Ist Nichtstun gut für uns?

Ein Gespräch mit dem Neurologen Wolfgang Lalouschek.

Nichtstun – geht das überhaupt? Man kann es versuchen – und so die Welt ein bisschen besser machen.

Kann man überhaupt nichts tun?

Nichtstun bedeutet atmen, hören, schauen – also irgendetwas werden Sie auf jeden Fall tun. Aber Sie werden im Idealfall nichts Besonderes tun. Nichtstun ist daher auch nicht Meditieren, denn wenn ich jetzt 30 Minuten meditiere, dann tue ich ja wieder etwas Besonderes. Also versuchen Sie einfach einmal: gar nichts. Schauen Sie in die Luft. Das kommt noch am ehesten hin.

Was tue ich, wenn Gedanken kommen?

Man kann die Gedanken, die kommen, wahrnehmen, aber dann lässt man sie einfach wieder ziehen, wie Wolken. Ich verfange mich nicht in einem Gedanken, sondern lasse den nächsten kommen. Wenn man das viele Jahre lang macht, kommt man vielleicht in einen Zustand, in dem man tatsächlich nichts denkt – aber das kann niemand am Anfang. Jeder hat ständig Gedanken. Auch die indischen Gurus. Die trainieren das halt seit Jahrzehnten.

Der spirituelle Meister Sadhguru hat dazu etwas Nettes gesagt. Er verwendet das Denken für bestimmte Situationen, doch dazwischen denkt er recht wenig. Weil er das Denken nicht als das „Ich“ sieht, sondern als ein Werkzeug, das hin und wieder hilfreich ist, aber die meiste Zeit braucht er es nicht. Wir Menschen sind zwar gewohnt, ständig zu denken, aber nur deshalb, weil unser Gehirn ständig Gedanken produziert – und nicht, weil es so wahnsinnig sinnvoll wäre.

Es ist ungemein schwierig, das abzuschalten…

Schauen Sie auf ein Vogerl im Baum, oder beobachten Sie ein Eichhörnchen. Das hilft. Nehmen Sie Ihren Körper wahr. Wie stehen Ihre Füße auf dem Boden? Haben Sie Ihre Schultern hochgezogen? Aber Sie müssen aufpassen, dass Sie keine Körperübung daraus machen – sonst ist man gleich wieder im Üben. Es sollte auf eine gewisse Weise unverkrampft sein. Wie die älteren Männer in Italien. Die sitzen einfach da und sehen den Menschen nach, die machen das stundenlang so, die tun nichts.

Ich glaube nicht, dass die Projekte durchdenken oder Atem- und Entspannungsübungen machen. Die schauen mal hier, mal dort… Das Ganze sollte kein großes Gewicht haben.

Sie sagen, das Nichtstun, also der Leerlauf im Gehirn sei ungemein wichtig. Warum? Was passiert, wenn wir den verlieren?

Die Stressverarbeitung läuft dann nicht mehr ganz rund. Die Folgen sind Schlaflosigkeit, Burnout etc. Im Grunde haben wir ein tolles, sehr komplexes Organ zwischen unseren Ohren, aber wir haben den Ausschaltknopf vergessen. Das ist ein Problem, weil es dadurch die ganze Zeit rennt, bis es irgendwann völlig zusammenbricht. Insofern ist Nichtstun ein schöner Kontrast zu dieser aufgeladenen Zeit, wo man immer etwas Besonderes tun muss, damit es einem besser geht.

Das ist leider das Dilemma unserer Leistungsgesellschaft. Wir sind ständig im Aktivismus – am Abend sind wir aber trotzdem oft unbefriedigt. Dabei ist der Schlüssel vielleicht ganz einfach: Wir müssen nichts tun. Ich habe viele Patienten, die sich mehr Leichtigkeit und Freiheit erhoffen. Eine halbe Stunde „Nichts“ pro Tag ist doch gelebter Ausdruck einer solchen Leichtigkeit. Die Menschen sehnen sich danach, aber sie machen es nicht.

Machen Sie selber nichts?

Vermutlich auch zu selten. Manchmal ist es so, dass ein Patient ausfällt, und da gehe ich dann einfach nach Schönbrunn spazieren, setze mich auf ein Bankerl und schaue in die Luft. Es ist eine Zeit, die keinem bestimmten Zweck gewidmet ist. Das ist sehr, sehr angenehm – gerade weil man eben keine Entspannungsmethode lernen oder Achtsamkeitsübungen machen muss, womit man ja schon wieder „etwas“ tun würde.

Also Nichtstun quasi als revolutionärer Gegenentwurf?

Ja. Es wäre absolut erstrebenswert für uns selbst und unseren Planeten, wenn viele Menschen einfach damit beginnen würden, wieder öfter nichts zu tun. Ich hatte vor ein paar Jahren eine Patientin, die meinte: „Ich würde total gerne wieder einmal wandern gehen, nur um zu wandern – nicht um zu regenerieren.“ Und ich glaube, 90 Prozent der Menschen machen Sport eines Zweckes wegen. Nichtstun ist ein großartiger Anlass, darüber zu refektieren, ob ständig alles einem Zweck unterliegen muss. Warum kann es nicht einfach nur sein? Es wäre wunderbar, wenn es in unserer Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit zum Nichtstun gäbe.

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, MSc, ist Facharzt für Neurologie, Systemischer Coach und medizinischer Leiter des Gesundheitszentrums „TheTree“ in Wien.

Magazin-Cover
Abo

Entdecke dein
carpe diem
für zu Hause!

Hier bestellen