„Aufschieberitis“: Prokrastinieren hat auch etwas Gutes

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ So hat uns schon unsere Oma zu mehr Disziplin ermahnt. Ist diese alte Weisheit zu überdenken?
Illustration Mann lenkt sich ab, Prokrastination
Bild: Getty Images

Es gibt verschiedene Theorien dazu, warum wir immer wieder dazu neigen, ein Vorhaben wieder und wieder aufzuschieben. Warum wir uns Aufgaben, die bis zu einem bestimmten Termin zu erledigen sind, erst im allerletzten Moment widmen.

Diverse Ratgeber, YouTube-Videos und fundierte Psychologen-Tipps vermitteln Strategien, dieser „Aufschieberitis“ Herr zu werden. An der Universität Münster gibt es sogar laut Webpage einen eigenen Lehrstuhl zu Prokrastination. Wer sein diesbezügliches Verhalten genau unter die Lupe nehmen möchte, kann dort kostenfrei einen Selbsttest machen und erhält dazu Expertenmeinung – die bis zu einer Arbeitsstörung, einer Form der depressiven Störung, reicht.

Mann liegt faul auf Feld
Bild: Sam Solomon/Unsplash

Die Gegenbewegung: Aufschieben erhöht die Kreativität

Es geht aber auch anders. Wie so vieles im Leben, hat die Medaille zwei Seiten. Und schaut man sich einmal die andere an, erfährt man Erstaunliches: Eine Reihe von Wissenschaftlern plädiert mittlerweile dafür, das Aufschieben nicht als störend zu sehen, sondern sogar als Gewinn.

Viele Wissenschaftler sehen das Aufschieben nicht als störend, sondern als Gewinn.

So etwa Adam Grant, Professor für Management und Psychologie an der Wharton School und Autor des Buches „Originals. Er hat in einem Experiment herausgefunden, dass Menschen, denen man mehr Zeit gibt und die nicht unter Druck und Anspannung stehen, wesentlich spannendere Ergebnisse liefern. In Zahlen ausgedrückt: Die Versuchsgruppe von Studenten, die eine Aufgabe bekam und vorerst eine Runde Karten spielen sollte, präsentierte um 28 Prozent kreativere Lösungen als jene, die sofort beginnen sollte.

Menschen, denen man mehr Zeit gibt und die nicht unter Druck und Anspannung stehen, liefern wesentlich spannendere Ergebnisse.

laut Adam Grant

Grant über sich selbst in einem Interview: „Wenn ich weiß, das muss ich in vier Monaten erledigt haben, dann will ich es sofort angehen. Mir ist aber aufgefallen, dass ich die zusätzliche Zeit brauche, um bessere Ideen zu entwickeln. Ich habe gelernt zu prokrastinieren.“

Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Aufschieben bietet die Möglichkeit, neue Wege zu suchen und nonkonformistisch an Aufgaben heranzugehen.

laut Adam Grant

Seine Message daher: Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Aufschieben bietet die Möglichkeit, Aufgaben nach unterschiedlichen Aspekten zu untersuchen, neue Wege zu suchen und nonkonformistisch an sie heranzugehen.

Man kann auch strukturiert prokrastinieren

John Perry, Professor für Philosophie an der Stanford University, hat ebenfalls einen positiven Zugang. Er schreibt in seinem Buch „The Art of Procrastination“: Wenn man Aufträge aufschiebt und lieber noch nicht sofort beginnt, tue man in der Zwischenzeit ja andere Dinge. Er nennt das strukturierte Prokrastination.

Strukturierte Prokrastination ist, während dem Aufschieben andere Dinge zu erledigen. Wer weniger Zeit hat, lernt, Prioritäten zu setzen.

nach John Perry

Außerdem würde man klarere Prioritäten setzen, wenn weniger Zeit zur Verfügung steht, und erspare sich damit eine Reihe unnötiger Umwegen.
Wenn also das nächste Mal der vermeintliche innere Schweinehund anklopft: Mehr Mut zum Nicht-immer-sofort-Erledigen und dabei die kreativen Ganglien in Bewegung setzen!

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