In der Blue Zone Sardinien: Wie die Superalten für immer jung bleiben

Waltraud Hable besucht Menschen, die aufs Sterben vergessen haben.

Luigi ist fasziniert. „Es ist so einfach“, flüstert er mir zu. „Du fährst in eines der Dörfer, fragst ein bisschen herum und stellst fest: Sie sind überall, wirklich ü-ber-all.“ Wir stehen in einem kleinen Kiosk im Zweitausend-Einwohner-Dorf Orroli. Das Zauberwort, mit dem Luigi die Frau hinter der Kasse zum Plaudern gebracht hat, ist „centenario“, das italienische Wort für Hundertjahrfeier, aber auch für einen Hundertjährigen. 

Ob es hier wohl jemanden gebe, der die magische Altersgrenze bereits überschritten hat? Luigi Corda ist Fotograf, ein richtig guter sogar. Er hat einen Bildband über Superalte gemacht und sich bereit erklärt, mir zu helfen, weil mein Italienisch außer dem Kellner meiner Pizzeria niemandem zuzumuten ist – und eigentlich nicht mal dem. Und so stehen wir nun zu zweit im Kiosk und staunen.

Das Dorf der Hundertjährigen in der Blue Zone Sardinien

„Centenari? Sì, sì“, kommt es nämlich prompt zurück. „Wie viele braucht ihr denn?“ Die Kioskfrau lacht. „Zurzeit ­leben vier Hundertjährige im Dorf. Eine Signora, sie ist 103 Jahre alt, hat hier vor ein paar Tagen ein Rubbellos gekauft.“ 

Dann winkt sie den Kunden, der am Tresen einen Espresso trinkt, zu sich. Er ist der Apotheker von Orroli. Minuten später haben wir alles, was wir brauchen: Telefonnummern von Verwandten, Wegbeschreibungen und einen Hinweis auf einen Supergreis im Nachbarort, der sich neben seiner Hühnerzucht angeblich auch bester Gesundheit erfreut. 

Die Entdeckung der Blue Zones 

Ich bin auf Sardinien, die nach Sizilien zweitgrößte Insel des Mittelmeers, gekommen, um mit eigenen Augen zu ­sehen, was die Wissenschaft bis heute nicht vollständig zu erklären vermag: die überdurchschnittlich hohe Zahl an Hundertjährigen im gebirgigen Inneren, der Heimat von Schafhirten und Bauern.

Rund ein Dutzend Dörfer und zirka 80.000 Einwohner umfasst die Region, in der die Menschen aufs Sterben zu vergessen scheinen.

Hier vergessen die Menschen aufs Sterben. Warum? Vielleicht, weil sie verstanden haben, dass jeder Moment die Chance birgt, Zufriedenheit zu bringen.

Wissenschaftler nennen solche Gebiete „Blue Zones“. Der Begriff ist einem blauen Textmarker geschuldet, den der sardische Biologe Gianni Pes zufällig bei sich trug, als er vor rund 20 Jahren statistisch auffällige Orte auf der Landkarte einzeichnete. „Bei der Analyse von Geburts- und Sterberegistern habe ich entdeckt, dass in Sardiniens Gebirgsregion eines von 79 Neugeborenen das Alter von 100 Jahren erreicht“, erzählt mir Pes beim Mittagessen. „Vereinfacht gesagt ist das ein Verhältnis von 1:100. Im Rest Sardiniens liegt es hingegen bei 1:500.“ Und: „Die weltweit gültige Regel, dass Männer früher sterben als Frauen, gilt hier nicht. Hundert Jahre alt werden hier gleich viele Männer wie Frauen.“ 

Alles eine Datenfrage

Spektakulär sei das, und es mache die Hochebene zu einer „wahren“ Blue Zone, sagt Biologe Pes, der an der Universität von Sassari im Nordwesten der Insel forscht. Neben Sardinien, erklärt er, habe nur noch die Halbinsel Nicoya in ­Costa Rica diesen Status verdient – obwohl weltweit von fünf Blue Zones gesprochen wird. Doch die Daten der drei anderen, von der japanischen Inselkette Okinawa, einer Adventisten-Gemeinde in Kalifornien und der griechischen Insel Ikaria, sind Pes zu schwammig. „In Ikarias Blue Zone leben nur 8.000 Menschen“, erklärt er. „In einem Jahr findest du dort ein bis zwei sogenannte Centenari, im nächsten gar keine. Auf Sardinien und Nicoya da­gegen ist die Anzahl konstant.

Gasparru, 107 (Foto: Luigi Corda)

Gasparru Mele beeindrucken solche Spitzfindigkeiten wenig. Der älteste Mann Sardiniens lebt am Tag unseres Besuchs seit 107 Jahren, sieben Monaten und fünf Tagen. Als er im Frühling 1911 geboren wurde, war Italien noch ein ­Königreich, Pferdekarren bestimmten das Straßenbild. 

Ich besuche ihn im Dorf Orotelli, in einem Haus, das der schmächtige Bau­arbeiter seinerzeit eigenhändig in den Stein gehauen hat. Hier wuchsen seine acht Kinder heran, hier weinte er vor zehn Jahren um seine Frau, hier feierte er mit Freunden, die er alle überlebt hat. 

In den Innenhof schafft er es nur noch in Zeitlupe, das Gehen fällt ihm schwer. Er begrüßt mich in der Küche, vor dem flackernden Kaminfeuer. Als ich mich zu dem 1,60 Meter kleinen Greis hinunterbeuge und „Buongiorno, signore“ krächze, habe ich plötzlich einen Kloß im Hals, und die Tränen schießen mir in die Augen. Was ist los mit mir? Der Arme muss denken, ich sei verrückt, wie ich da ergriffen vor ihm hocke. 

In den Tagen danach soll mir das noch öfter passieren, obwohl ich eigentlich nicht nah am Wasser gebaut bin. Gasparru, adrett im Anzug und mit sardischer Schiebermütze auf dem Kopf, bleibt entspannt und deutet mir, neben ihm Platz zu nehmen. Die Kraft, die dieser zerbrechliche Mann ausstrahlt, der gerade Rücken, mit dem er allem trotzt, was ihm das Leben in 107 Jahren vor die Füße geworfen hat, die würdevolle Gelassenheit – in diesem Zimmer wirkt es, als könnte er die Zeit anhalten.  

Was in aller Welt hat mich veranlasst, zu glauben, zwei Stunden Gespräch würden ausreichen, einen halbwegs vernünftigen Abriss eines hundertjährigen Lebens zu zeichnen?

Während ich neben ihm sitze und zu­höre, stelle ich beschämt fest: Ich bin ein anmaßender Trottel. Was in aller Welt hat mich veranlasst, zu glauben, zwei Stunden Gespräch würden ausreichen, einen halbwegs vernünftigen Abriss eines hundertjährigen Lebens zu zeichnen – geschweige denn hinter das Geheimnis zu kommen, wie man biblisch alt wird? 

Rezepte für ein langes Leben

„Jeder will mein Rezept für ein langes Leben wissen“, lächelt Gasparru, als ich ihn doch festzunageln versuche. Auch er weiß: Nur an den guten Genen liegt die Sache nicht. Die Forschung sagt, dass die nur zu 10 bis 20 Prozent eine Rolle spielen. „Wenn man sich ansieht, wie alt die Eltern von Hundertjährigen wurden, dann sieht man: nicht überdurchschnittlich alt“, bestätigt der Biologe Gianni Pes. Ständig in Bewegung zu sein sei schon eher der Schlüssel zum Altersglück. Auch, den Magen stets nur zu 80 Prozent zu füllen, idealerweise mit wenig raffiniertem Zucker und wenig Fleisch.  

Schafe im Landes­inneren Sardiniens. Schaf- und Ziegenmilch wird hier täglich getrunken. (Foto: Luigi Corda)

In Sardiniens Blue Zone gibt es Pasta und selbst gezogenes Gemüse: Fenchel, Tomaten, Bohnen, Kichererbsen, zu einer Minestrone vermanscht. Olivenöl, dick in der Konsistenz und sattgrün. Pane moddizzosu, ein goldgelbes Brot aus Weizengrieß und Kartoffeln. Nicht zu vergessen: die Ziegenmilch. Sie gilt als Lebenselixier, der Muttermilch ähnlich und leichter verdaulich als Kuhmilch. Man trinkt sie zum Frühstück, isst sie als Ricotta und als Käse in den Culurgiones, sardischen Ravioli. 

„Aktuelle Forschungen beschäftigen sich mit der Darmflora“, erzählt Gianni Pes. „Es gibt Indizien dafür, dass Mikro­biotika die Lebenserwartung deutlich steigern.“ Nachsatz: „Wir wissen nur noch nicht, welche.“ 

Guiseppe, 104 (Foto: Luigi Corda)

Alles mit Maß

Giuseppe Atzeni aus Monserrato hat seine Darmflora nie checken lassen. Der 104-Jährige war mit 80 zum ersten Mal beim Arzt, und das auch nur auf Drängen seiner Verwandten. Prostata, Blutdruck – alles im grünen Bereich. 

Ob sein hohes Alter vielleicht dem Cannonau di Sardegna geschuldet sein könnte, dem sardischen Rotwein, dem mehr Antioxidantien nachgesagt werden als jedem anderen Rebensaft? Immerhin war Giuseppe Weinhändler. Einer, bei dem man gerne testen ließ, ob ein Jahrgang etwas taugte. „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortet der alte Herr und wieselt mit dem Gehstock in den Innenhof, um nach seinen Tomaten­pflanzen zu sehen. „Ich habe – wenn überhaupt – ein Glas pro Tag getrunken.“ 

Der 104-Jährige war mit 80 zum ersten Mal beim Arzt, und das auch nur auf Drängen seiner Verwandten.

Ein maßvoller Umgang – mit allem im Leben – sei schon eher eine Erklärung. Und die Sicherheit, dass er auf seine Verwandtschaft bauen könne. Eine Studie kommt mir in den Sinn, wonach soziale Isolation so schädlich sei wie 15 Zigaretten am Tag. Scheint zu stimmen.

Auch wenn Giuseppe nie verheiratet war und keine Kinder hat: Einsam ist er nicht. Er fühlt sich pudelwohl in dem Haus, das er mit der Familie seines Neffen und seiner 99-jährigen Schwester teilt. Aber nicht nur die Verwandten sorgen für ihre Superalten, die ganze Dorfgemeinschaft tut das. Egal, wo ich in der Blue Zone aufschlage: Centenari werden wie lokale Berühmtheiten gehandelt, zu den Geburtstagen tanzt der Bürgermeister an, Zeitungen berichten. 

„Wenn ich rausgehe, spricht mich immer jemand an“, sagt Giuseppe über seinen Promi-Status. Seine Freunde sind eine andere Generation, 70, 80, 90 Jahre jung, dennoch haben sie gemeinsam viel zu lachen. Bei meinem Besuch interessiert sich Giuseppe für meine zerrissenen Jeans. „Das ist jetzt Mode“, erkläre ich. „Hat viel Geld gekostet.“ – „Aha.“ ­Giuseppe nickt schelmisch: „Ich mache dir einen guten Preis für meine ausrangierten Hosen.“ 

Pietrina, 102 (Foto: Luigi Corda)

Glück, eine Frage der Definition

Sechs Superalte treffe ich innerhalb von zwei Tagen. 600 Jahre Leben in 48 Stunden. Im Auto, auf dem Weg zum Flughafen, fühle ich mich emotional zerschlagen. Will ich so alt werden wie die Centenari? Und wenn ja, wie soll ich so ein biblisches Alter finanzieren? Ich bin ja nicht einmal im Besitz einer vernünftigen Pensionsvorsorge.

Doch auch mit Sorglos-­Sparkonto wäre ich nicht davor gefeit, allein im ­Altersheim vor mich hin zu vegetieren. Ich brauche nur mein Leben zu betrachten: keine Kinder, keine große Verwandtschaft, kein Mann.

Erneut kommen mir die Tränen. So berührend meine Begegnungen mit den alten Herrschaften waren, womöglich habe ich vor allem um mich selbst geweint – um die einsame alte Frau, die ich eines Tages vielleicht sein könnte.

Mach dir keinen zu großen Kopf. Du kannst die Zukunft nicht domptieren

„Calma, calma“, höre ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf.

Ein Satz, den mir fast alle Centenari mitgegeben haben. „Nur die Ruhe. Mach dir keinen zu großen Kopf. Du kannst die Zukunft nicht domptieren.“ Eh. Aber erzählt das mal meinem Bewusstsein. „Calma, calma. Hör auf, dem Glück hinterherzu­jagen“, erklingt es in meinem Ohr weiter. Egal, mit welchem Centenario ich auf dieser Reise gesprochen habe, keiner schien sich so recht an Momente erinnern zu wollen, die das Herz vor Freude fast zerspringen ließen. 

„Wenn es für diese ganz Alten nicht wichtig ist, was soll dann das Gefasel, Glücklichsein wäre essenziell für ein langes Leben?“, frage ich Luigi am Nebensitz.

„Du musst genauer hinhören“, meint er lächelnd. 

Gesuino, 100 (Foto: Luigi Corda)

Und ich weiß, er hat recht. Gasparru, der 107-Jährige aus Orotelli etwa, mag zwar ständig über seine Zeit als Mussolini-Soldat in Afrika erzählt haben. Bei genauerer Betrachtung war es aber keine Geschichte über den Krieg, vielmehr über seine Liebe zur Poesie.

Erst beim Militär habe er richtig lesen und schreiben gelernt, hat Gasparru gesagt, und damit begonnen, was ihn bewegte, in Verse zu fassen. Noch heute krakelt er hingebungsvoll poetische Weisheiten auf kleine Zettel – und wenn sie Anklang finden, hüpft sein Herz. Aber es hüpft eben still, demütig, ohne Jubel­geschrei und ohne Ausrufezeichen … 

Oder Marianna. Die 103-Jährige hat bei meinem Besuch unerlässlich von der harten Arbeit am Feld gesprochen. Aber eigentlich sprach sie von der Freude, die Früchte ihrer Mühe zu ernten. Von den Pfirsichen, die sie so gerne isst, prall und süß von der Sonne und ihrer Pflege. Das macht Marianna glücklich. Und irgendwie auch mich. Weil es zeigt, dass jeder Moment eine Chance birgt, Zufriedenheit zu bringen. 

„Calma, calma.“

Verstanden. Dafür reicht sogar mein bisschen Italienisch.

Über Waltrauds Reisen
Was passiert, wenn man seinen Job kündigt, dem Fernweh nachgibt und sich einfach mal die Welt anschaut? Waltraud Hable (41) schreibt über große und kleine Weisheiten, die sie am Wegesrand findet. In der unten stehenden Karte siehst du die Stationen ihrer Weltreise. Durch Klick auf die gelben Symbole erhältst du den Link zu dem jeweiligen Blogeintrag. Oder hier beim ersten Reiseblog starten.