Der Ruf der Wildnis: Oder die Frage nach der Liebe

Goodbye, Zivilisation, Internet und bequeme Betten. Stattdessen gibt es für Travelautorin Waltraud Hable dornige Wildnis, heulende Hyänen und Wissen, das der Verstand oft nicht begreifen kann.
Waltraud Hable folgt dem Ruf der Wildnis
Bild: Waltraud Hable

Zwei Monate im südafrikanischen Busch. Waltraud Hable mag weder Camping noch Khaki-Hosen. Trotzdem lässt sie sich auf den Ruf der Wildnis ein, um von der Natur über die Natur zu lernen. Und ein paar Fragen, die sich jeder einmal im Leben stellen sollte, nimmt sie auch gleich mit.

Rund um den Kruger-Nationalpark finden sich in Südafrika auch private Wildreservate, wo die Big Five ungestört leben können. Unsere Autorin hat zwei Monate in Karongwe, Pridelands und Selati verbracht. Das letztgenannte dieser „Game Reserves“ umfasst 30.000 Hektar.

Der Elefant starrt mich aus dem Dickicht heraus an. Ein Koloss mit Stoßzähnen, die ihm bis zu den Knien reichen. Niemand im Camp hat ihn kommen hören, das haben die grauen Riesen so an sich, ihre dick gepolsterten Fußsohlen wirken wie Schalldämpfer. Rund vierzig Meter trennen mich und meine Handykamera von dem Tier. Plötzlich sind es deutlich weniger. Das liegt nicht etwa an einem automatisch ausgelösten Zoom, sondern daran, dass der Bulle soeben beschlossen hat, wutentbrannt auf mich zuzudonnern. Also mache ich das, was man auf keinen Fall machen soll: Ich drehe mich um und renne.

Merke: Auch wenn du in der Abgeschiedenheit der südafrikanischen Savanne, sechs Stunden von Johannesburg entfernt, einen zweimonatigen Safari-Ranger-Kurs absolvierst – vor akuter Selbstgefährdung durch Idiotie bewahrt dich das nicht. Zumindest nicht in meinem Fall. Wobei, dass ich nicht die geborene Rangerin bin, war absehbar. Ich mag weder khakifarbene Klamotten, noch bin ich ein Fan von Dosenbohnen oder Camping. Dennoch ließen mich meine Sehnsucht, von der Natur über die Natur zu lernen, und der Wunsch, der Anonymität der Großstädte eine Weile zu entfliehen, das Anmeldeformular ausfüllen – und mit neunzehn anderen aus aller Welt in den Busch einchecken.

Landkarte Afrika

Egal, wie viele Fakten in dein Hirn gehämmert werden, gegen den Instinkt kommst du nicht an.

Goodbye, Zivilisation, Internet und bequeme Betten. Hello, dornige Wildnis, heulende Hyänen – und Wissen, das der Verstand oft nicht fassen kann. Lektion eins kann ich an dieser Stelle gleich mal loswerden. Sie lautet: Egal, wie viele Fakten in dein Hirn gehämmert werden, gegen den Instinkt kommst du nicht an. Auch die anderen Kursteilnehmer stieben vor dem Wutelefanten, der sich von unserer Neugier in die Enge getrieben fühlte, in alle Himmelsrichtungen davon, obwohl die Safarilehrer seit Wochen wie ein Mantra predigen: „Es gibt nur eine Regel im Busch – ob du es nun mit beleidigten Elefanten, hungrigen Löwen oder machoiden Nashörnern zu tun hast: Du sollst niemals, niemals, niemals rennen.“ Denn wer rennt, macht sich klein; zum Jagdobjekt und zu einer interessanten Zwischenmahlzeit. Stattdessen: „Bleib stehen, werd laut; mach dich groß. So wehrst du am besten Angriffe ab.“

All das ist prinzipiell in meinem Hirn. Weil es logisch ist. Aber im Ernstfall ist es vergessen. Und auch wenn ich Glück hatte und der Riese im letzten Moment abgebogen ist (wahrscheinlich weil er sich dachte, die paar Idioten sind den Energieaufwand nicht wert), frage ich mich: „Was zum Teufel mach ich eigentlich hier, wenn ich nicht einmal die einfachste Verhaltensregel befolgen kann?“

Die Antwort lautet: Ich bin im Busch, weil ich mich am Leben fühlen will. Vor allem will ich mit allen Sinnen erleben. Und das klappt, für meine Begriffe zumindest, richtig gut. Ich sehe täglich die Sonne auf- und untergehen und erblicke Lebewesen, die einem Fabelbuch entsprungen sein könnten. Ich lausche Fröschen, die wie tropfende Wasserhähne klingen, und nachts höre ich die Hyänen lachen. Ich rieche den Morgen, den Abend, verwesende Kadaver und wilden Salbei am Wegesrand. Ich sammle die süßen gelben Früchte auf, die von den Marulabäumen fallen. Dass ich mir die Dinger ungewaschen in den Mund stecke – egal. Spätestens nach vierundzwanzig Stunden in der Wildnis nimmt man’s mit der Hygiene nicht mehr so genau.

Es gibt nur eine Regel im Busch – ob du es nun mit beleidigten Elefanten, hungrigen Löwen oder machoiden Nashörnern zu tun hast: Du sollst niemals, niemals, niemals rennen.

Wobei, auch ich habe Grenzen. Seit ich die rot gefleckte Zunge von Chloe, einer dreißigjährigen Teilnehmerin aus Dublin, gesehen habe, lasse ich den Weitspuckwettbewerb mit getrockneten Antilopenköteln aus. Da kann Chloe noch so oft schwören: „Meine Zunge ist nicht von der Kacke entzündet. Das Ganze ist ja nur wiedergekäutes und ausgeschiedenes Gras.“

Elefant
Bild: Waltraud Hable

Der Busch tut mir gut. Die Stille. Das Gewusel. Beides ist in jedem Moment zu finden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so zufrieden gewesen zu sein. Das Einzige, was mich mitunter etwas zaghaft stimmt, ist, das Erlebte niederzuschreiben. Wie etwa hält man die Magie von gestern Nacht fest? Eingelullt von der Dunkelheit, saßen wir in einem trockenen Flussbett und starrten nach oben. „Das ist die Venus“, sagte ein Lehrer, mit dem Laserpointer in den Sternenhimmel deutend. „Und hier kämpft Orion. Sein Schwert ist aus drei Sternen geformt.“ So erwachte über mir alles zum Leben und war mehr als ein mystisch glitzerndes Dunkelblau. Ich hätte noch Stunden hier sitzen bleiben können, über mir die Gestirne und in der Ferne Löwengebrüll. Ich fühlte mich wie in einem Film.

Als großes Kino empfinde ich es hier eigentlich ständig. Im Busch laufen nämlich drei höchst unterschiedliche Streifen gleichzeitig ab. Einer davon ist jugendfrei, die zwei anderen sind es nicht. Lehrreich sind sie alle. Aber der Reihe nach.

Im Busch laufen nämlich drei höchst unterschiedliche Streifen gleichzeitig ab. Einer davon ist jugendfrei, die zwei anderen sind es nicht.

Zum einen läuft Hakuna Matata in Dauerschleife vor meinen Augen ab: Im südafrikanischen Sommer wächst und gedeiht alles, das Gras, die Bäume, die Tierbabys, die ihre ersten Schritte in die Welt hinaus machen. Diese unbändige Energie des Neuanfangs ist ansteckend. Sollte ich das nächste Mal schlecht drauf sein, schaue ich mir einfach Tierdokumentationen an, dann ist das mit dem Weltschmerz schnell vergessen.

Camping in der Wildnis
Bild: Waltraud Hable

Buschfilm Nummer zwei hat es da schon mehr in sich. Er lässt mich erröten. Ja, es geht um Sex. Kopulierende Grashüpfer/ Eichhörnchen/Paviane – überall! Neulich habe ich in aller Herrgottsfrüh sogar hunderte Frösche beim Feiern einer Swingerparty erwischt. Die Männchen hielten die Weibchen von hinten im Klammergriff. Manche waren zufrieden quakend sogar zu fünft zugange. „Was zum Teufel ist falsch an Monogamie?“, fragte ich meine Zeltkumpanin Sandy. „Ich schätze, Monogamie ist ein kulturelles Konstrukt, erdacht von verlustängstlichen Menschen“, grinste sie hilflos. „Schau hin und lerne. Die Natur macht eigentlich nichts ohne Grund.“

Einige Fachbücher und viele Fragen an die Safarilehrer später kann ich berichten: Sandy hatte recht. Die Natur hat sich durchaus etwas dabei gedacht, dass zum Beispiel Zebras im Harem leben. Der Gruppenverband schützt die weiblichen Tiere vor Angriffen, weil das Alphamännchen sich keine Blöße geben will und seine Damen ohne Unterlass patrouilliert. Und dass Leopardenweibchen prinzipiell Alleinerzieherinnen sind und nur mit One-Night-Stands Nachwuchs zeugen, kommt auch nicht von ungefähr. Als Leopard brauchst du gut zwanzig Kilo Fleisch täglich zum Überleben, diese Menge gilt es erst mal aufzutreiben. Außerdem wird mit einem Partner im Schlepptau das lautlose Anschleichen an die Beute schwierig. Also bleibt jeder lieber Single, und es gibt kein Drama. So einfach.

Und doch so schwer zu begreifen. Zumindest für mich. Denn wo bitte bleibt die Liebe? Geht es im Leben tatsächlich nur um die schnelle Lustbefriedigung oder darum, Vorteile aus einer Beziehung zu ziehen? „Kindchen, die Natur zeigt dir: Jede dieser Lebensformen ist okay“, brummt mir Graham irgendwann zu, als ich ihm von meinem Konflikt erzähle. Graham ist Safarilehrer, ein wettergegerbter Mittfünfziger, der wie Crocodile Dundee aussieht; jedenfalls so, als könnte er im Busch ohne Zelt, Nahrung oder Messer überleben. „Spar dir das Denken, sei tolerant.“

Da habe ich sie, meine Antwort. Und meine Hausaufgabe für Herzensangelegenheiten, wenn man so will. Doch der Film, der mich im Busch am meisten beschäftigt, ist Streifen Nummer drei. Neben dem Sommermärchen und den Froschpornos spielen sich außerdem grausame Dramen im Stil von Game of Thrones ab. Ameisen marschieren in Termitenbauten ein, um die halbe Belegschaft zu köpfen. Löwen laben sich an einem Nilpferdbaby. Spinnen injizieren ihren Opfern ein Gift, das diese nicht tötet, sondern nur für den späteren Verzehr lähmt.

„Wäre ich ein Tier im Busch, ich würde vor Angst wahnsinnig werden“, meint Andrew, ein südafrikanischer Mitstudent, als wir einmal an einer Herde Schwarzfersenantilopen vorbeikommen. „Das ist doch kein Leben, dieses ständige Auf-der-Hut-Sein.“ – „Wirken die Tiere auf dich gestresst?“, fragt ihn Mike, einer der Safarilehrer. – „Nein“, gibt Andrew zurück, „aber genau das ist mir ja so unverständlich. Sie grasen friedlich, obwohl hier sicher eine Raubkatze herumlungert.“

„Tiere leben nur im Hier und Jetzt“, erklärt Mike. „Sie vergeuden keine Gedanken an die Zukunft. Sie beschäftigen sich mit der Bedrohung erst, wenn sie unmittelbar vor ihnen steht, keine Sekunde früher. Alles andere würde ihnen zu viel Energie rauben.“ – „Aber gestern wurde hier eine Antilope erlegt. Warum kehren die Tiere an den Ort des Geschehens zurück? Warum tun sie so, als ob nichts passiert wäre?“, hakt Andrew nach. – „Warum sollten sie anders handeln?“, setzt Mike zur Gegenfrage an und beantwortet sie auch gleich selbst: „Was vergangen ist, gehört der Vergangenheit an. Würden sie jene Orte meiden, an denen bereits einmal etwas passiert ist oder die potenziell gefährlich sein könnten, dann hätten sie bald keinen Lebensraum und keine Nahrung mehr. Die meisten Tiere finden bereits Minuten nach einem Angriff wieder in den Normalzustand zurück.“

Wenn die Tier- und Pflanzenwelt sich damit arrangiert hat, dass man nichts kontrollieren kann – weder das Jetzt noch die Vergangenheit oder Zukunft –, warum finden wir uns so schwer damit ab?

Hmmm. Offenbar macht sich nur die Spezies Mensch Sorgen und damit verrückt. Wenn die Tier- und Pflanzenwelt sich damit arrangiert hat, dass man nichts kontrollieren kann – weder das Jetzt noch die Vergangenheit oder Zukunft –, warum finden wir uns so schwer damit ab? Warum beschäftigen wir uns mit Problemen, die noch gar nicht da sind und vielleicht auch nie kommen werden? Warum haben wir nicht die Größe, abzuwarten und dann besonnen anzunehmen, was ist?

An dieser Stelle muss ich mich selbst an der Nase nehmen. Hätte ich bei eingangs erwähntem Elefanten einen klaren Kopf behalten, wäre ich nicht gerannt – Überlebensinstinkt hin oder her. Aber ich musste rennen, weil mein Hirn zu beschäftigt damit war, „vernünftige Entscheidungen“ zu treffen. Meine Gedanken waren in der Zukunft, genauer gesagt bei dem Foto, das ich machen wollte. Und gleichzeitig waren sie in der Vergangenheit, wo ich nach Vergleichen kramte: Hatte ich derart lange Stoßzähne schon einmal gesehen? So war für das Jetzt keine Hirnkapazität mehr frei. Dabei hätte ich einfach nur stehen bleiben und mich mit einem Schrei bemerkbar machen müssen. „Hey, ich sehe dich. Aber ich bin auch da! Also gib mir Raum.“

Na ja, beim nächsten Mal.

Jetzt konzentriere ich mich lieber auf das, was ist. Und da findet sich viel. Immer wenn wir nach einem langen Tag voller Abenteuer ins Camp zurückfahren, geht mir schier das Herz über. Und im Auto wird es still. Keiner spricht. Jeder gibt sich dem rot glühenden Abendhimmel und seinen Gedanken hin. Ich denke dann etwa über das Wort „Safari“ nach. Safari ist Swahili und heißt übersetzt so viel wie „Reise“. Eine Reise durch den Busch. Aber sinnbildlich steht es auch für die Reise durchs Leben. Man bricht auf und weiß nicht, was einem die nächste Zeit bringen wird. Diese Ungewissheit und Unplanbarkeit machen Angst. Aber in beiden Faktoren liegt auch immense Kraft. Denn nur wer umherschweift, so heißt es, findet neue Wege.

Elefanten baden im Wasser in der Wildnis
Bild: Waltraud Hable

Wild auf Abenteuer? Wer wie unsere Autorin in den südafrikanischen Busch gehen und dabei alles über die Big Five und generell das Leben lernen will, braucht keine Kontakte zu Stammesführern, sondern nur etwas Zeit und untenstehende Internetadressen.

In Südafrika bieten mehrere Organisationen Buschtrainings und Rangerkurse an, die Dauer reicht von zwei Wochen bis zu einem Jahr. Zweimonatskurse starten ab circa 6.000 Euro inklusive Verpflegung, Unterbringung im Zweierzelt und Lehrmaterialien. Flug und Anreise sind extra zu bezahlen. Diese Kurse zielen auf ein offizielles Diplom ab („Professional Nature Filed Guide“, Level 1) und dienen als Grundausbildung für angehende Ranger. Wer die Prüfung nacht ablegen will, ist trotzdem willkommen (viele internationale Teilnehmer handhaben das so). Die Grundvoraussetzung sind lediglich gute Englischkenntnisse (in dieser Sprache wird unterrichtet) und Abenteuerlust.

Anbieter für deinen Ruf der Wildnis finden sich hier: ecotraining.co.za, natucate.com, bushwise.co.za, campfireacademy.co.za

Über Waltrauds Reisen
Was passiert, wenn man seinen Job kündigt, dem Fernweh nachgibt und sich einfach mal die Welt anschaut? Waltraud Hable (41) schreibt über große und kleine Weisheiten, die sie am Wegesrand findet. In der unten stehenden Karte siehst du die Stationen ihrer Weltreise. Durch Klick auf die gelben Symbole erhältst du den Link zu dem jeweiligen Blogeintrag. Oder hier beim ersten Reiseblog starten.

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