Alles, was du über ätherische Öle wissen musst

Pflanzen haben Superkräfte, die wir schmecken, riechen und spüren können. Als ätherische Öle stärken sie Körper und Seele, ihr Anwendungsspektrum ist enorm: von der Medizin über Kosmetika bis hin zum Essen.
von Maria Dorner | 16. Oktober 2019
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Bild: Luisa Rivera

Was sind ätherische Öle?

Nichtfettende, pflanzliche, flüchtige Öle der Blüten, Blätter, Rinden, Wurzeln, Harze, Früchte und Samen bestimmter Heilpflanzen. Sie bestehen aus bis zu 1.600 einzelnen Komponenten, vorwiegend Terpenen und Phenylpropanen. Es gibt mehr als 200 ätherische Öle, rund 120 davon sind im Handel erhältlich. Je nachdem, zu welchem Zweck sie eingesetzt werden, gelten verschiedene Rechtsvorschriften (z. B. Europäische Kosmetikverordnung, Lebensmittelverordnung etc.).

Was können ätherische Öle?

20.000 Studien befassen sich bereits mit den hochkonzentrierten Pflanzenessenzen. Einer, der genau weiß, was die alles draufhaben, ist der Wiener Lungenfacharzt Dr. Wolfgang Steflitsch. Er „infizierte“ sich als junger Mediziner mit der Passion für Pflanzenheilkunde und gründete 2006 mit Gleichgesinnten die österreichische Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege (ÖGwA). „Ätherische Öle sind immunstabilisierend, schmerzstillend, entzündungs- hemmend, verdauungsfördernd, hustenreizstillend und den Hustenauswurf fördernd, regenerativ für Schleimhäute und für die Haut. Sie halten das Hormonsystem im Gleichgewicht, wirken positiv bei psychischen Störungen und Depressionen und sind sehr wertvoll im Wundmanagement.“ Im Kampf gegen multiresistente Keime sind Anwendungen mit ätherischen Ölen sogar so manchem Antibiotikum überlegen.

Und da geht noch mehr: Die Vielstoffgemische peppen unser Essen auf, bringen die Haut zum Strahlen, steigern die Konzentration, lassen die Wäsche duften, vertreiben Blattläuse – und wecken ganz plötzlich Erinnerungen an die brotbackende Oma oder den ersten Schultag.

Wie werden ätherische Öle gewonnen?

Die gebräuchlichsten Methoden sind Wasserdampfdestillation und mechanische Verfahren ohne Erhitzung (z.B. Pressung).

In welcher Form gibt es ätherische Öle zu kaufen?

Als Arzneimittel (Aromatherapie), als Medizinprodukt (physikalische Wirkung), als Kosmetikum (z.B. Körperpflege), als Bedarfsgegenstand (z.B. Raumbeduftung) oder als Lebensmittel (Aromastoff).

Welche ätherischen Öle gibt es?

Naturbelassene Öle werden direkt aus der Stammpflanze gewonnen. Ihre Zusammensetzung kann je nach Ernte, Klima und Bodenbeschaffenheit differieren.

  • Natürliche Öle bestehen zwar auch aus natürlichen Inhaltsstoffen, werden aber nicht nur aus einer Pflanze gewonnen. Sie enthalten auch Duftstoffe anderer Pflanzen mit ähnlichen Inhaltsstoffen. Vor allem teure Öle können so durch das Strecken mit preiswerteren Ölen billiger gemacht werden.
  • Künstliche Öle sind Mischungen aus wenigen einzelnen Inhaltsstoffen natürlichen oder synthetischen Ursprungs. Hier steht der Duft im Vordergrund, nicht die Wirkung.
  • Naturidentische Öle entsprechen in ihrer chemischen Zusammensetzung den natürlichen Ölen, ihre Bestandteile werden aber künstlich hergestellt.
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Bild: Luisa Rivera

Wie erkenne ich hochwertiges ätherisches Öl?

„Das hochwertigste Öl ist immer das zu 100 Prozent na­turbelassene“, erklärt die diplomierte Aromapraktikerin Ingrid Karner aus Graz. Das hat natürlich seinen Preis – dieser allein sagt über die Qualität aber noch wenig aus. Denn: „Für ein Kilo Melissenöl braucht man zum Beispiel bis zu 10.000 Kilo Melissenkraut, bei Eukalyp­ tus hingegen nur 25 Kilo Pflanzenmaterial.“ Wichtig ist aber in jedem Fall, „dass die ätherischen Öle in klei­nen Gebinden zu fünf oder zehn Milliliter abgefüllt sind, keinen Temperaturschwankungen ausgesetzt wur­den, vor dem Kauf nur als Tester zur Verfügung stehen und das Etikett folgende Infos enthält: den deutschen und korrekt geschriebenen botanischen Namen, die Be­zeichnung ‚100 % naturreines (oder echtes) ätherisches Öl‘, ein Haltbarkeitsdatum und den Vermerk ‚zur Aro­matherapie (oder Aromapflege) geeignet‘.“

Wo entfalten die Öle ihre Kraft?

Dank ihrer kleinen Molekülstruktur gelangen sie leicht über die Haut (z. B. Massage), die Schleimhäute (z. B. Zäpfchen), die Lunge (z. B. Inhalation) oder den Magen (z. B. Nahrung, Kapseln) ins Gewebe und in den Blut­ kreislauf. Besonders intensiv entfalten sie ihre Wirkung über den Geruchssinn. „Via Riechnerv werden inner­ halb von Sekundenbruchteilen bestimmte Areale und Zellen des Gehirns aktiviert und sensibilisiert – Berei­ che, die mit unserer Psyche, mit der Schmerzaufnahme und dem hormonellen System in Verbindung stehen“, weiß Dr. Steflitsch. Die Wohlgerüche hochwertiger ätherischer Öle wirken somit harmonisierend (z.B. Zimt), anregend (z.B. Rosmarin oder Pfefferminze), beruhigend (z. B. Lavendel) oder stimmungshebend (z. B. Bergamotte und andere Zitrusdüfte).

Wie lenkt der Riechnerv unsere Emotionen?

Ätherische Öle wecken ganz persönliche Stimmun­gen lange, bevor unser Verstand das realisiert“, so Aromapraktikerin Karner. „Denn Düfte sind immer an gute oder schlechte Ereignisse gekoppelt. Das be­einflusst die Empfindung ganz stark.“ Ein gutes Bei­ spiel: „Auch wenn wissenschaftliche Studien besagen, dass Lavendel zur Entspannung beiträgt, kann der Duft das Gegenteil bewirken und eine Erinnerung an den Tod wecken – weil das Öl ja auch in der Sterbe­begleitung eingesetzt wird.“

„Ätherische Öle wecken innerhalb von Sekundenbruchteilen ganz persönliche Stimmungen – lange, bevor unser Verstand das realisiert.“

Aromapraktikerin Ingrid Karner

Gibt es auch Nebenwirkungen?

Alles, was wirkt, kann auch unerwünschte Wirkungen haben. Inhaltsstoffe rufen bei unsachgemäßer Anwen­dung Unverträglichkeiten oder allergische Reaktionen hervor, unverdünnt wirken viele Öle stark reizend auf Haut, Schleimhäute und Augen. Es gilt: Die Dosis macht das Glück, und nicht alle Öle sind für alle ge­eignet. In diesen Fällen ist Vorsicht geboten:

  • Schwangerschaft: Öle, die nach Weihnachten duf­ten (z.B. Anis, Gewürznelke, Zimt, Sternanis), wirken wehenanregend.
  • Epileptiker: Nicht geeignet sind u. a. Pfefferminze, Ackerminze und Kampfer, weil sie das Nervensystem beeinflussen.
  • Asthmatiker: Eukalyptus, Rosmarin und Kampfer (alles, was nach Erkältungsbad duftet) bitte meiden, da sie aufgrund ihrer expektorierenden Wirkung Krämpfe in den Bronchien auslösen können.
  • Säuglinge: Sollten nur sanft und in geringer Dosie­rung (unter 1%) mit ausschließlich milden, beruhigen­ den ätherischen Ölen in Kontakt kommen.

Gibt es noch andere Anwendungsgebiete?

Duft und Wirkung entfalten ätherische Öle auch in Wasch-­ und Putzmitteln, als natürlicher Insekten­schutz (Pflanzenschutzmittel, Gelsenspray) sowie in der Tierpflege (Fell­ und Hufpflege) und in der Kosmetik.

Welche Öle sollte ich zu Hause haben?

Die Aromapraktikerin empfiehlt Lavendel („Klassiker bei Verbrennungen, dient auch der Entspannung“), Thymian ct. Linalool („Wirkt bei bakteriellen Infektio­nen und punktuell gegen Mitesser“) sowie ein Zitrusöl zur Stimmungsaufhellung und Schaffung einer harmo­nischen Raumatmosphäre. Wolfgang Steflitsch setzt u.a. auf Neroli und Römische Kamille bei psychischen und emotionalen Belastungen bzw. schwarzen Pfeffer und Majoran bei Schmerzen.

Wo kann ich nachschauen, welches Öl wie wirkt?

Auf aromainfo­datenbank.com, dem weltweit ersten digitalen Lexikon rund um aromatherapeutisches Fachwissen, kann jeder fündig werden. Es basiert auf 1.000 wissenschaftlichen Studien, 100 Diplomarbei­ten, zahlreichen praktischen Erfahrungen und verrät etwa, dass Spanischer Rosmarin Liebeskummer lindert und Mandarine Albträume verjagt.

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