Nein sagen lernen – 6 Tipps, die dabei helfen

Neinsagen ist nicht leicht. Wir haben bei einem Spezialisten nachgefragt und gelernt, dass ein Nein auch immer ein Ja ist.

Fragen zum Thema Nein sagen – und Antworten von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, Neurologe, systemischer Coach und medizinischer Leiter des Gesundheitszentrums theTree in Wien.

Warum soll man lernen, Nein zu sagen?
„Nein zu sagen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass uns ein anderer überhaupt erkennen kann. Sage ich nie Nein, erfährt der andere nichts von mir. Ich muss also Nein sagen, weil erst das Nein meine Grenzen definiert. Kennt der andere meine Grenzen nicht, erkennt er meine Umrisse nicht: Ohne Neinsagen ist deshalb kein gegenseitiges ­Erkennen möglich.

Übrigens: Auch in der Wissenschaft ist Fortschritt nur über die Widerlegung von Hypothesen möglich.”

Ohne Neinsagen ist kein gegenseitiges ­Erkennen möglich.

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, Neurologe

Wann ist der ideale Zeitpunkt, um Nein zu sagen?
„Wenn ich spüre, dass etwas über meine Grenzen geht und im Kontakt mit einer anderen Person ein unwohles Gefühl auftaucht. Das kann ein Gefühl der Überforderung sein, der Nervosität, des Ärgers. Vielleicht ist diese Situation nicht der beste Zeitpunkt, um das Nein sofort auszusprechen, aber wesentlich ist, dass ich das Problem für mich erkenne. Erst dann kann ich entscheiden, was ich damit mache. ”

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Darf ich mich in diesem Moment auf mein Bauchgefühl verlassen?
„Das Bauchgefühl ist immer schneller und eine wichtige Informations­quelle. Erst dann kommt die Ratio dazu, und ich kann mich fragen: ‚Warum habe ich denn gerade dieses Bauchgefühl?‘ Wir neigen dazu, unser Bauchgefühl zu ignorieren, doch dann ignorieren wir unsere eigenen Grenzen.“

Das Bauchgefühl ist immer schneller und eine wichtige Informations­quelle.

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, Neurologe

Sagen wir generell zu schnell Nein oder zu schnell Ja?
„Das hängt von unserer Persönlichkeit ab und unserer Lebensgeschichte. Manche Menschen tragen persönliche Stressantreiber in sich, die zum Beispiel lauten: ‚Ich darf nie Nein sagen. Oder: Ich muss immer Ja sagen, damit ich geliebt werde. Oder: Ich muss immer stark sein.‘ Andere Menschen besitzen einen gegenteiligen Stressverstärker, der bei jeder Aufforderung sagt: Das schaffe ich nicht.“

Das kleine Abc des Neinsagens

  1. Ich mache mir bewusst, dass jedes Nein ein Ja zu etwas anderem ist. Fragt mich jemand, „Kannst du das auch für mich erledigen?“, und ich sage Nein, ist das ein Ja zu meiner eigenen Gesundheit, zu meiner Zeit, zu meiner eigenen Freiheit.
  2. Wie man richtig Nein sagt, hängt sehr von der konkreten Situation ab und von der Person, die mir gegenübersteht. Ist das ein Kollege? Ein Vorgesetzter? Meine Partnerin/mein Partner? Man muss deshalb lernen, seine Beziehungen zu anderen Menschen weiterzuentwickeln.
  3. Ich versuche Zeit zu gewinnen und antworte etwa meinem Vor­gesetzten auf die Frage „Erledigst du diese Aufgabe für mich?“ mit „Lass mich kurz nachdenken, ich komme gleich darauf zurück“. Damit schaffe ich mir ein Timeout und kann überlegen: „Will ich jetzt Ja oder Nein sagen? Ist das überhaupt eine Aufgabe für mich?“ Außerdem gewinnt der andere damit den Eindruck, dass meine Worte Gewicht haben, weil er merkt: Ich denke drüber nach.
  4. Ich spiele den Ball zurück und beantworte die Frage „Erledigst du diese Aufgabe für mich?“ mit: „Wenn ich diese Aufgabe übernehme, gehen sich drei andere nicht aus. Was ist dir wichtiger?“
  5. Ich bringe Höflichkeit und Verständnis ins Spiel und wiederhole gleichsam die Frage: „Ich habe gehört, du hättest gern, dass ich diese Aufgabe für dich erledige.“ Damit nehme ich Tempo aus dem Dialog und bringe Aufmerksamkeit hinein. Der andere merkt, dass ich ihn verstanden habe – aber jemanden zu verstehen heißt noch nicht, mit ihm einer Meinung zu sein.
  6. In einem Team, einer Beziehung, einer Partnerschaft geht es keineswegs darum, ständig Nein zu sagen. Es geht primär darum, einander zu helfen – und in einer gesunden Beziehung nehmen wir ebenso gerne, wie wir geben. Aber es kann auch eine Schieflage entstehen: Ein Mitarbeiter erlebt etwa, dass sein Unternehmen versucht, seine Loyalität auszubeuten; oder das Unternehmen sieht, dass der Mitarbeiter versucht, aus einer Situation ungerechtfertigt Gewinn zu schlagen. Dann hat Loyalität ihre Grenzen, und dann ist es gut zu beginnen, Nein zu sagen.
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