Busch-Notizen: Warum die Kleinen die Großen sind

Hallo Mistkäfer! Weltreisende Waltraud Hable sucht die "Big 5" und findet ihren Respekt für die kleinen Helden des Lebens.
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Foto: Waltraud Hable

Ich war nach Südafrika gekommen, um alles über die „Big 5“ zu lernen: Löwen, Leoparden, Elefanten, Büffel und Nashörner. Das majestätische Herrscher-Quintett im Busch. Ein zweimonatiger Safari-Kurs sollte mir Spurenlesen und tierische Warnsignale beibringen. Und auch die Frage, warum Löwinnen Sex zustimmen, beschäftigte mich. Immerhin ist der Löwen-Penis mit unzähligen Stacheln besetzt und Geschlechtsverkehr für die Weibchen extrem schmerzhaft. „Bei Löwen ist nicht jeder Schuss ein Treffer“, bekam ich erklärt. „Die Stacheln am Penis reizen die Schleimhäute und die Gebärmutter und bereiten sie für die Befruchtung vor.“ – „Dass nicht jeder Schuss ein Treffer ist, dafür kann doch das arme Weibchen nichts“, seufzte ich und nahm mir vor, künftig jeder Löwin, nonverbal, mit einem wissenden Blick, mein Mitgefühl auszusprechen. Das tun Löwinnen im Gegenzug auch. Sie interessieren sich besonders für schwangere und menstruierende Frauen. Findet sich eine solche im Safari-Jeep, kommen die scheuen Tiere näher, um neben der entsprechenden Dame zu „wachen“.

Mistkäfer und Termiten – meiner Meinung nach die wahren Helden dieses Planeten!

Doch so faszinierend die Big 5 auch sein mögen, mittlerweile krieche ich lieber am Boden herum, um Kreaturen zu studieren, die ein paar tausend Nummern kleiner geraten sind. Die Rede ist von Mistkäfern und Termiten – meiner Meinung nach die wahren Helden dieses Planeten. Mehr noch: Wäre ein Mistkäfer menschlich, ich würde ihn sofort zum Mann nehmen. Denn der kleine Kerl ist jemand, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann, ein nimmermüder Arbeiter, der seine ganze Energie darauf verwendet, seiner Liebsten Futter zu bringen und Nistplätze für ihre Eier zu schaffen. Und: Er spinnt dabei Scheiße zu Gold, zerlegt die Fäkalien von Pflanzenfressern in ihre Einzelteile, um die Basis für Humus zu schaffen. Seit ich weiß, welch weicher Kern hinter der harten Schale steckt, mache ich mit dem Safari-Jeep einen großen Bogen um Elefanten-Dung und Nashorn-Haufen. Nicht dass ich irrtümlich einen der darin werkelnden Wunderwuzzis überfahre.

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Foto: Waltraud Hable

Und dann: hach, Termiten! Ihre Bauten – mit hochgradig gefinkelten Belüftungsschächten, Lagerkammern und unterirdischen Gärten – ragen wie Kathedralen aus der Steppe heraus. Der Vergleich mit den Gotteshäusern ist durchaus berechtigt, ich finde, die Klugheit der Viecher muss man anbeten. Vor allem ihre Strategie, sich nach einem Tiefschlag wieder aufzurappeln, ist bemerkenswert: Marschieren Killer-Ameisen in einen Termitenbau ein, um einfach mal ratz-fatz den Großteil der Belegschaft zu lynchen, dann gibt die Herrscherin, die Termitenkönigin, nicht kampflos aus: Sie schickt einen Duftstoff aus, der ihre Soldaten in eine Art Sci-Fi-Transformationsschlaf versetzt. In dieser Ruhephase verlieren die Soldaten ihren Kopf, er fällt einfach ab, und darunter wächst ihnen ein Arbeiterkopf. Mit den so geschaffenen neuen Arbeitern baut die Königin ihr Reich wieder neu auf.

Termiten sind der Beweis dafür, dass im Kleinen die wahre Größe steckt. Dass jeder über sich hinauswachsen kann.

Ich könnte stundenlang vor einem Termitenbau sitzen. Nicht etwa weil dort viel Spannendes passiert. Genau genommen spielt sich draußen herzlich wenig ab, die Magie passiert im hermetisch abgeriegelten Inneren, in einer Welt, die für uns Menschen nicht zugänglich ist. Aber die Krabbeltiere stehen für mich sinnbildlich für das Leben. Ich wollte über die Big 5 lernen. Und gehe mit der Lektion nach im Hause, dass im Kleinen wahre Größe steckt. Termiten mögen winzig sein, aber sie sind – nicht nur wegen ihrer XL-Bauten – der Beweis dafür, dass jeder über sich hinauswachsen und Überragendes leisten kann. Und: Jeder Handgriff, jede noch so unbedeutend scheinende Aktion, ist wichtig fürs große Ganze. Niemand sollte das Recht haben, zu bewerten, was wichtig und was unwichtig ist. Dafür ist die Natur einfach zu komplex. Also kann man das mit dem Werten auch gleich lassen.

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Foto: Waltraud Hable

Über Waltrauds Reisen
Was passiert, wenn man seinen Job kündigt, dem Fernweh nachgibt und sich einfach mal die Welt anschaut? Waltraud Hable (41) schreibt über große und kleine Weisheiten, die sie am Wegesrand findet. In der unten stehenden Karte siehst du die Stationen ihrer Weltreise. Durch Klick auf die gelben Symbole erhältst du den Link zu dem jeweiligen Blogeintrag. Oder hier beim ersten Reiseblog starten.

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