Kranich, Skorpion, Melkkuh: Das Geschäft mit Yoga

Ein Tigerfell, Präsenz und Zeit. Mehr braucht es laut „Yoga-Bibel“ nicht, um die jahrtausendealte Lehre aus Indien zu praktizieren. Kein Yoga-Board, kein Yoga-Brot, keinen Yoga-Bra. Schließlich geht’s hier um Entspannung und Erleuchtung – aber halt irgendwie auch ums große Geld.
von Matilda Mezen | 10. September 2019
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Das Geschäft mit Yoga (Bild: Getty Images)

Gut, das Fell wurde mittlerweile gegen eine Matte getauscht. Alles andere würde den körperbewussten, in seiner Mitte ruhenden und nach vollendeter Vereinigung strebenden Yogi wohl auch verstören. Das war’s dann aber auch schon mit der erforderlichen Ausrüstung.

Für Yoga brauchst du nur dich und die Zeit, die du dir für ein Rendezvous mit dir selbst einräumst“, sagt El Mar Spielauer, Gründer von Functional Movements Arts (FMA), einer holistischen Movement- und Trainings-Praxis, bei der Yoga eine sehr große Rolle spielt.

Für Yoga brauchst du nur dich und die Zeit, die du dir für ein Rendezvous mit dir selbst einräumst.

El Mar Spielauer, Gründer von „Functional Movements Arts“

„Das ist Bodenturnen in teurer Kleidung“

Es beginnt bereits damit, dass Yoga kein Fitnessprogramm, ja nicht einmal Sport ist. „Yoga ist der innere Zustand der Einheit, der sich durch regelmäßige Praxis diverser Techniken einstellt. Oder eben auch nicht. Somit kann man Yoga auch nicht machen“, erklärt El Mar, der sich seit Jahren der ganzheitlichen Beschäftigung mit Mensch, Geist, Bewegung und Gesundheit widmet.

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Bild: Rima Kruciene/Unsplash

Machen kann man nur die im Trend liegenden Körperübungen-Asanas wie Sonnen- und Mondgruß, von denen viele übrigens nicht älter als 150 Jahre sind und demzufolge ursprünglich gar nicht praktiziert wurden.

So betrieben handelt es sich um Bodenturnen in teurer, bunter Kleidung, verpackt als spirituelle Tradition, eingebettet in hinduistische Folklore.

El Mar Spielauer

Und damit wären wir auch schon beim Thema.

Yoga für Hunde und mit Ziegen

Yoga hat mit Selbstwahrnehmung, Selbstdisziplin und Askese zu tun – der Kommerzgedanke verträgt sich damit eigentlich schlecht. Und trotzdem brummt das Geschäft mit der Entspannung. In den vergangenen Jahren entstand ein Wachstumsmarkt, dessen Wert das Wall Street Journal auf 38 Millionen Euro schätzt.

Yoga hat das Esoterik-Eck längst verlassen und ist ein Massenphänomen, das sich dennoch über Exklusivität verkauft: Es gibt eigene Kurse für Schwangere, Babys, Senioren, Frauen in den Wechseljahren, gestresste Stadthunde („Doga“) und noch gestresstere Mitarbeiter in der Mittagspause. Man frönt Yoga mit Ziegen und Lamas, verrenkt sich auf Paddelboards und bereist dafür die spektakulärsten Orte der Welt.

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„Extra für Yogis“-Artikel boomen

Sportartikelhersteller und Co reagieren auf diesen Markt im großen Stil und erfinden immer mehr Produkte, die zum Entkrampfen und Entschleunigen ihrer Käufer beitragen sollen. Die Liste der „Extra für Yogis“-Artikel reicht von Zehensocken und Kopfstandhockern über Handtücher (mit Silikonnoppen für bessere Stabilität) und Reinigungssprays (speziell für Matten) bis zu „sexy Pants“ und Nahrung. So bietet eine Wiener Bäckerei-Kette gar ein Bio-Yoga-Brot an, dessen Sauerteig getreu dem Motto „In der Ruhe liegt die Kraft“ eine besonders lange Rastzeit von 20 Stunden vergönnt war.

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Bild: Form/Unsplash

Ja, derweil kann man sich ausgiebig ertüchtigen, und neuerdings geht das auch auf dem Yoga-Board. Herabschauender Hund, Krieger oder Tänzer – wer die Wirkung der Übungen auf dem körpergroßen Naturholz-Balance-Brett mit geschwungener Unterseite intensivieren will, muss aber rund 400 Euro berappen.

„Diese Körper brauchen Krücken“

Über die Sinnhaftigkeit lässt sich in allen Fällen diskutieren, für El Mar ist der Einsatz von „Hilfsmitteln“ immer eine Frage der Beweggründe:

Ob Widerstandsbänder, Faszienbälle, Blöcke oder Gurte: Nichts davon ist für Yoga notwendig.

Aber: Wir haben es oft mit Menschen zu tun, die viel Zeit in physische Inaktivität investiert haben. Ihren Körpern war artgerechte Haltung meist jahrzehntelang fremd, sie brauchen Schienen und Krücken im übertragenen Sinn. Wenn sie geheilt sind, sollte man diese dann aber auch wieder ablegen.

Es fehlt an Helden – und Werbeträgern

Neben dem (tatsächlich) geringen Ausrüstungsbedarf stößt sich die Industrie auch am Motiv, Yoga zu praktizieren: Die Lehre dient der Selbstvervollkommnung und ist keine Wettkampf-Disziplin. Es geht laut El Mar ja um „innere Prozesse, die nicht messbar sind“.

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Bild: Katee Lue/Unsplash

Dementsprechend gibt’s keine quotenträchtigen Bewerbe im TV, und es fehlt, abgesehen von Insta-Posern im Lotussitz, an echten Idolen, Helden – und somit Werbeträgern. Vielleicht noch, denn Yoga lebt.

Der FMA-Gründer spricht von einem „System, das sich mit den Bedürfnissen der Menschen mitentwickeln, sich ihnen aber niemals ganz beugen wird“. Denn:

Solange die Industrie Geld wittert, wird sie es machen. Den wahren Yogi wird es in seiner Praxis aber nicht erschüttern, wenn es an der Oberfläche des Ozeans Wellen gibt. In der Tiefe ist das Wasser ruhig.

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