„Ein Olivenbaum steht für Beharrlichkeit – egal was ist, er treibt immer neu aus“

Reiseautorin Waltraud Hable trifft auf der griechischen Insel Kreta eine junge Frau, die ihren Bürojob gekündigt und die Großstadt verlassen hat, um als Olivenbäuerin neu zu beginnen.

Eine Geschichte über Mut, die Sehnsucht nach Natur, die Gewissheit, dass sich immer ein Weg findet, wenn man einen sucht und die Magie, wenn uns ein Olivenbaum ruft.

Es ist still im Olivenhain in den Hügeln von Zakros – und trotzdem irgendwie laut. Wahrscheinlich weil die zweihundert Jahre alten, knorrigen Riesen, die hier ihre Wurzeln in den Boden graben, viele Geschichten zu erzählen wissen. Die Bäume haben Gewitterstürmen, gefräßigen Bergziegen und sogar einem Krieg getrotzt. Sie haben mit ihren Früchten und dem daraus gewonnenen Olivenöl Menschen genährt, an die heute nur mehr Namen und verblasste Fotos erinnern. Und seit kurzem helfen sie auch dabei, die Lebensgeschichte von Christina Chrisoula, 34, neu zu schreiben…

Die 1,60 Meter kleine Griechin hievt gerade eine Kiste mit 17 Kilo frisch geernteten Oliven hoch – und sie tut es, als wiege das Zeug nichts. Gerader Rücken, entspannte Schultern, Lächeln im Gesicht. Während ich beim Versuch, es ihr gleichzutun, eine weniger gute Figur mache. Ächzend und mit Rundbuckel stolpere ich hinter Christina her und frage mich, welchem Fitnessprogramm die Gute wohl frönt, um derart viel Kraft im Rumpf und in den Oberarmen zu haben.

„Das kommt von der Arbeit am Feld, man gewöhnt sich an das schwere Heben“, grinst Christina, als könne sie meine Gedanken lesen. Dann greift sie sich etwas, was wie ein meterlanger grünschwarzer Schleier aussieht. „Komm, fass mit an“, sagt sie und breitet den Schleier, der sich als ein feinmaschiges Plastiknetz entpuppt, unter ein paar Bäumen aus. Die Bodenbedeckung soll die Oliven auffangen, die demnächst im Ernteprozess dran sind.

Doch ich bin zu abgelenkt, um Christina eine Hilfe zu sein. Die landschaftliche Schönheit – Ölbäume, kilometerweit, und am Horizont baut sich majestätisch die kargschroffe Felslandschaft Kretas auf – nimmt meine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch. „Schön, oder?“, sagt Christina, als sie bemerkt, wohin meine Augen wandern. Aber irgendwie, so glaube ich, sagt sie es auch ein bisschen zu sich selbst.

Weckruf in letzter Minute

Olivenöl im Glas
Olivenöl im Glas Bild: Thanassis Krikis

Dabei sah Christinas Leben vor drei Jahren noch ganz anders aus. Die diplomierte Übersetzerin lebte in der Vier-Millionen-Metropole Athen und arbeitete als Projektmanagerin in einem Büro, das darauf spezialisiert war, knochentrockene technische Texte vom Englischen ins Griechische zu übersetzen. Zehn, elf, manchmal zwölf Stunden pro Tag. „Ich hatte eine verantwortungsvolle Position, aber privat kein Leben mehr“, erzählt Christina, während sie ein paar Oliven zwischen ihren Fingern dreht, um zu überprüfen, ob diese von der Olivenfruchtfliege, einem weit verbreiteten Schädling, befallen sind. (Sind sie nicht. Keine Larven in Sicht.)

„Ich konnte mich zu nichts mehr aufraffen. Ich war körperlich und mental erschöpft.“ Schließlich machte der Bauch klar, was sich der Kopf nicht eingestehen wollte: „Ich wurde krank, alle Zeichen standen auf Magengeschwür.“ Ein Weckruf, der Christina ihre Zelte in der Großstadt abbrechen ließ. Sie zog zurück zu ihren Eltern, auf die Insel Kreta. Zum Gesundwerden. Und zum Nachdenken. „Ich war 31 Jahre alt und hatte keine Ahnung, was ich weiter machen sollte. Ich wusste nur: Um glücklich zu sein, muss ich mehr Zeit draußen in der Natur verbringen, ich gehe gerne wandern. Und außerdem wollte ich etwas tun, was mich mit vielen Menschen in Kontakt bringt und sinnvoll ist.“

Ich konnte mich zu nichts mehr aufraffen. Ich war körperlich und mental erschöpft.

Christina Chrisoula, Olivenöl-Produzentin

Wochen vergingen. Die zündende Idee fehlte. Der Winter kam. Um sich nützlich zu machen, half Christina – sie ist die Älteste von vier Kindern – ihren Eltern bei der Olivenernte. Im Besitz der Chrisoulas waren ein paar hundert Bäume. Nichts Großes, der Vater, ein pensionierter Feuerwehrmann, betrieb das Ganze eher als Hobby. „Die Arbeit war zwar anstrengend, aber sie machte mir überraschend viel Spaß. Ich war nie so erschlagen wie nach einem Tag im Büro, mein Kopf war frei.“

Frisch geerntete Oliven
Frisch geerntete Oliven Bild: Thanassis Krikis

Ihrem Bruder Antonis, einem diplomierten Psychologen und alternativen Heiltherapeuten, ging es ähnlich. Und als die Erntesaison zu Ende war – Oliven werden auf Kreta von November bis Jänner von den Bäumen geholt –, reifte unter den Geschwistern der Plan heran: Warum die Sache nicht in einem größeren Rahmen machen? Wieso nicht ein eigenes Olivenöl auf den Markt bringen und ganzheitlich denken? Auf Pflanzendiversität statt auf Monokultur setzen, dem Boden zurückgeben, was er verloren hat? Eine eigene Farm errichten? Ein David-gegen-Goliath-Unterfangen, wie sich schnell herausstellte.

Denn Olivenöl hat auf Kreta lange Tradition. Es gibt unzählige alteingesessene Betriebe, die nicht nur über eine eigene Mühle und die nötige Infrastruktur verfügen, sondern auch über entsprechende Expertise. „Ich muss gestehen: Anfangs wusste ich nichts über Olivenöl“, lacht Christina, die für ihr Olivenöl den griechischen Namen „Taxídi“ wählte. Das Wort steht für „Reise“, aber auch für die neuen Wege, die sie mit Taxídi beschreiten will.

Ich musste alles von Grund auf lernen. Aber der größte Aha-Effekt für mich war, dass Olivenöl wie Wein zu sehen ist.

Christina Chrisoula, Olivenöl-Produzentin

„Ich musste alles von Grund auf lernen. Die chemische Struktur von Öl. Die Pressverfahren. Aber der größte Aha-Effekt für mich war, dass Olivenöl wie Wein zu sehen ist. Auf Kreta wird hauptsächlich die Koroneiki-Olive angebaut. Verändert man nur ein winziges Detail beim Herstellungsprozess, entwickeln sich ganz neue Nuancen. Das fasziniert mich.“ Christina besuchte Seminare. Sie recherchierte Studien, um das Oliven-Wissen ihres Vaters mit neuen Ansätzen zu verbinden. Olivenhaine in der Umgebung von Zakros wurden angemietet, um auf tausend Bäume und einen Ertrag von sechs Tonnen Öl zu kommen.

Und dann war da die Frage nach der Verkaufsstrategie. Für Christina geht’s dabei nicht bloß um Geld, sondern um Gemeinschaft und Vertrauen. „Die meisten Menschen wissen, wer ihr Arzt, Anwalt oder Automechaniker ist. Aber sie wissen nicht, wer ihre Nahrung herstellt. Das wollen wir ändern. Mit Taxídi versuchen wir, eine Brücke zu den Konsumenten zu schlagen, indem wir auf sie zugehen und sagen: Das ist unsere Geschichte. Auf diesem Boden wachsen unsere Oliven. So produzieren wir das Öl. Wir laden dich ein, Teil davon zu sein.“

Philosophie des Miteinanders

Olivenernte mit Netzen
Olivenernte mit Netzen Bild: Thanassis Krikis

In einem ersten Schritt bot Christina Olivenölverkostungen an. Dass sie fließend Englisch, Spanisch und Französisch spricht, brachte ihr schnell Kreta-Besucher aus aller Welt ein. Eine Website mit Online-Shop wurde gebastelt. Und: Taxídi begann, bei CSA-Netzwerken („Community-supported Agriculture“) anzudocken, hierzulande auch als „solidarische Landwirtschaft“ bekannt. Wie das funktioniert? Zehn, zwanzig oder auch hundert Kunden tun sich zusammen und geben gemeinsam eine große Bestellung auf. Sobald das Olivenöl geliefert ist, wird die Verteilung untereinander organisiert. Dafür gibt’s faire Preise und Einblick in alle Produktionsprozesse.

Aus vielen Kundenbeziehungen sind echte Freundschaften entstanden. Und das ist nicht nur so dahergesagt, das ist wirklich so.

Christina Chrisoula, Olivenöl-Produzentin

Der Produzent wiederum kann durch den Zahlungsvorschuss und die Abnahmegarantie besser wirtschaften. „Diese Philosophie des Miteinanders wollen wir weiter ausbauen“, sagt Christina. „Aus vielen Kundenbeziehungen sind echte Freundschaften entstanden. Und das ist nicht nur so dahergesagt, das ist wirklich so.“ Zwei Auszeichnungen hat Taxídi-Olivenöl bereits einheimsen können. „Der nächste Schritt ist eine nachhaltig bewirtschaftete Farm“, erzählt Christina.

Das Grundstück mitten in einem Olivenhain und die Baupläne gibt es bereits. „Es soll ein Ort werden, an dem Besucher alles über Oliven lernen können und eine Auszeit im Einklang mit der Natur verbringen können.“ Um den Traum auch finanzieren zu können, schieben die Geschwister Überstunden in ihren erlernten Berufen. In Christinas Fall heißt das: Neben der Oliven-Arbeit nimmt sie Aufträge als Übersetzerin an. „Ich muss das oft nachts erledigen, aber das ist der Preis, den man für einen Neuanfang zahlt, und es ist ja nicht für ewig.“

Wir sind an einem neuen Olivenhain angekommen. Der Winterwind bläst. Vor uns liegen tausende Oliven auf den Bodennetzen ausgebreitet. In ein paar Stunden werden sie in flüssiges Gold verwandelt sein. In Storchenschritten staksen wir durch die grünen Perlen, penibel darauf bedacht, so wenig wie möglich zu zertreten. Das mag übervorsichtig wirken – ein paar Oliven mehr oder weniger, was macht das schon? –, aber wer jemals versucht hat, die Dinger von den Zweigen zu kämmen, weiß: Die Sache grenzt an Masochismus. Kaum dass man den elektrischen Rüttelrechen angeworfen hat, beginnt die Oberarm-Muskulatur zu brennen. „Wie lange dauert es, bis ein mittelgroßer Baum mit 50 bis 80 Kilo Oliven abgeerntet ist?“, frage ich, mehr recht als schlecht einen Baum kämmend.

Verkostung des gepressten Öls
Verkostung des gepressten Öls Bild: Thanassis Krikis

„Ein, zwei Stunden“, antwortet Christina. „Wenn du’s so wie in den alten Zeiten, also ohne elektrische Geräte machst, kann die Sache auch einen ganzen Tag dauern.“ Dann hat sie Erbarmen, vor allem mit dem Baum, dessen Zweige durch mein stümperhaftes Hantieren Gefahr laufen, verletzt zu werden: „Lass das besser die Männer machen.“ Christinas Vater Vasilis und Spiros, ein Freund der Familie, werfen den Generator an. Beide Herren sind Mitte sechzig, ihre Haut ist von Wind und Wetter gegerbt – aber trotz ihres Alters stehen sie täglich viele Stunden im Hain.

Sie könnten auch zu Hause Karten spielen, ihre Pension genießen. Aber Taxídi ist Ehrensache. Die Jungen haben von den Alten gelernt, und jetzt unterstützen die Alten die jungen Ideen. „Ich sage mir immer: Die Ernte dauert nur zwei Monate, danach wird es leichter“, erklärt Christina, während sie am Boden kniend durch die Oliven streicht, um Äste, Steine und Schnecken auszusortieren. Nichts davon soll in die Presse oder gar ins Öl, die Schnecken sind hartnäckig, sie kriechen die Zweige hoch und saugen sich teilweise an den Oliven fest. Ich versuche selbst, beim Herausklauben zu helfen – und merke: Das Ganze mag nicht ideal für den Rücken sein, aber trotzdem hat es was Meditatives.

Je frischer die Oliven in der Mühle landen, desto besser für die Qualität des Öls.

Christina Chrisoula, Olivenöl-Produzentin

Als die Dämmerung anbricht, hat Christina genug Kisten mit Oliven gefüllt, dass ein ganzer Lastwagen in Richtung Olivenmühle losgeschickt werden kann. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Je frischer die Oliven in der Mühle landen, desto besser für die Qualität des Öls. „Manchmal sind wir bis Mitternacht beim Pressen, und am nächsten Morgen geht es zeitig wieder raus“, erzählt sie, während wir in Richtung Mühle fahren. Die Sonne geht hinter Kretas Hügeln unter, wir kurven über Serpentinenstraßen, das Gestein ringsum ist in rosa-rotoranges Licht getaucht. Wir reden über das Leben mitten in der Natur.

Waltraud Hable bei der Olivenernte
Waltraud Hable Bild: Thanassis Krikis

Über Lektionen, die man dabei lernt. Zum Thema Geduld etwa, wenn ein Erntejahr nicht so gut läuft. „Je älter ich werde, desto mehr beginne ich zu verstehen: Der Olivenbaum ist ein Symbol von Beharrlichkeit. Egal was ihm auch widerfährt, er treibt immer neu aus, sogar wenn man ihn in Brand setzt“, sagt Christina. „Und: Olivenbäume verdeutlichen mir auf gute Weise, wie klein ich bin und wie unbedeutend meine Probleme im großen Ganzen sind. Die Bäume werden mitunter tausende Jahre alt, sie haben schon meine Vorfahren erlebt, und sie werden auch die Generationen nach mir noch erleben.

Wir Menschen kommen und gehen, aber Olivenbäume bleiben. Das rückt für mich den Fokus bei vielem zurecht.“ „Was sagen eigentlich deine Freunde zu deinem Richtungswechsel?“, frage ich abschließend. „Sie finden es gut“, sagt Christina. „Viele würden selbst gerne was Neues machen. Aber sie wissen nicht, was das sein soll.“ – „Welchen Rat würdest du ihnen geben?“ – „Dass man vielleicht erst ein paar Schritte zurückgehen muss, bevor man etwas Neues für sich sehen kann. Man muss planen, lernen, und oft ist es nicht einfach. Aber ich würde für kein Geld der Welt mein altes Leben zurückhaben wollen.“ Scheint, als hätte sie das mit der Beharrlichkeit der Olivenbäume verinnerlicht.

Das Öl von Christina ist hier erhältlich: taxidiolivefarm.com

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