Wie geht Pause?

Wir tun nicht nichts, wenn wir nichts tun. Im Gegenteil. Leistung und Pause gehören untrennbar zusammen. Aber: Wissen wir überhaupt noch, wie man Pause macht? Wie man Atem holt und seine Gedanken zur Ruhe bringt? carpe diem-Autorin Nicole Kolisch hat mit dem Kampfsport-Weltmeister und Shinergy-Gründer Ronny Kokert über Entspannung gesprochen.
von Nicole Kolisch | 4. Juni 2019
Illustration Pause
Foto: Marina Munn

„Du willst mit mir über Entspannung reden? Gibt es kein rockigeres Thema?“ fragt Ronny Kokert, nachdem er mir die Jacke abgenommen hat. „Ich finde Entspannung total rockig“, sage ich – und denke: Punkrock! Entspannung ist Revolte gegen den Optimierungswahn, steter Stachel im Fleisch der Leistungsgesellschaft. (Das sag ich aber nicht, immerhin ist mein Gegenüber Leistungssportler. Außerdem kenn ich ihn ja noch nicht. Man muss nicht gleich beim ersten Tee den Klassenkampf ausrufen.)

„Klar ist Entspannung rockig. Es klingt nur immer so langweilig nach Bademantel und Lavendelbad“, sagt Ronny, „In Wirklichkeit muss man die Frage stellen, warum sich die Leute nach Entspannung sehnen. Für mich ist das eine Folge unserer ständigen Selbstoptimierung und des fremdbestimmten Leistungsdrucks. Weil wir dem eigenen Körper nicht mehr zuhören und nur irgendwelchen Instagram-Vorgaben nacheifern. Aber ich weiß nicht, ob du sowas hören willst …“

Oh, denke ich, ich hab den Frontman für meine fiktive Punkband gefunden! Das wird ein spannendes Gespräch.

carpe diem: Die Pause hat ein Problem. Mehr als ein Drittel der Leute unterbricht den Arbeitstag nur für die gesetzlich vorgeschriebene Mindestdauer. Zehn Prozent rackern überhaupt von früh bis spät durch.

Ronny Kokert: Dabei steigern Pausen erwiesenermaßen die Leistung. Im Sport gibt es sogar den Begriff der „lohnenden Pause“. Und man kennt es ja auch vom Lernen, dass eine Pause die Hirnleistung steigert.

Übertrifft dieser Effekt die verlorene Arbeitszeit?

Auf jeden Fall. Wir sehnen uns ja auch nach Entspannung, aber sie gelingt uns einfach nicht. Das ist eine Folge unserer ständigen Selbstoptimierung und des fremdbestimmten Leistungsdrucks. Wir eifern irgendwelchen äußeren Vorgaben nach, statt dem eigenen Körper zuzuhören.

Kraft liegt in der Entspannung; Leistung liegt in der Leichtigkeit.

Vielleicht, weil Erholung zu suchen einen schlechten Ruf hat, trotz des Yoga– und Achtsamkeitstrends?

Weil Leistung gern mit Entbehrung gleichgesetzt wird: No pain, no gain, du musst dich durchbeißen, wenn du etwas schaffen willst. Entspannung wiederum wird oft gleichgesetzt mit Erschlaffung oder Schwäche. Und das ist falsch. Vom Kampfsporttraining weiß ich: Kraft ist immer gleichgesetzt mit der Fähigkeit zur Entspannung – und Leistung ist immer gleichgesetzt mit Leichtigkeit. Das heißt nicht, dass man keine Kraft braucht oder nicht ab und zu seine Komfortzonen verlassen muss, um etwas zu erreichen. Aber dieses Krampfhafte, das oft mitschwingt, von dem muss man sich lösen.

Aber wie mache ich das? Kann ich das üben?

Indem du wieder lernst, darauf zu hören, was dir dein Körper jetzt im Moment für Signale gibt. Wir sind oft so im Hamsterrad, dass wir das gar nicht mitbekommen oder einfach darüber hinweggehen. Aber die Körperwahrnehmung ist immer im Moment – und Gegenwärtigkeit ist für mich der Schlüssel zur Entspannung und zur Ruhe.

Das ist alles? Einfach im Moment sein?

Ja, aber Gegenwärtigkeit ist nicht passiv, sondern ein sehr aktiver, nicht verspannter Zugang, bei dem man vollkommen im Jetzt reagiert. Egal ob ruhig oder aktiv: Man ist absolut in der Situation.

Permanente Veränderung ist die einzige Konstante. Man kann lernen, das zu akzeptieren.

Aber was spricht dagegen, ganz entspannt an die Zukunft zu denken?

Denkt man voraus, und wenn es nur um Sekunden ist, interpretiert man. Man vergleicht zwangsläufig die Möglichkeiten, die vor einem liegen, mit bereits Erlebtem, man zieht daraus Schlüsse, man bildet sich starre Konzepte zur Meisterung dieser vermeintlichen Wirklichkeit, die da auf einen zukommt. Daraus entsteht Stress. Ist der Geist aber gegenwärtig, ist man im Fluss. Man bleibt ständig in Bewegung und akzeptiert permanente Veränderung als einzige Konstante. Genau das ist für den Geist sehr entspannend.

Ist das nicht anstrengend für den Geist, ständig in Bewegung zu sein?

Im Gegenteil. Anstrengend ist für den Geist, wenn er sich starre Konzepte bildet, um die Wirklichkeit zu meistern – aber die Wirklichkeit dann immer abweicht von diesen starren Boxen, in die man sie zu zwängen versucht. Im Moment sein schafft Leichtigkeit.

Kann man das üben?

Klar. Eine gute Übung ist zum Beispiel: einfach nur atmen.

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