Waltraud Hable

Für immer jung

Auf Sardinien begegnet man auffällig vielen Menschen, die Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren wurden. Männern und Frauen, die immer noch lernen, lachen, ihr Leben genießen. Was ist das Geheimnis der Superalten? Die Suche nach Antworten führte unsere Autorin Waltraud Hable ins Innere der Insel – und ihrer selbst.
Pietrina, 102
Pietrina, 102 (Foto: Luigi Corda)

Glück, eine Frage der Definition

Sechs Superalte treffe ich innerhalb von zwei Tagen. 600 Jahre Leben in 48 Stunden. Im Auto, auf dem Weg zum Flughafen, fühle ich mich emotional zerschlagen. Will ich so alt werden wie die Centenari? Und wenn ja, wie soll ich so ein biblisches Alter finanzieren? Ich bin ja nicht einmal im Besitz einer vernünftigen Pensionsvorsorge.

Doch auch mit Sorglos-­Sparkonto wäre ich nicht davor gefeit, allein im ­Altersheim vor mich hin zu vegetieren. Ich brauche nur mein Leben zu betrachten: keine Kinder, keine große Verwandtschaft, kein Mann.

Erneut kommen mir die Tränen. So berührend meine Begegnungen mit den alten Herrschaften waren, womöglich habe ich vor allem um mich selbst geweint – um die einsame alte Frau, die ich eines Tages vielleicht sein könnte.

Mach dir keinen zu großen Kopf. Du kannst die Zukunft nicht domptieren

„Calma, calma“, höre ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf.

Ein Satz, den mir fast alle Centenari mitgegeben haben. „Nur die Ruhe. Mach dir keinen zu großen Kopf. Du kannst die Zukunft nicht domptieren.“ Eh. Aber erzählt das mal meinem Bewusstsein. „Calma, calma. Hör auf, dem Glück hinterherzu­jagen“, erklingt es in meinem Ohr weiter. Egal, mit welchem Centenario ich auf dieser Reise gesprochen habe, keiner schien sich so recht an Momente erinnern zu wollen, die das Herz vor Freude fast zerspringen ließen. 

„Wenn es für diese ganz Alten nicht wichtig ist, was soll dann das Gefasel, Glücklichsein wäre essenziell für ein langes Leben?“, frage ich Luigi am Nebensitz.

„Du musst genauer hinhören“, meint er lächelnd. 

Gesuino, 100
Gesuino, 100 (Foto: Luigi Corda)

Und ich weiß, er hat recht. Gasparru, der 107-Jährige aus Orotelli etwa, mag zwar ständig über seine Zeit als Mussolini-Soldat in Afrika erzählt haben. Bei genauerer Betrachtung war es aber keine Geschichte über den Krieg, vielmehr über seine Liebe zur Poesie.

Erst beim Militär habe er richtig lesen und schreiben gelernt, hat Gasparru gesagt, und damit begonnen, was ihn bewegte, in Verse zu fassen. Noch heute krakelt er hingebungsvoll poetische Weisheiten auf kleine Zettel – und wenn sie Anklang finden, hüpft sein Herz. Aber es hüpft eben still, demütig, ohne Jubel­geschrei und ohne Ausrufezeichen … 

Oder Marianna. Die 103-Jährige hat bei meinem Besuch unerlässlich von der harten Arbeit am Feld gesprochen. Aber eigentlich sprach sie von der Freude, die Früchte ihrer Mühe zu ernten. Von den Pfirsichen, die sie so gerne isst, prall und süß von der Sonne und ihrer Pflege. Das macht Marianna glücklich. Und irgendwie auch mich. Weil es zeigt, dass jeder Moment eine Chance birgt, Zufriedenheit zu bringen. 

„Calma, calma.“

Verstanden. Dafür reicht sogar mein bisschen Italienisch.

Über Waltrauds Reisen
Was passiert, wenn man seinen Job kündigt, dem Fernweh nachgibt und sich einfach mal die Welt anschaut? Waltraud Hable (40) schreibt über große und kleine Weisheiten, die sie am Wegesrand findet. In der unten stehenden Karte siehst du die Stationen ihrer Weltreise. Durch Klick auf die gelben Symbole erhältst du den Link zu dem jeweiligen Blogeintrag. Oder hier beim ersten Reiseblog starten.

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