Melanie Pignitter

Warum du dir selbst zuliebe anderen vergeben solltest

Oft vergeben wir anderen erst, wenn sie sich bei uns entschuldigen. Vergeben ist aber vor allem für das eigene Wohlbefinden wichtig.
Vergebung
Bild: Morteza Yousefi/Unsplash

Ich erinnere mich bis heute an die Schmerzen, die mir ein geliebter Mensch einmal zugefügt hat. Ihm zu verzeihen schien mir schier unmöglich – zumal ich keine Entschuldigung bekommen hatte und ich diesen Menschen aus meinem Leben verbannt hatte.

Der einzige Weg, diese alte Wunde jemals zu schließen, ist Vergebung. Und zwar nicht um seinetwillen, sondern einfach nur mir selbst zuliebe.

Sieben lange Jahre pochte der Schmerz, den mir der Herzensbrecher zugefügt hatte, in mir. Er paarte sich mit Wut, Unverständnis und der Angst, dass mir Ähnliches wieder zustoßen könnte. Eines schönen Morgens spürte ich den Schmerz aufgrund eines Songs im Radio, der mich an gemeinsame Zeiten erinnerte, wieder besonders stark. Und da kam mir dir Erkenntnis: Der einzige Weg, diese alte Wunde jemals zu schließen, ist Vergebung. Und zwar nicht um seinetwillen – den ihn interessierte mein Dilemma offensichtlich nicht –, sondern einfach nur mir selbst zuliebe.

Endlich vergeben – eine Lektion

An diesem Morgen wurde mir bewusst, dass Vergebung nicht eine Sache ist, mit der wir demjenigen, der uns verletzt hat, unsere Güte erweisen, sondern einzig eine Entscheidung zu unserem eigenen Wohle. Weil ich nicht vergeben und die Geschehnisse von damals abschließen konnte, knallten die Erinnerungen und die schmerzhaften Emotionen immer wieder in mein Leben. Ja, sie beeinflussten sogar meine Beziehungen, mein Weltbild und meine Handlungen.

Entscheide dich für Vergebung – und zwar dir selbst zuliebe.

Drei Wege zum Vergeben

Also vergab ich. Voerst ist das leichter gesagt als getan. Vor allem, wenn da noch Wut ist, scheint der Friede unerreichbar. Also recherchierte ich genauer und beschäftigte mich mit den Stolpersteinen der Vergebung, die mich schließlich auf drei unterschiedliche Wege stießen ließen, wie ein Vergeben möglich wird.

1. Antworten finden

Wenn wir gekränkt, enttäuscht oder verletzt wurden, bleiben meist viele Fragen offen: Warum hat er/sie mir das angetan? Wieso hat mir niemand geholfen? Was hat dazu geführt, dass er/sie das getan hat?

Schreiben
Bild: Aaron Burden/Unsplash

Selten bekommen wir auf derartige Fragen eine zufriedenstellende Antwort. Und so nagen sie erbarmungslos an unserem Seelenfrieden. Dem kann man ein Ende setzen, indem man beginnt, diese Fragen bewusst wahrzunehmen und sie zu notieren. Im Anschluss versucht man sich in eine neutrale Lage zu versetzen und die offenen Fragen zu beantworten. Man schreibt einfach auf, was einem in den Sinn kommt – ganz egal, ob es wahr ist oder nicht.

Wenn ein alter Schmerz unser Leben überschattet, liegt es oft daran, dass wir uns selbst nicht vergeben haben.

Für einen Moment spüren wir dann eine Erleichterung. Endlich ist sie da – die Antwort, die uns so lange daran gehindert hat, mit dem Vergangenen abzuschließen. Durch diesen Prozess verhindern wir nicht, dass die Frage nie wieder auftritt, aber wir erlangen Bewusstsein. Bewusstsein, das uns beim nächsten Mal, wenn der Schmerz auftritt, helfen kann, die Frage beiseite zu schieben.

2. Sich selbst vergeben

Wenn ein alter Schmerz unser Leben überschattet, liegt es oft daran, dass wir uns selbst nicht vergeben haben. Warum habe ich das damals mit mir machen lassen? Warum habe ich nicht früher etwas bemerkt?

Sich selbst in den Spiegel schauen
Bild: Taylor Smith/Unsplash

Meist ist uns die Selbstverurteilung gar nicht bewusst. Ich beispielsweise ging ohne zu hinterfragen immer davon aus, dass ich teilweise selbst schuld an meinem Dilemma gewesen war. Ich glaubte, mich so verhalten zu haben, dass der andere einen Grund dafür hatte, mich zu verletzen. Im Klartext bedeutet das, ich übernahm eine Teilschuld der Verletzung, die ich erlitten hatte. Selbstvorwürfe und ein niedriges Selbstwertgefühl sind eindeutige Signale für eine derartige Lage.

Das innere Bild, wie ich selbst mein früheres Ich liebevoll in den Arm nehme, half mir beim Verzeihen enorm.

Als ich dem auf die Schliche kam, verstand ich, dass ich auch mir selbst vergeben musste. Dazu versetzte ich mich in mein früheres Ich und versuchte zu verstehen, dass es damals sein Bestes gab. Es war nicht so weise und erfahren, wie ich es heute bin. Es konnte einfach nicht anders und handelte nach seinen Möglichkeiten. Das innere Bild, wie ich selbst mein früheres Ich liebevoll in den Arm nehme, half mir beim Verzeihen enorm.

3. Eine stellvertretende Entschuldigung erwirken

Derjenige, der Schlechtes getan hat, muss dafür Buße tun. Das wurde den meisten von uns beigebracht. Was aber, wenn der andere sich einfach nicht entschuldigt? Meist fehlt uns dann die Vergeltung, von der wir annehmen, dass sie uns befreit. Glücklicherweise stieß ich auf eine Methode, bei der es möglich ist, eine stellvertretende Entschuldigung zu erwirken, die zur Heilung der alten Wunden beiträgt.

Ich entschuldige mich dafür, was du erleiden musstest …

Ich wandte mich damals an eine vertraute Person, die dazu bereit war, sich die alte Geschichte in allen Details anzuhören. Endlich konnte ich jemandem meinen Schmerz und das volle Ausmaß meiner Enttäuschung begreiflich machen. Meine Vertrauensperson zeigte größtes Verständnis und entschuldige sich schließlich stellvertretend für denjenigen, der mich verletzt hatte. Sie sagte: „Es ist schlimm, welches Unrecht dir widerfahren ist. Das war nicht okay! Ich entschuldige mich dafür, was du erleiden musstest …“

Vorerst empfand ich das als eigenartig, aber mit der Zeit bemerkte ich, wie durch diesen nachgestellten Prozess die Last von mir abfiel und ich endlich mir selbst zuliebe verzeihen konnte.

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