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Katrin Rath, 29, ist hauptberuflich damit beschäftigt, uns auf bergwelten.com die Schönheit der Natur näherzubringen. Dass dazu auch Wurmkot zählen könnte, hätte sie nicht gedacht. Aber dann ließ sie sich für carpe diem auf ein Experiment ein …

Was ist eine Wurmkiste?

Das Studium der Wurmkompostierung trägt nicht wirklich dazu bei, den doch immer wieder aufkeimenden leichten Ekel zu eliminieren: Mikroorganismen zersetzen gemeinsam mit Würmern den Biomüll. Erstere machen die Essensreste löchrig und matschig, sie vermehren sich mit den gewonnenen Stoffen. Die Würmer, die keine Zähne haben, um z. B. von Apfelgehäusen abzubeißen, saugen dann an den Pilzen und Bakterien.

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Ist alles verdaut, scheiden die Würmer Kot aus – das ist dann der Wurmhumus. Ab hier wird es wieder appetitlicher: Mit herkömmlicher Erde vermischt, ergibt der Humus den perfekten Nährboden für Jungpflanzen, oberflächlich in Beete und Töpfe eingebracht, ist er ein zuverlässiges Düngemittel.

Eine Wurmkiste ist also nichts anderes als ein Komposthaufen – nur eben kleiner und angeblich ohne unangenehme Gerüche. Je nachdem, wie viel Biomüll im Haushalt anfällt, kann man zwischen unterschiedlichen Größen wählen. Ich bestelle auf wurmkiste.at die kleinste Variante – neben den Würmern leben schließlich nur zwei Personen in der Wohnung. Und die gehen auch gern einmal in Restaurants essen und verursachen deshalb keine Unmengen an Obst- und Gemüseresten.

Der Hausbau

Weil mir die Herausforderung, mehrere hundert Würmer am Leben zu erhalten, noch nicht groß genug ist, entscheide ich mich für das Wurmkisten-Selbstbau-Set. Wenige Tage später erhalte ich einen großen Karton, gefüllt mit Holzplatten, Schrauben, Scharnieren, Leim und zwei Plastikkisten. Die Würmer machen sich erst auf den Weg zu mir, wenn ihr Zuhause fertig ist.

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Als erfolgreiche IKEA-Möbel-Monteurin fühle ich mich der Aufgabe gewachsen, schließlich wird in der mitgelieferten Bauanleitung jeder Schritt genauestens erklärt und bebildert. Ein wenig Hilfe (mein Partner kann sogar nicht-skandinavische Möbel bauen) und ein paar aufbauende Worte („Das ist windschief, aber da sieht es niemand“) braucht es dann aber doch, um alle Teile sicher miteinander zu verbinden. Dort, wo man es sehen kann, sind die Wände immerhin „nur ein bisschen“ schief. Mir war Perfektionismus schon immer fremd. Den Würmern wird es egal sein.

Der Einzug

Nun ist es an der Zeit, Leben in die Holzbude zu bringen. Meine Würmer werden in einem grünen, mit Erde gefüllten Kübelchen geliefert. Nicht nur für den Bau der Kiste gibt es eine detaillierte Anleitung, sondern auch für deren „Inbetriebnahme“ und die maximale Wurmzufriedenheit. Zwar ruft das Nachsinnen über den Kompostiervorgang etwas Ekel bei mir hervor (wir erinnern uns: Würmer, die Pilze aussaugen), jedoch habe ich kein Problem mit Würmern an sich. Sonst wäre ich wohl kaum auf die Idee gekommen, sie bei mir einziehen zu lassen.

Beim Anblick des etwa faustgroßen Wurmknäuels, das sich mir beim Öffnen des kleinen Eimers präsentiert, verrenkt sich mein Magen dann aber doch kurz. Ich leere die Würmer so schnell und gleichzeitig vorsichtig wie möglich in die Kiste, damit ich nicht länger darüber nachdenke.

In ihrem neuen Heim angekommen, teilen sich die Würmer bald auf, und ich beginne, feuchte Kartonschnipsel unter die Erde zu mischen und das Ganze dann mit etwas Wasser zu besprühen. Darüber wird eine etwa 2 cm dicke Hanfmatte gelegt, damit die Kiste nicht austrocknet, und dann schließe ich den Deckel. Das ist vorerst alles, was meine neuen Mitbewohner an Nahrung und Aufmerksamkeit bekommen sollten. Sie müssen sich erst einleben und dürfen die ersten drei Tage auch nicht gefüttert werden.

Das perfekte Raumklima

Ich sehe mehrmals täglich nach ihnen und vergewissere mich, dass in der Kiste bestes Wurmklima herrscht. Das überprüft man am besten mit der sogenannten Faustprobe: Dazu entnimmt man eine Handvoll Erde, sortiert darin befindliche Würmer aus und presst dann die Faust zusammen. Tritt etwas Wasser zwischen den Fingern hervor, hat man alles richtig gemacht. Tropft es aus der Hand, ist es zu feucht in der Kiste; spürt man keine Feuchtigkeit, ist es zu trocken. Ich weiß nicht, wie schnell sich dieser Zustand ändern kann, deshalb teste ich sicherheitshalber bei jedem Öffnen der Kiste. Und jedes Mal herrschen perfekte Bedingungen vor. Ich bin stolz auf mich.

Das erste Festmahl

Richtig interessant wird es aber erst mit der ersten Fütterung. Am Anfang können die Würmer noch nicht so viel Biomüll verwerten. Man gibt ihnen nur 100 Gramm täglich oder alle drei Tage die dreifache Menge. 80 Prozent der Nahrung sollten aus Obst- und Gemüseresten bestehen und 20 Prozent aus Karton oder Zeitungspapier, denn Würmer benötigen die darin enthaltenen Fasern.

Weil bei uns nicht täglich Biomüll anfällt, beschließe ich, alle drei Tage zu füttern. Zu Beginn wird aufs Gramm genau mit der Küchenwaage gearbeitet. Aber bald macht sich auch hier mein Mangel an Perfektionismus bemerkbar, und ich steige auf die Auge-mal-Pi-Schätzung um. In der Anleitung steht, dass Würmer sehr robust sind, und ich denke, sie sollten gleich von Anfang an wissen, worauf sie sich hier eingelassen haben.

Wurmkiste, Katrin Rath

4 Gründe, warum man eine Wurmkiste braucht

Früher haben wir ihnen fasziniert zugeschaut, wenn sie uns bei unseren spielerischen „Erdbauarbeiten“ im Gemüsebeet überrascht haben. Heute kann man sich die umtriebigen Würmer für seinen Biomüll direkt nach Hause holen. Weiterlesen...

Der bevorzugte Speiseplan

Ich muss zugeben, ich habe mir das mit dem Füttern etwas einfacher vorgestellt: Biomüll sammeln und einfach rein damit. Dass sie kein Fleisch, keine Milchprodukte und kein Getreide vertragen, dachte ich mir schon und auch, dass gekochte Speisen nicht auf dem Speiseplan stehen sollten. Aber auch Zitrusfrüchte und -schalen sollten nicht in die Kiste. Hinzu kommt, dass man das vegane Rohkostmenü möglichst klein schneiden sollte.

So vergrößert sich die Oberfläche, und die Mikroorganismen können die Lebensmittel schneller zersetzen. Dafür freuen sie sich aber auch über Tee- und Kaffeesatz, was ich bisher nicht wusste. Kompostwürmer können auch mit chemischen Pflanzenschutzmitteln umgehen, indem sie das Gift aufnehmen (bis zu 50-mal stärker konzentriert als in der Umgebung) und zu einem großen Teil selbst wieder abbauen. Nachdem wir hauptsächlich Bio-Lebensmittel kaufen, bleibt ihnen die Vergiftung aber erspart.

Die erste Überraschung

Es sind nun zwei Wochen vergangen, und meine Würmer scheinen sich wohlzufühlen. Die Essensreste werden von ihnen nach und nach vertilgt, und in der Faustprobe zeigt sich: Auch das Klima in der Kiste bleibt stabil. Zeit, sie das erste Mal für ein verlängertes Wochenende alleinzulassen.

Prinzipiell gilt: Ist man weniger als eine Woche weg, kommen die Würmer ohne besondere Vorkehrungen allein zurecht. Bei bis zu drei Wochen Urlaub gibt man einfach mehr Futter in die Kiste. Und gedenkt man länger wegzubleiben, sollte man sich nach Wurmsittern umsehen. Da ich nur wenige Tage nicht da sein werde, behalte ich die Futterroutine vor der Abreise bei, zerstückle den Kohlstrunk vom Mittagessen, zerschnipsle den Karton einer Klopapierrolle, befeuchte das Ganze – und vertschüsse mich.

Nach vier Tagen ohne Wurmkontakt freue ich mich auf ein Wiedersehen. Ich öffne den Deckel und will ihn am liebsten gleich wieder zuschlagen. Riecht es in der Kiste normalerweise nach feuchtem Waldboden, schlägt mir jetzt beißender Fäulnisgestank entgegen. Zögernd hebe ich die Hanfmatte an. Darunter kommt blauer, fast türkiser Schimmel zum Vorschein, der die Kohlreste überzieht. Neben der Kontrolle meines Mageninhalts ist meine größte Sorge das Wohlergehen meiner Würmer.

Auf den ersten Blick scheint ihnen diese unwirtliche Umgebung nichts auszumachen, sie schlängeln sich wie gewohnt durch den Bioabfall. Auch in der Anleitung steht, dass Schimmel nicht weiter dramatisch ist – allerdings die weiße Form davon. Das überzeugt mich nicht, und ich suche ein Internetforum auf.

Dort schreibt ein User namens Worma: „Ich halte mich daran, dass Schimmelpilze Destruenten sind, also das Futter für die Würmer schon mal vorverdauen. Deshalb sehe ich das völlig entspannt.“ Kein Grund zur Panik also. Den Gestank will ich mir dennoch nicht antun und fische alle Kohl-Reste aus der Kiste. Die daraus gelernte Lektion: Was beim Menschen für unangenehme Gerüche und Ausdünstungen sorgt, macht sich auch nicht gut im Wurmkompost.

Katrin Rath, Wurmkiste, Gemüse- und Obstreste
Katrin Rath füttert ihre neuen Mitbewohner streng nach Diätplan.

Franziska Viviane Zobel und Gregor Kuntscher

Die Zusatzkost

Neben dem feuchten Klima, Biomüll und den Papierfasern brauchen Würmer einen neutralen pH-Wert, um zu überleben und sich fortpflanzen zu können. Dafür sorgt eine Mineralmischung, die man einmal im Monat in die Kiste streut. Sie versorgt meine Mitbewohner außerdem mit wichtigen zusätzlichen Nährstoffen.

  • Sinkt der pH-Wert, treten Enchyträen auf. Das sind kleine weiße Würmer, die zwar ebenfalls beim Zersetzen der Nahrung helfen, aber nicht Überhand gewinnen sollten. Auf dem Bild in der Anleitung sehen sie zudem nicht besonders appetitlich aus, weshalb ich nicht beleidigt wäre, würde ich keinen davon zu Gesicht bekommen. Die Mineralmischung wird darum pünktlichst nach den empfohlenen drei Wochen eingestreut.

Die nächsten Überraschungen

Ab jetzt erwartet mich gefühlt mit jedem Öffnen des Deckels eine neue Überraschung. Nachdem wir und die Würmer Kürbis gespeist haben, wachsen nun aus den Samen, die in der Kiste gelandet sind, kleine Pflänzchen. Wurmkompost dürfte also tatsächlich sehr fruchtbar sein. Wie in der Anleitung beschrieben, zupfe ich die Triebe aus oder knicke sie ab, damit sie von den Würmerngefressen werden.

Mein Eingreifen scheint die Kürbisse jedoch nicht sonderlich zu beeindrucken: Nach dem nächsten verlängerten Wochenende wölbt sich die Hanfmatte nach oben, sie liegt nicht mehr am Biomüll, sondern auf den Pflanzentrieben auf. Leider ist es noch zu kalt, um diese direkt auf den Balkon zu setzen, also werden sie wieder ausgerupft. Diesmal gehe ich etwas sorgfältiger vor.

Bei der nächsten Fütterung erkenne ich ein neues Pflänzchen, das sich seinen Weg an der Hanfmatte vorbei nach oben bahnen will: Eine Süßkartoffel-Ecke treibt aus. Diesmal beschließe ich, die Pflanze in der Kiste gedeihen zu lassen, bis es am Balkon warm genug für sie ist. Drei Tage später ist auch der Kürbis wieder zurück und wird erneut den Würmern zum Fraß vorgeworfen.

Der erste Monatstag

Einen ganzen Monat leben die Würmer nun schon bei mir. Damit ist es laut Anleitung an der Zeit, die grüne Erntekiste in die Holzbox zu setzen. Sie besteht aus einem Plastikgitter, damit die Würmer zwischen Kompost und Erntekiste wechseln können, und wird einfach auf die bisherigen Schichten gesetzt.

Weil die Oberkanten noch nicht bündig abschließen und wohl noch zu wenig Biomüll in der Holzkiste ist, entscheide ich, noch ein wenig zu warten. Vielleicht habe ich meine Würmer zu wenig gefüttert?

Der nächste Schock

Überhaupt kommt es mir so vor, als würden meine Mitbewohner immer weniger werden. Ich sehe sie immer seltener im Biomüll wühlen, wenn ich den Deckel öffne. Habe ich etwa etwas falsch gemacht? Ist es feucht genug? Haben sie genug zu fressen? Ich studiere die Anleitung erneut genauestens, mache regelmäßig die Faustprobe und fange wieder an, den Biomüll abzuwiegen. Ich kann keinen Fehler finden.

  • Beim Blick auf den Kalender bemerke ich allerdings, dass es wieder an der Zeit für die Mineralmischung ist. Ich streue zwei große Esslöffel in die Kiste, und siehe da: Die Würmer lassen sich wieder blicken und kommen an die Oberfläche. Offenbar haben ihnen die Nährstoffe aus dem weißen Pulver gefehlt. Große Erleichterung.

Katrin Rath, Wurmkiste, Obstreste, Gemüsereste, Würmer, Illustration
Damit die Würmer gedeihen, müssen ein paar wichtige Regeln befolgt werden.

Franziska Viviane Zobel und Gregor Kuntscher

Die neuen Mitbewohner

Langsam, aber sicher zieht nun der Frühling ins Land. Einerseits heißt das, dass ich endlich die Süßkartoffel aus der Kiste nehmen und am Balkon einsetzen kann, andererseits fühlen sich Trauermücken dank der steigenden Temperaturen sehr wohl bei meinen Würmern. Von der Kiste ausgehend, schwärmen sie in die gesamte Wohnung aus. Zeit, einen erneuten Blick in die Anleitung zu werfen.

Zum Glück lässt sich auch dieses Problem schnell lösen: Ich sauge alle Mücken, die ich am Deckel und an den Wänden der Wurmbox finden kann, ein und klebe eine Gelbtafel, eine chemiefreie Insektenfalle, an die Innenseite.

Die nächsten sechs Monate

Zwei weitere Wochen später setze ich nun die Erntekiste ein. Sie wird für die nächsten sechs Monate – oder wie lange es eben dauert, bis sie voll ist – nicht mehr rausgenommen, und der Biomüll landet ab jetzt dort. Alles, was darunter liegt, verarbeiten die Würmer zu Humus, und der wird dann in unsere Blumentöpfe und Kräuterbeete am Balkon eingebracht.

  • Zusätzlich sickert noch Kompostextrakt durch die Membran am Kistenboden in eine große Plastiktasse. Der sogenannte „Wurmtee“ (also die flüssigen Ausscheidungen der Kistenbewohner) kann ebenfalls als Dünger verwendet werden. Meine Schützlinge haben die Probezeit gut überstanden, jetzt heißt es geduldig sein. Welche Überraschungen werden sie mir wohl noch bereiten?