Was Functional Training wirklich ist – und was nicht

Effektive Leistungssteigerung oder komplizierter Schmafu? Ganzheitliche Stabilisation oder hohes Verletzungsrisiko? Wir haben das trendige Training einer peniblen PrĂĽfung unterzogen.
von Janina Lebiszczak | 14. Januar 2020
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Foto: Jasmin Pourhassan

Vergesst all die tollen Maschinen im Fitnesscenter und lasst die Hanteln fallen – wenn es nach der Philosophie des Functional Trainings geht, brauchen wir nur unser Körpergewicht als Widerstand, um fitter zu werden.

Beim Functional Training brauchen wir nur unser Körpergewicht als Widerstand, um fitter zu werden.

Zusammen mit ein paar „Spielzeugen“ wie Kettlebells und Powerbands kräftigt man die funktionalen Muskelketten und stabilisiert dabei auch die Gelenke. Also nicht wie beim maschinengeführtem Krafttraining einzelne Muskelpartien, sondern all jene Bewegungsmuster, die beim Sport und im Alltag entlasten.

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Foto: Jasmin Pourhassan

Jasmin Pourhassan hat in England Sportwissenschaften studiert. Nach ihrer Heimkehr nach Österreich ist sie nun Personal Trainer, Mitglied der Wasserrettung und Fußball-Coach. Sie meint: „Ich arbeite seit mehr als 15 Jahren mit Fußballklubs und Vereinen zusammen. So bin ich das erste Mal mit Functional Fitness in Berührung gekommen.

Im Vergleich zum klassischen Kraftsportler will der Fußballspieler nicht nur stark, sondern vor allem auch flink und agil sein. Er will kräftig sein, aber auch spritzig bleiben – beweglich, aber seine Stabilität behalten. Er will alle diese Eigenschaften in jeder Position beherrschen und am allermeisten eines: besser Fußball spielen.

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Foto: Jasmin Pourhassan

Deswegen dient sein Training einem konkreten Zweck und damit einer Funktion. Aber auch Nicht-Profisportler können von Functional Training profitieren: „Egal man ob schwere Einkäufe aus dem RĂĽcksitz hebt, mit einem schreienden Kind im Arm ĂĽbers Glatteis zur WohnungstĂĽr balanciert oder einfach problemlos eine Socke vom Boden heben mag – persönliche Defizite können nicht nur im Sport, sondern auch im Alltag aufgearbeitet werden.“

Doch bevor wir dem vertrauen, schauen wir uns einmal an, mit welchen Vorurteilen Personal-&-Functional-Trainerin Jasmin schon konfrontiert wurde:

VORURTEIL 1: „Ich bin unsportlich. Es ist viel zu anstrengend für mich.“

Sorry not sorry! „Wenn es dich nicht anstrengt, ist es kein Training. Egal wie fit du bist und wie leicht es bei anderen Leuten aussehen mag: Training ist immer anstrengend und je besser du wirst, umso mehr musst du dich anstrengen das Training anstrengend zu gestalten“, meint Jasmin.

Man muss  sich ja nicht immer bis zum Erbrechen auspowern.

Anfänger haben also einen klaren Start-Vorteil. „Man muss  sich ja nicht immer bis zum Erbrechen auspowern, aber man darf ruhig über sich hinauswachsen. Beim Functional Training geht es nicht nur um den zu steigernden Reiz, sondern vor allem darum, verschiedene Funktionen im Körper zu verbinden. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz im Sport.“

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Foto: Jasmin Pourhassan

VORURTEIL 2: „Ich habe zu wenig Zeit und Geld.“

Zu einem guten Functional Training brauchst du nur deinen eigenen Körper. Also musst du auch nirgendwo hinfahren. Natürlich kann man mit Battle Ropes, TRX-Bändern und Kettlebells das Training optimieren. Alternativen dazu finden sich aber auch im Alltag.

Der Kinderspielplatz ist sowieso das fast perfekte Gym.

Jasmin dazu: „Teppich oder Handtücher ausschütteln geht ebenso in die Arme, wie mit vollen Mineralwasser-Flaschen oder alten Autoreifen zu trainieren. Und der Kinderspielplatz ist sowieso das fast perfekte Gym. Ein bis zwei Personal-Trainer-Stunden solltest du dir aber gönnen, zwecks richtiger Haltung und Ausführung.“

VORTEIL 3 „Davon bekommt man Knie- und Rückenprobleme.“

Es gibt Steigerungsstufen. Kein guter Functional Trainer geht gleich in die Vollen. Wer es mit dem Rücken hat, sollte ohnedies mit funktionellem Training genau dieser Region – das beinhaltet auch die Bauchmuskulatur – beginnen. Ein sportwissenschaftlicher Berater kann dir helfen, das richtige Format, bzw. den optimalen Pfad dorthin zu finden.

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Foto: Jasmin Pourhassan

VORURTEIL 4: „Ich will keine großen, definierten Muskeln bekommen.“

Damit Muskeln zum Vorschein treten, muss der Körperfettanteil runter. Das zu schaffen und zu halten, ist noch schwieriger als Muskeln aufzubauen. Disziplin, Kontinuität und vor allem Geduld, Geduld und nochmals Geduld sind notwendig. Also keine Sorge: Niemand wird durch Functional Training zum Arnie.

Niemand wird durch Functional Training zum Arnie.

Was Functional Training ist:

Alle ursprünglichen Bewegungen, die uns in der Kindheit so leichtgefallen sind, bilden die Grundlage des Trainings: Balancieren, Hocken, Heben, Beugen, Drücken, Ziehen, Hängen, Klettern, Drehen, Springen und Laufen. Anstatt an Maschinen im Gym nur einen einzigen Muskel zu fordern, beansprucht es mehrere Muskelgruppen – und das in kürzerer Zeit.

Der Kinderspielplatz ist das fast perfekte Gym.

AuĂźerdem eignet es sich gut fĂĽr Gestresste: Die Workouts sind intensiv und damit auch sehr effektiv. Dein Körper rennt auf Hochtouren – das Training verbessert Schnelligkeit, Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer – und wirkt besonders präventiv gegen Verletzungen, da die koordinativen Fähigkeiten gezielt geschult werden.

Das Training verbessert Schnelligkeit, Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer – und wirkt besonders präventiv gegen Verletzungen.

Die Funktionalität im Sinne einer alltagsnahen Belastung wird durch die Beanspruchung ganzer Muskelketten und durch Einsatz komplexer Bewegungsabläufe erreicht. Das Gehirn trainiert also mit. Muss es sogar, sonst merkt man sich die Kombi-Übungen gar nicht. 🙂

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