Waltraud Hable

Für immer jung

Auf Sardinien begegnet man auffällig vielen Menschen, die Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren wurden. Männern und Frauen, die immer noch lernen, lachen, ihr Leben genießen. Was ist das Geheimnis der Superalten? Die Suche nach Antworten führte unsere Autorin Waltraud Hable ins Innere der Insel – und ihrer selbst.
Gasparru, 107
Gasparru, 107 (Foto: Luigi Corda)

Gasparru Mele beeindrucken solche Spitzfindigkeiten wenig. Der älteste Mann Sardiniens lebt am Tag unseres Besuchs seit 107 Jahren, sieben Monaten und fünf Tagen. Als er im Frühling 1911 geboren wurde, war Italien noch ein ­Königreich, Pferdekarren bestimmten das Straßenbild. 

Ich besuche ihn im Dorf Orotelli, in einem Haus, das der schmächtige Bau­arbeiter seinerzeit eigenhändig in den Stein gehauen hat. Hier wuchsen seine acht Kinder heran, hier weinte er vor zehn Jahren um seine Frau, hier feierte er mit Freunden, die er alle überlebt hat. 

In den Innenhof schafft er es nur noch in Zeitlupe, das Gehen fällt ihm schwer. Er begrüßt mich in der Küche, vor dem flackernden Kaminfeuer. Als ich mich zu dem 1,60 Meter kleinen Greis hinunterbeuge und „Buongiorno, signore“ krächze, habe ich plötzlich einen Kloß im Hals, und die Tränen schießen mir in die Augen. Was ist los mit mir? Der Arme muss denken, ich sei verrückt, wie ich da ergriffen vor ihm hocke. 

In den Tagen danach soll mir das noch öfter passieren, obwohl ich eigentlich nicht nah am Wasser gebaut bin. Gasparru, adrett im Anzug und mit sardischer Schiebermütze auf dem Kopf, bleibt entspannt und deutet mir, neben ihm Platz zu nehmen. Die Kraft, die dieser zerbrechliche Mann ausstrahlt, der gerade Rücken, mit dem er allem trotzt, was ihm das Leben in 107 Jahren vor die Füße geworfen hat, die würdevolle Gelassenheit – in diesem Zimmer wirkt es, als könnte er die Zeit anhalten.  

Was in aller Welt hat mich veranlasst, zu glauben, zwei Stunden Gespräch würden ausreichen, einen halbwegs vernünftigen Abriss eines hundertjährigen Lebens zu zeichnen?

Während ich neben ihm sitze und zu­höre, stelle ich beschämt fest: Ich bin ein anmaßender Trottel. Was in aller Welt hat mich veranlasst, zu glauben, zwei Stunden Gespräch würden ausreichen, einen halbwegs vernünftigen Abriss eines hundertjährigen Lebens zu zeichnen – geschweige denn hinter das Geheimnis zu kommen, wie man biblisch alt wird? 

Rezepte für ein langes Leben

„Jeder will mein Rezept für ein langes Leben wissen“, lächelt Gasparru, als ich ihn doch festzunageln versuche. Auch er weiß: Nur an den guten Genen liegt die Sache nicht. Die Forschung sagt, dass die nur zu 10 bis 20 Prozent eine Rolle spielen. „Wenn man sich ansieht, wie alt die Eltern von Hundertjährigen wurden, dann sieht man: nicht überdurchschnittlich alt“, bestätigt der Biologe Gianni Pes. Ständig in Bewegung zu sein sei schon eher der Schlüssel zum Altersglück. Auch, den Magen stets nur zu 80 Prozent zu füllen, idealerweise mit wenig raffiniertem Zucker und wenig Fleisch.  

Sardinien 2
Schafe im Landes­inneren Sardiniens. Schaf- und Ziegenmilch wird hier täglich getrunken. (Foto: Luigi Corda)

In Sardiniens Blue Zone gibt es Pasta und selbst gezogenes Gemüse: Fenchel, Tomaten, Bohnen, Kichererbsen, zu einer Minestrone vermanscht. Olivenöl, dick in der Konsistenz und sattgrün. Pane moddizzosu, ein goldgelbes Brot aus Weizengrieß und Kartoffeln. Nicht zu vergessen: die Ziegenmilch. Sie gilt als Lebenselixier, der Muttermilch ähnlich und leichter verdaulich als Kuhmilch. Man trinkt sie zum Frühstück, isst sie als Ricotta und als Käse in den Culurgiones, sardischen Ravioli. 

„Aktuelle Forschungen beschäftigen sich mit der Darmflora“, erzählt Gianni Pes. „Es gibt Indizien dafür, dass Mikro­biotika die Lebenserwartung deutlich steigern.“ Nachsatz: „Wir wissen nur noch nicht, welche.“ 

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