Gute-Nacht-Geschichte: Die große Leichtigkeit

In unserer Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene nimmt uns diesmal Gerhard Kummer mit auf eine kleine Reise durch große Gefühle und asiatische Philosophie.

Diese Geschichte handelt von einem Traumsommer vor drei Jahren. Aber sie begann eigentlich schon im Winter davor, der alles andere als ein Traum war.

Da saß ich nach einer Trennung ziemlich angeschlagen in der Küche und glaubte an fast nichts mehr. Mir fiel es sogar schwer zu glauben, dass sich mein Spiel jemals wieder drehen wird. In dieser Phase fiel mir ein kleines Buch über Wuwei in die Hände.

Das ist eine Richtung in der chinesischen Philosophie mit folgender Grundaussage: Vertraue dem Leben, deine Dinge werden sich von alleine fügen! Die Kunst dabei sei, keine speziellen Wünsche zu entwickeln, sondern in entspannter Nichterwartung zu verweilen. Das leuchtete mir ein.

Es wäre auch frivol, dem Universum vorzuschreiben, was es zu tun hat. Es ist schließlich kein Lieferservice, sondern eher ein Überraschungsei. Nun, meine Überraschung kam aus dem Nichts heraus. Sie kam an einem Freitagabend im Mai. Und das Interessante: Sie landete direkt in meiner Küche. Ich musste davor nur duschen, ein bisschen aufräumen und die Tür öffnen.

Vertraue dem Leben, deine Dinge werden sich von alleine fügen!

Et voilà: Eine bezaubernde Französin mit exzellenten Deutschkenntnissen marschierte herein. Aber wie kam es überhaupt dazu?

Ganz einfach: Sie war auf einer kurzen Wien-Reise, hatte zufällig in einem Magazin einen Text von mir gelesen und mich digital aufgestöbert. Sie wollte einfach ein Bier mit mir trinken. Das lässt sich machen, schrieb ich zurück und fügte noch hinzu: Idealerweise bei mir, weil ich noch nicht ganz straßen-tauglich bin.

Sie war gerade zehn Minuten bei mir, als ich von elektrischer Beleuchtung auf Kerzenlicht umstieg, längst ein Dauerlächeln im Gesicht. In Wahrheit war ich seit neun Minuten verliebt.

Sie erzählte von ihrem Leben an der Küste, von Fischerdörfern, abge-legenen Stränden und Flaschenpost. Ich hörte ihr wahnsinnig gerne zu, insgeheim mit der Frage beschäftigt, wie man jemals so eine Frau erobern kann.

Aber auch hier half das Wuwei-Prinzip: Es gleich gar nicht versuchen. Und siehe: Irgendwann lag ihr Kopf auf meiner Schulter, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Dieses Gefühl, sich schon ewig zu kennen. Und ihr schönes Lachen schwebte im Raum. Ich hätte es am liebsten in Flaschen abgefüllt für später.

In Wahrheit war ich seit neun Minuten verliebt.

Um vier Uhr morgens brachte ich sie zum Taxi. Bevor sie einstieg, küssten wir uns zum ersten Mal. Und das Verrückte daran: Es geschah genau an der gleichen Stelle vor dem alten Kaffeehaus, an der ich im Winter davor verlassen worden war. Als wäre das meine Schicksalsecke. Ich konnte förmlich spüren, wie dieses neue Erlebnis das vorige augenblicklich überschrieb.

Danach stolperte ich staunend durchs Stiegenhaus zurück und dachte: Käme so etwas in einem Film vor, würde ich ihn wahrscheinlich abdrehen, weil… zu fiktiv. Die Nacht vor ihrem Abflug verbrachte sie bei mir. Wir redeten, bis die Vögel zwitscherten, und liebten uns bis zum Frühstück.

Dafür hatte ich extra Croissants zum Aufbacken besorgt, die mit Sicherheit nicht die geringste Chance gegen frische aus Marseille hatten. Sie war allerdings glücklich genug, das nicht zu erwähnen. Beide waren wir es.

Einen Tag später hatten wir dann plötzlich ein kleines Problem: Ein halber Kontinent lag zwischen uns. Das Problem schien deshalb nur klein, weil Verliebte die Fähigkeit haben, grenzenlos zu fühlen. Sie schaffen es auch irgendwie am Telefon, die Kilometer wegzuflüstern. Und sie verspüren den unbändigen Drang, einander wiederzusehen.

Meine Küchenwand füllte sich inzwischen mit mediterranen Postkarten. Alles füllte sich wieder. Die ganze Wohnung wurde dann schlagartig voll. Im Juli packte sie nämlich ihren Wagen bis unters Dach und reiste zu mir. Sie kam mit vielen Geschenken an, darunter riesigen Badetüchern, Seidenfächern, Champagner, klar, und zwei genialen Strohhüten. Damit ausgerüstet, starteten wir eine Saison, die wir schlicht „unsere großen Ferien“ nannten.

Aber es wurde mehr als nur ein endlos romantisches Abenteuer mit Tropenwetter. Es wurde der Beweis, dass Dinge zur Abwechslung einfach auch prächtig laufen können. Die Sterne mochten uns also – dabei machten wir gar nicht so viel: Wir lebten 200 Prozent, aber das war unheimlich easy.

Alles kam easy. Wir hörten pausenlos Swing, waren randvoll mit Schmetterlingen und frühstückten so lange, bis es unvermeidlich war, baden zu fahren. Wir hatten unseren Lieblingsplatz am Wasser und gleich daneben unseren Lieblingsponton.

Wir freundeten uns mit einer Entenfamilie an, kauften Eis beim Eismobil und verpassten keinen einzigen Sonnenuntergang. Wir waren eindeutig die süßesten Piraten der Welt. Unsere Nächte wiederum verliefen uferlos. Sushi um Mitternacht. Hand in Hand durch alte Gassen. Auf die Lichter der Stadt schauen und drauf kommen, dass man im Bett viel besser aufgehoben wäre.

Einschlafen, wach werden, spüren, weiterträumen. Die Vorhänge bewegten sich im warmen Wind, ja, und im Flur standen Sandalen mit bunten Bällchen dran. So war dieser Sommer. Magisch und groß und noch den ganzen September lang. Auf eine Art hat er niemals aufgehört. Und doch kam dieser Tag, an dem sie wieder nach Hause musste. Wir saßen am Küchentisch, an dem alles begonnen hatte, und sahen uns an.

Jetzt einfach Adieu sagen für ungewisse Zeit? Würden echte Piraten sicher nicht tun. Also warfen wir unsere Taschen in den Wagen und nahmen die Autobahn ans Meer.

Gerhard Kummer, Journalist und Autor, lebt, liebt und schreibt in Wien – des Öfteren auch für carpe diem.

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