Waltraud Hable

Für immer jung

Auf Sardinien begegnet man auffällig vielen Menschen, die Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren wurden. Männern und Frauen, die immer noch lernen, lachen, ihr Leben genießen. Was ist das Geheimnis der Superalten? Die Suche nach Antworten führte unsere Autorin Waltraud Hable ins Innere der Insel – und ihrer selbst.
Guiseppe, 104
Guiseppe, 104 (Foto: Luigi Corda)

Alles mit Maß

Giuseppe Atzeni aus Monserrato hat seine Darmflora nie checken lassen. Der 104-Jährige war mit 80 zum ersten Mal beim Arzt, und das auch nur auf Drängen seiner Verwandten. Prostata, Blutdruck – alles im grünen Bereich. 

Ob sein hohes Alter vielleicht dem Cannonau di Sardegna geschuldet sein könnte, dem sardischen Rotwein, dem mehr Antioxidantien nachgesagt werden als jedem anderen Rebensaft? Immerhin war Giuseppe Weinhändler. Einer, bei dem man gerne testen ließ, ob ein Jahrgang etwas taugte. „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortet der alte Herr und wieselt mit dem Gehstock in den Innenhof, um nach seinen Tomaten­pflanzen zu sehen. „Ich habe – wenn überhaupt – ein Glas pro Tag getrunken.“ 

Der 104-Jährige war mit 80 zum ersten Mal beim Arzt, und das auch nur auf Drängen seiner Verwandten.

Ein maßvoller Umgang – mit allem im Leben – sei schon eher eine Erklärung. Und die Sicherheit, dass er auf seine Verwandtschaft bauen könne. Eine Studie kommt mir in den Sinn, wonach soziale Isolation so schädlich sei wie 15 Zigaretten am Tag. Scheint zu stimmen.

Auch wenn Giuseppe nie verheiratet war und keine Kinder hat: Einsam ist er nicht. Er fühlt sich pudelwohl in dem Haus, das er mit der Familie seines Neffen und seiner 99-jährigen Schwester teilt. Aber nicht nur die Verwandten sorgen für ihre Superalten, die ganze Dorfgemeinschaft tut das. Egal, wo ich in der Blue Zone aufschlage: Centenari werden wie lokale Berühmtheiten gehandelt, zu den Geburtstagen tanzt der Bürgermeister an, Zeitungen berichten. 

„Wenn ich rausgehe, spricht mich immer jemand an“, sagt Giuseppe über seinen Promi-Status. Seine Freunde sind eine andere Generation, 70, 80, 90 Jahre jung, dennoch haben sie gemeinsam viel zu lachen. Bei meinem Besuch interessiert sich Giuseppe für meine zerrissenen Jeans. „Das ist jetzt Mode“, erkläre ich. „Hat viel Geld gekostet.“ – „Aha.“ ­Giuseppe nickt schelmisch: „Ich mache dir einen guten Preis für meine ausrangierten Hosen.“ 

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