Der Mensch, ein Rudeltier?

Vieles in unserem Leben ist auf Gemeinschaft aufgebaut: Unter Freunden oder mit der Familie geht es uns einfach besser – wir fühlen uns aufgehoben. Doch kann auch der Sologang erfüllend sein?
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Der entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Gehirns, der Hirnstamm, gibt so einiges vor. Neben den Reflexen und automatisch ablaufenden Vorgängen wie Atmung oder Verdauung ist dort auch das menschliche Bedürfnis nach Anschluss verankert. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass diese tief liegenden Hirnregionen uns stärker beeinflusssen als die Großhirnrinde, die zum logischen und bewussten Denken befähigt.

Der Hirnstam lenkt unsere Aufmerksamkeit insbesondere auf all jene Dinge, die für unser persönliches Wohlbefinden relevant sind – und dazu gehören soziale Kontakte. Auch Lisa Tomaschek-Habrina, Gesundheits-, Business- und Performance-Coach bei ESBA weiß: „Alles, was wir lernen, erfahren und erleben, vollzieht sich im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen, mit Kommunikation. Diese Erfahrungen organisieren nicht nur Nervenzellennetzwerke, sie prägen auch das Fühlen und Denken eines Menschen und sogar seine Gene.“

Das menschliche Wesen ist also im höchsten Maße ein soziales Wesen, wenn man will ein Rudeltier.

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, Psychotherapeutin

Einzelgänger sind häufiger krank

Lässt sich das also pauschalieren? Wir kennen ja auch Einzelgänger, für die ein stabiles Umfeld für ihr Lebensglück nicht so entscheidend ist. „Grundsätzlich ist sowohl das Bedürfnis nach Verbundenheit als auch nach Selbständigkeit in uns. Jeder hat aber sehr individuelle Erfahrungen. Aus Schutz vor eventuellen Kränkungen ziehen sich Menschen oft zurück.“

Die Expertin hat in ihrem Umfeld die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit einem kleineren sozialen Netz häufiger krank sind, oder längere Genesungszeiten haben als andere. „Dabei kommt es nicht auf die Anzahl der Menschen an, sondern auf die Qualität und die Wechselwirkung der Beziehungen. Wem kann ich mich anvertrauen? Wie ist die Ausgeglichenheit von Nehmen und Geben?“, so Tomaschek-Habrina.

Intelligente Menschen brauchen weniger Freunde

Erst kürzlich hat sich die London School of Economics und die Singapore Management University in einer Studie mit diesem Phänomen beschäftigt. Dabei wurden 15.000 Menschen befragt, was das Leben für sie lebenswert macht. Das erstaunlichste Ergebnis: Besonders intelligente Menschen sind glücklicher, wenn sie mehr Zeit alleine statt mit Freunden oder mit Familie verbringen. Die Interpretation der Forscher: Begabteren fiele es leichter, sich in ihrem Leben zurechtfinden. Sie hätten meist ein längerfristiges Ziel vor Augen, das sie möglichst effizient erreichen wollen – dabei würden Freunde eher stören.

Aber wie sagt man so schön: Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer einen großen Freundeskreis hat, muss nicht zwangsläufig ein geistiges Nackerbatzerl sein …

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