Ode an den Kuss

A kiss is still a kiss? Zum Weltkusstag am 6. Juli ein paar Gedanken über Küsse und ihre Auswirkungen vom Wiener Autor Gerhard Kummer.
von red
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Illustration: Julia Zott

Am 6. Juli steht jährlich der Internationale Tag des Kusses an – und das bereits seit 1990. Der Gedenktag soll seinen Ursprung in Großbritannien haben. Früher hieß er „National Kissing Day“, dann „International Kissing Day“ – heute wird er weltweit gefeiert. Gerhard Kummer, Journalist und Autor, lebt und liebt in Wien. Und er küsst ziemlich gern. Hier ist seine Lobeshymne auf den Kuss.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Mensch rund 76 Tage seines Lebens mit Küssen verbringt. Aber das kann eigentlich nicht stimmen, denn diese Zeit habe ich allein schon mit meiner ersten Freundin verknutscht. Wir haben die Möglichkeiten, die sich aus verliebten Mündern ergeben, mit sagenhafter Gründlichkeit erforscht. Seitdem sind Küsse für mich so etwas wie der kleine Sex, der dem größeren in nichts nachsteht. Außerdem sind sie urpraktisch: fast überall möglich und sofort einsatzbereit.
Ein guter, nein, ein delikater Kuss kann einem durch und durch und durch gehen. Er kann schwindlig machen, betäuben, irrsinnig süß schmecken und die Welt von einer Sekunde zur anderen verpuffen lassen. Es gibt Küsse, die dich in Butter verwandeln. Geile Küsse, die eine betörende Sinnlichkeit entfachen. Küsse, die alles einlösen, was die davor nur versprochen haben. Und es gibt Küsse, nach denen man definitiv süchtig wird.

Ein guter, nein, ein delikater Kuss kann einem durch und durch und durch gehen.

Das Reich der Küsse ist riesig und variantenreich. Oft auch verdammt romantisch. Selbst die letzte Bar wird nach unerwarteten Lippen für ewig in Erinnerung bleiben. Ich liebe es ja überhaupt, an bestimmten Orten zu küssen. Unter Laternen zum Beispiel, in Nachtzügen, in letzten Kinoreihen, auf Fensterbrettern, auf Stegen, in Wiener Küchen, auf verwahrlosten Friedhöfen und auf warmen Motorhauben mit Blick über die Stadt.

Und immer geht es mit einem ersten Kuss los, ganz klar. Zu dem kommt es meist, wenn das Vorfeldknistern die kritische Marke überschreitet. Man sollte sich aber ruhig den Luxus gönnen, auf den besonders richtigen Moment zu warten: wenn es wirklich anders nicht mehr geht …
Was dann passiert, ist das ideale Testlabor der Leidenschaft. Man merkt sofort, was der andere sensitiv so draufhat und ob die gemeinsame Chemie auch tatsächlich floriert. Die Erfahrung lehrt: Vergiss den Sex, wenn dir schon die Küsse nicht die Schuhe ausziehen. Wir wollen schließlich nicht nur ein bisschen Herzklopfen, sondern das starke Verlangen, niemals mehr damit aufzuhören. Spielen, schmelzen, sterben und wieder von vorn.
Für Küsse in dieser Liga bin ich zu spät zu Jobs gekommen und hätte auch einen Flug zum Vollmond verpasst.
Und dann wirst du zwischendurch im Leben wach – und es sind weit und breit keine Küsse da. Auch das kommt vor, aber man freut sich dann eben auf die nächsten. Werden sie einen lieben oder einfach nur guttun? Nun, ich persönlich hab gern beides.

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