Gute-Nacht-Geschichte: Zusammensein

Von einer, die auszog und dabei ganz und gar nicht das Fürchten lernte. Sondern wahre Freundschaft fand. Unsere Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene – diesmal als Märchen.

Es war einmal ein Mädchen, so tapfer und mutig, dass es sich ganz allein in den tiefen Wald zum Haus der Großmutter wagte. Denn die alte Frau lag krank im Bett.

Als sich das Mädchen eiligen Schrittes durchs knisternde Gehölz bewegte, tat sich im Dickicht plötzlich ein seidener schwarzer Schopf auf. „Wer bist du?“, fragte es mit fester Stimme. „Ich bin’s“, ertönte es zwischen den Lärchen. „Die Allerschönste mit der Alabasterhaut, die vor der missmutigen Stiefmutter zu Hause flieht.“

So kam es, dass sich die zwei zusammentaten und Hand in Hand durch den finsteren Forst hüpften, bis sie an eine Lichtung kamen. Dort mussten sie dreimal blinzeln, so groß war das Staunen: Tausende Sterne tanzten wie Glühwürmchen durch die Lüfte, fielen auf ein zartes Wesen nieder und verwandelten sich augenblicklich in glänzende Taler.

„Wer bist du? “, fragte die Schöne mitten hinein in den Goldregen. „Ich bin’s, die Herzensgute! Meine Eltern haben alles verloren, doch nun sind wir reich.“ Zufrieden, einander zu haben, gingen sie zu dritt ihres Weges.

Als die Nacht längst hereingebrochen war, sprang ihnen ein Reh vor die Füße und verschwand, flink wie es war, wieder in der Dunkelheit. „Wer bist du?“, rief die vermögende Gütige in den Wald hinein. Das Rehlein antwortete nicht, stattdessen erklang eine glockenhelle Stimme: „Das Schwesterchen bin ich, die treue Seele. Ich suche mein Brüderchen. Die Zeiten sind schwer, doch ich will es niemals verlassen.“

Das Schwesterchen bin ich, die treue Seele. Ich suche mein Brüderchen. Die Zeiten sind schwer, doch ich will es niemals verlassen.

Weil das Tier aber fort war, zogen sie von nun an als Kleeblatt durchs Land und begegneten auf ihrer Reise durchs Königreich so manch eigentümlichen Gesellen. Da trug einer einen mächtigen Schleifstein auf seinem Rücken, und ein anderer hatte sieben auf einen Streich erlegt.

Sie trafen auf einen Jüngling, der sich durch ein Meer aus Dornen kämpfte, und sahen ein gar lächerliches Männchen ums Feuer tanzen. Und als sie den See erreichten, planschte dort wahrhaftig einer, wie Gott ihn schuf.

„Die Welt ist voller wundersamer Dinge“, sagten die Mädchen und lachten. Waren sie hungrig, labten sie sich an einem mit Köstlichkeiten gedeckten Tischlein. Hatten sie Durst, stillten sie ihn an einem Brunnen, in dem ein Frosch quakte. Sie naschten Lebkuchen vom Knusperhäuschen, wirbelten durch Schneegestöber und tollten mit allerliebsten Geißlein über die Wiese.

Ich bin’s, die Einsame, die sich so nach euch sehnt.

Sieben Meilen waren sie gegangen, da begegnete ihnen eine im staubigen Kittel. Sie war so hilfsbereit und fleißig, dass es einem das Herz erwärmte. Die Pantoffeln an den Füßen machten ihr die Reise aber beschwerlich, und so nahmen die anderen sie in ihrer Mitte auf.

Auf dem Gipfel des siebten Berges stießen sie auf eine Bauerntochter, schlau wie ein Fuchs und im Reigen willkommen. Den Mädchen waren die Augen vor Erschöpfung schon beinahe zugefallen, als sie den Turm erblickten, der sich am Fuße des Berges auftat und weit hinauf in den Himmel ragte.

Das Giebelzimmer barg ein Fensterchen, aus dem sich eine goldene Mähne ergoss und in sanften Wellen zur Erde fiel. Lange war dieses Haar nicht mehr gebändigt worden.

„Wer bist du?“, riefen die Mädchen, so laut sie konnten. „Ich bin’s, die Einsame, die sich so nach euch sehnt.“ Kaum waren die Worte ausgesprochen, griffen die Mädchen auch schon nach dem wilden Schopf und kletterten, eines nach dem anderen, empor. Das Fensterchen war gerade breit genug, um in die Kammer zu schlüpfen.

Groß war die Freude, endlich zusammen zu sein und von all den Abenteuern zu berichten. So verging die Zeit, und die Mädchen hatten in ihrem Turm alles, was sie zum Glücklichsein brauchten. Wusste eine keinen Rat, kannte die Scharfsinnige die Lösung.

War eine traurig, fand sie bei der Gütigen Trost, und niemand fühlte sich einsam, solange die treue Seele bei ihnen war. Die Fleißige erledigte eifrig jede Arbeit, und das Antlitz der Schönen holte die Sonne ins düstere Gemäuer.

Niemals verließ die Mädchen der Mut, und so schliefen sie ein mit einem Lächeln, das sie hundert Jahre auf ihren Lippen tragen sollten.

Als sie erwachten, zwitscherten die Vögel, und von draußen wehte der Duft der Freiheit herein. Eilig sprangen die Mädchen aus den Betten und ließen sich den goldenen Schopf hinabgleiten. Eine nach der anderen verließ den Turm, nur die Letzte wusste nicht so recht, wie sie es bewerkstelligen sollte.

Das eigene Haar war als Tau nicht zu gebrauchen. Sie sah aus dem Fenster, betrachtete die strahlenden Gesichter der Mädchen – und plötzlich war alles klar. Niemals würde sie den Turm verlassen. Denn verließe sie ihn, könnten die anderen nicht zu ihr zurückkehren. Weder die Furchtlose noch die Schöne und auch nicht die Herzensgute, die Treue, die Fleißige und die Kluge. Und das wäre wohl das größte Unglück.

So blieb sie allein zurück und warf bis ans Ende ihrer Tage, wann immer die Mädchen um Einlass baten, das goldenes Haar aus dem Fenster.

Dann waren sie wieder alle zusammen.

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