Ode an das Nichtstun

Unsere Liebeserklärungan die kleinen Freudendes Lebens. Dieses Mal von Autor und Freund aller schönen Dinge, Michael Hufnagl.
Eine Ode an das Nichtstun
Frau faulenzt am Sofa. Bild: Julia Zott

Das Schöne am Nichtstun ist ja, dass Zeit keine Rolle spielt, dass es ungeplant passieren darf.

Ich sitze regungslos auf dem Sofa, starre auf die weiße Wand und denke nach. Über das Nichtstun. Das empfehlen mir nämlich die Experten permanent, ohne sich selbst je daran zu halten, andernfalls sie ja nicht permanent Empfehlungen formulieren könnten.

Einfach nichts tun also, das sei eine Art Elixier, ein Wiederaufbauprogramm für Körper und Geist. Die Steuererklärung ruft: „Mach mich!“ Der Mist ruft: „Bring mich raus!“ Das Kind ruft: „Unterstütz mich!“ Und ich rufe zurück: „Ja, gleich!“ Die Kunst ist es jedoch, dieses „Gleich“ zu einem „Später“ reifen zu lassen und den Raum dazwischen mit einem Ausklinken zu füllen, das keine Verführung zulässt (Schokolade, Pinguinfotos und Einschlafen natürlich ausgenommen).

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In den Facebookeinträgen aus den Urlaubsdomizilen steht dann immer geschrieben: „Die Seele baumeln lassen.“ Aber wer oder was ist die Seele, und wo genau sollte sie baumeln? An meinem Handgelenk? In einer Hängematte? An einem Stern? Nein, das Nichtstun ist viel komplizierter. Obwohl es so wichtig ist.

Das völlige Loslassen schaffe neue Energie, sagen die Ratgeber für ein besseres Leben. Aber das Nichts ist tückisch. Denn immerhin sitze ich. Und starre. Und denke. Bitte, das ist alles nicht nix. Daher einige ich mich mit mir selbst, dass es sich beim Nichtstun, das angeblich süß ist, obwohl doch sauer lustig macht, um eine Idee handelt, die mit Müßiggang treffender ausgedrückt wäre. Oder mit Faulenzen.

Aber das sorgt in unserer Leistungsgesellschaft verlässlich dafür, dass ein optimierter Ordnungshüter, der sogar für das Einräumen des Geschirrspülers exakte Zielvorgaben definiert, die Stimme erhebt und „Zeitverschwendung!“ brüllt. Da kann ich in einer Ode an das Nichtstun noch so oft erwähnen, dass sogar Gott nach sechs Tagen des Erschaffens die Füße hochgelegt hat.

https://www.carpediem.life/26922/tagtraum/

Aber weder verliere ich noch gewinne ich Zeit. Ich pausiere. Von allem. Das Schöne am Nichtstun ist ja, dass Zeit keine Rolle spielt. Dass es ungeplant passieren darf und nicht im Terminkalender zwischen 13.45 und 14.15 Uhr eingetragen ist. Dass es eine gewissenlose Freiheit offenbart. Und im besten Fall im bedingungslosen Genuss gipfelt.

Lessing hat geschrieben: „Lass uns faul in allen Sachen, nur nicht faul zu Lieb’ und Wein, nur nicht faul zur Faulheit sein.“ Und so werde ich mit dieser wundervollen Leichtigkeit vom Saulus zum Faulus. Lasse als Nichtsnutz das Tun wie ein Wölkchen vorüberziehen. Verliere mich in der Unendlichkeit…

Ehe ich mit einem Liedchen auf den Lippen wieder nach den Sternen greife und mir meine gut gelüftete Seele pflücke.

Michael Hufnagl ist Journalist, Autor und ein Freund aller schönen Dinge im Leben. Klar, dass da Nichtstun dazuzählt.

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