Der Busch ruft: Warum man manchmal dahin gehen muss, wovor man die grĂ¶ĂŸte Angst hat

Travel-Autorin Waltraud Hable zieht in den sĂŒdafrikanischen Busch. Wochenlang lang nur Löwen, Zebras, Aasgeier, viel Sonne, noch mehr Staub, kalte Duschen und Camping.

Zelten, Dreck und Badezimmerlosigkeit verabscheue ich. Nicht nur deshalb ist mir seit Tagen flau im Magen.

„Ich versteh nicht, wieso man in den Busch geht, wenn man Campen nicht mag“, hat eine Reisebekanntschaft neulich zu mir gemeint. Ich gebe zu, die Frage ist berechtigt. Manchmal weiß ich selber nicht, warum ich mich fĂŒr den Grundkurs zur Safari-Ranger-Ausbildung angemeldet habe. Ich schĂ€tze, ich muss mich nur wieder daran erinnern, wie es sich angefĂŒhlt hat, als ich beschloss: Ich mach das.

Manchmal weiß ich selber nicht, warum ich mich fĂŒr den Grundkurs zur Safari-Ranger-Ausbildung angemeldet habe.

Es war Winter in Wien. Arschkalt. Frierend stand ich an der Bushaltestelle, um zur Arbeit zu fahren, als plötzlich die Sonne aufzog und sich mit ihrem Glitzern hinter den Wolken meine Laune hob.

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Bild: Larry Li/Unsplash

Damals wurde mir schlagartig bewusst: Meine Morgenroutine könnte auch ganz anders aussehen – wenn ich das wollte. Ich könnte anstelle von grauen Straßen auf sattgrĂŒne Akazien und die weite afrikanische Steppe schauen. Ich könnte mich statt auf To-do-Listen auf unbekannte Abenteuer einlassen. Ich könnte Freiheit einatmen, den ganzen Tag in den Himmel schauen und Vögel beobachten, um am Ende vielleicht mehr ĂŒber sie zu wissen, als dass sie gefiedert und geflĂŒgelt sind. Ich könnte an einem ganz normalen Werktag um acht Uhr frĂŒh ein Rudel Löwen beobachten anstelle plĂ€rrender Schulkinder.

Mir wurde schlagartig bewusst: Meine Morgenroutine könnte auch ganz anders aussehen – wenn ich das wollte.

Zwischen meinem Dasein im Bus und meinen TrÀumen im Busch standen nur meine Angst und mein Sicherheitsdenken.

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Bild: Joel Herzog/Unsplash

Everything you want is on the other side of fear, hĂ€mmerte es in meinem Kopf. Und ab da war nichts mehr, wie es war. Ich hatte mir erlaubt, gedanklich eine TĂŒr mit tausend Möglichkeiten aufzumachen und konnte die Sache nicht mehr vergessen.

Der VollstĂ€ndigkeit halber: Die Idee mit dem Busch kam mir nicht an der Bushaltestelle. Die Bushaltestelle hat mir nur verdeutlicht, dass ich was anderes vom Leben will. Dem vorausgegangen waren unzĂ€hlige Abende auf der Couch, mit dem Laptop auf dem Schoß, um mögliche neue Kapitel in meinem Leben zu recherchieren. Ich zoomte mich durch Landkarten. Gab in Flugbuchungsseiten alle möglichen Destinationen ein. Ich kam keinen Meter weiter.

Ich schrieb eine Liste mit Dingen, die mein abgeklĂ€rtes Herz noch zum HĂŒpfen brachten.

Meine erste Weltreise wollte und konnte ich nicht wiederholen. Aber das Fernweh blieb. Nur wohin? Und was machen? Am Ende zwang ich mich dazu, eine Liste zu schreiben. Mit Dingen, die mein abgeklĂ€rtes Herz noch zum HĂŒpfen brachten. Ganz oben stand: „Afrika / Safari / in freier Natur leben“. Trotz Camping-Phobie. Und das Herz wusste auch genau, warum die Finger das schrieben.

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Bild: George Brits/ Unsplash

Ich war auf meiner ersten Weltreise drei Tage auf Safari gewesen. Eher zufĂ€llig, eine Reisefreundin hatte mir davon erzĂ€hlt, ich fuhr spontan mit. Ich hatte mir nicht viel erwartet – exotische Tiere, wie im Zoo, nur grĂ¶ĂŸer – und kam tief beeindruckt zurĂŒck. Von der unfassbaren Schönheit der Natur. Aber vor allem vom Zusammenspiel der Tiere.

In der Wildnis geht es nicht nur ums Fressen und Gefressenwerden, sondern um Allianzen.

In der Wildnis geht es nicht nur ums Fressen und Gefressenwerden, sondern um Allianzen, um geheime Codes, um Absprachen, die der Mensch nicht versteht, schon gar nicht, wenn er StĂ€dter ist. Damals lernte ich, dass Zebras sich mit den Gnus zusammentun, um Wasser zu finden. Ich begriff, dass BĂŒffel neben Löwen grasen können. Sofern die Raubkatzen im Morgengrauen gefressen hatten, droht keine Gefahr.

Ich sah, wie Elefanten sich rund um ihre Babys stellen, nur um ihre Haut vor der Sonne zu schĂŒtzen. Ich entdeckte eine Welt, die ich nicht mal im Ansatz begriff, obwohl diese Welt auch mein Zuhause ist. Und das gab mir zu denken.

Ich entdeckte eine Welt, die ich nicht mal im Ansatz begriff, obwohl diese Welt auch mein Zuhause ist. Und das gab mir zu denken.

Irgendwie komme ich immer durch, auch in den grĂ¶ĂŸten Metropolen dieses Planeten. Die Sprache und das Essen mögen anders sein, aber am Ende funktionieren alle StĂ€dte gleich. WĂŒrde man mich allerdings in der Natur aussetzen, ich wĂ€re ab Stunde eins verloren.

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Bild: Waltraud Hable

Ich weiß nicht, wie man mit den Sternen navigiert oder wie man ohne Landkarte Wasser findet. Und habe keinen Tau, welche Raubkatzen EinzelgĂ€nger sind und welche gern im Rudel umherstreifen – spĂ€testens dann, wenn eines um die Ecke biegt, sollte man das aber wissen. Ich kann die verschiedenen Singlaute der Vögel nicht deuten, ich weiß nur, ihr Zwitschern verrĂ€t Wasser, Tumult, Gefahr. Ich habe so viel zu lernen. Darum der Busch.

Ich habe so viel zu lernen. Darum der Busch.

Mein Hirn braucht Futter. Und mein Herz auch. Der Gedanke daran, dass ich ab sofort in viele Geheimnisse der Natur eingeweiht werde, macht mich euphorisch. Aber eben auch Ă€ngstlich. Denn eines weiß ich jetzt schon: Beim Zelten ist das mit der persönlichen Hygiene schwierig. Aber noch schwieriger wird’s, wenn man das Knurren eines Erdhörnchens nicht vom Knurren eines Löwen unterscheiden kann. Darum: WĂŒnscht mir GlĂŒck, ich kann es brauchen! WEITER: Waltraud probiert Ayahuasca.

Über Waltrauds Reisen
Was passiert, wenn man seinen Job kĂŒndigt, dem Fernweh nachgibt und sich einfach mal die Welt anschaut? Waltraud Hable (41) schreibt ĂŒber große und kleine Weisheiten, die sie am Wegesrand findet. In der unten stehenden Karte siehst du die Stationen ihrer Weltreise. Durch Klick auf die gelben Symbole erhĂ€ltst du den Link zu dem jeweiligen Blogeintrag. Oder hier beim ersten Reiseblog starten.

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