŒr FlexibilitĂ€t. Mit anderen Worten: Die Muskeln Ă€ndern sich nicht, insbesondere nicht in Reaktion auf ein durchschnittliches Dehnungsschema, aber unsere Bereitschaft verĂ€ndert sich sehr wohl.

Die Toleranz der Muskeln erhöhen

RegelmĂ€ĂŸiges Dehnen ist eine Methode, um dem Nervensystem zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, sich ein wenig weiter zu bewegen als ĂŒblich.

Zweifellos eignen sich einige bestimmte Dehnungstechniken fĂŒr bestimmte Zwecke. Ich möchte nicht behaupten, dass Dehnung an sich sinnlos ist. Es geht mir vielmehr darum zu zeigen, dass die meisten Menschen sich ohne Absicht und ohne Wirkung dehnen und leider auch unter Ausschluss evidenzbasierter Alternativen, wie z. B. angemessener AufwĂ€rmĂŒbungen oder Mobilisierungen.

Es ist nicht einfach, eine signifikante Dehnungstoleranz zu erreichen. Wochen fleißiger Anstrengungen sind erforderlich. Mehr Zeit als die meisten Menschen jemals bereit sind zu investieren.

Dehnen Katze streckt sich
Foto Credit: Timo Volz/Unsplash

Dehnen ist stimulierend

Dehnen ist fĂŒr Menschen allgemein nicht nĂŒtzlicher als fĂŒr Katzen – sie tun es morgens fĂŒr ein paar Sekunden und gehen dann zum Kisterl. Es fĂŒhlt sich gut an, es stimuliert und steigert das Körperbewusstsein, es befriedigt einen physiologischen Juckreiz. All diese Dinge sind in Ordnung und gut. Aber Dehnen als zeitraubendes therapeutisches Übungsritual? No way.

Dehnen fĂŒhlt sich gut an, es stimuliert und steigert das Körperbewusstsein.

Im Grunde hat Dehnen einfach ein mieses Kosten-Nutzen-VerhĂ€ltnis. Von DehnungsĂŒbungen verspricht man sich viel zu viel. Sie können gar nicht alle diese großen Erwartungen erfĂŒllen. Insbesondere nicht, was die Vorbeugung von Verletzungen betrifft.

Hat Dehnen andere positive Auswirkungen? Es sind bist dato keine Vorteile einer grĂ¶ĂŸeren FlexibilitĂ€t bekannt. Zum Angeben, um Twister-Turniere zu dominieren oder gewisse indische LiebeshandbĂŒcher voll auszunutzen, dafĂŒr kann es allerdings gut sein.

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