In Partnerschaft mit
Ursula Neubauer

Heute geh ich zu meiner Philosophin

Was Sokrates oder Aristoteles wohl sagen würden? Zur Zeiteinteilung. Zu den Dingen, die einen beschäftigen und manchmal belasten. Unsere Autorin Ursula Neubauer hat sie gefragt. Also, indirekt – indem sie sich Termine in einer philosophischen Praxis ausgemacht hat. Einmischung aus der Antike inklusive.
Heute geh ich zu meiner Philosophin
Bild: Natalie Paloma

Ich habe einige Fragen. Zum Beispiel zur Zeit und wie ich am besten mit ihr umgehe. Voriges Jahr hab ich mich nämlich selbstständig gemacht. Heißt: Schluss mit regelmäßigem Montag-bis-Freitag-Rhythmus, hinter mir haltgebende, aber auch einengende Büro- und Konzernstrukturen als Taktgeber meines Alltags…

Und ich liebe meine neue Freiheit (über diesen Begriff werde ich auch noch genauer nachdenken müssen – mehr dazu später). Ich finde herrlich, dass ich zum Großteil arbeiten kann, wann ich möchte und unter der Woche mitten am Tag der Frisörtermin drin ist. Aber: Wenn mir jemand ein schönes langes Wochenende wünscht, runzle ich fragend die Stirn. Welcher Tag ist? Ich weiß es oft nicht. Auftrag erledigt und jetzt? Manchmal ist da Unsicherheit. Und Zeit, in der ich ja noch was Sinnvolles machen könnte. Hmm.

Frag doch die Philosophie!

Zeit, und die Frage nach dem richtigen Umgang mit ihr sind Themen, die Cornelia Bruell in ihrer philosophischen Praxis in Baden oft begegnen. Sie begleitet Menschen und Gruppen, spricht mit ihnen über konkrete Anliegen, Probleme und Krisen und führt sie in die philosophische Reflexion. Richtet den Blick gemeinsam mit ihnen nach vorne, in die Zukunft und versucht durch neue Perspektiven ihr Denken zu weiten und zu bewegen. Mit einem einzigen Zweck: Veränderung anzustoßen.

Noch recht jung ist in Österreich der Bereich der philosophischen Beratung, auch wenn die Konzepte, die ihr zugrunde liegen, eine 2500 Jahre alte Geschichte haben. Sich Gedanken über das gute Leben zu machen, hat einfach Tradition. 

Ich mache mir im Moment vorwiegend Gedanken über mein gutes Arbeitsleben. Zeiteinteilung kann ich eigentlich. Und dann passiert es sogar, dass mir überraschend noch ein Stündchen zur Verfügung steht, weil ich doch an irgendeiner Ecke schneller war als gedacht. Klingt gut. Stresst mich nur leider. Weil dann geht es los und ich frage mich: Was mach ich damit? Was könnte ich noch tun? Was ist vernünftig, sinnvoll, nützlich? An der Masterarbeit weiterschreiben? Akquise? Oder doch einfach nur Spazierengehen …

… und da fragt Cornelia Bruell in unserem ersten philosophischen Gespräch zurück: „Aha, da würde ich jetzt gerne wissen wollen: Was ist nützlich? Was ist Nutzen für Sie? Was ist damit verbunden? Also wenn Sie versuchen, es für sich zu übersetzen, was sind die Eigenschaften des Nützlichen?“

Ich: „Ich glaube für mich hängt das mit einem Tun zusammen, das Fachbuch zu meinem Studium lesen zum Beispiel, das ist nützlich … und ich überlege gerade, ob so etwas wie Klavierspielen auch hineinfällt. Ist das was Nützliches? Also … es bringt Entspannung und ja, Entspannung kann eigentlich nützlich sein.“

Langsam. Ich spreche langsam und schaue dabei nachdenklich in die Luft. Zwicke meine Augen ein kleines bisschen zusammen, während ich laut nachdenke. Lautes Nachdenken – das ist am ehesten, wie ich meine Teile der Gespräche nennen würde.

Cornelia Bruell: „Darf ich es umformulieren, um einen neuen Gedanken miteinzubringen? Könnte man auch sagen, das, was wir jetzt Nutzen genannt haben, ist vielleicht zweckorientiertes Handeln?“

Ich: „Hmm … wenn wir es Zweck nennen, würde das für mich glaub ich bedeuten, dass die Absicht dahinter eine andere ist? Also das Klavierspielen hätte dann den Zweck, dass ich da besser werde, aber manchmal tue ich das ja einfach nur, weil es mir Freude macht.“

Cornelia Bruell: „Das ist schön gesagt. Eine Differenzierung ist bei dem Thema, was tun wir und aus welchem Grund, wichtig – das hat auch Aristoteles in der Antike unterschieden. Er spricht von Eudaimonia, das ist das, was wir heute Glück nennen, er meint eher Glückseligkeit. Das hat bei Aristoteles auch etwas mit Tun zu tun, eben zum Selbstzweck. Ohne dass diese Tätigkeit Mittel zum Zweck für ein anderes Ziel ist. Er hat den Letztzweck gemeint, aus dem heraus man keinen anderen Zweck mehr begründen kann. Wenn ich einmal in diesem Gefühl der Eudaimonia bin, dann ist es für sich. Dann frage ich nicht weiter nach einem „Wozu?“. Und um zurückzukehren zu Ihrer Ausgangsfrage, vielleicht könnten Sie es sich gönnen, wenn Sie Ihren planerischen Teil erledigt haben, sich diesen Freiraum für Dinge zu nehmen, die kein Mittel zum Zweck sind? So Pölster des Selbstzwecks quasi?“

Ich: „Pölster des Selbstzwecks … Das klingt eigentlich gut … “

Cornelia Bruell: „Aber?“

Kein Aber, merke ich nach einer kleinen Nachdenkpause. Der Mut zur Pause, zur Stille und zum In-Ruhe-Nachdenken über die Fragen und alten Konzepte gehört auch zum Philosophieren. Ein bisschen ungewohnt, aber sehr wohltuend.

Freiheit – was ist das?

Aristoteles schwirrt mir noch eine ganze Weile danach im Kopf herum. Unser nächstes Gespräch eine Woche später knüpft daran an, wir reden über Erlaubnis und die Freiheit, oder über das, was ich unter Freiheit verstehe. Damit sind wir beim Kern eines philosophischen Gesprächs so wie Cornelia Bruell es versteht: Es geht um die Arbeit an Begriffen, um die Frage, welche Bedeutung bestimmte Begriffe wie eben „Freiheit“ für mich haben, was ich damit verbinde, wie genau ich sie verstehe. Ihren Job sieht sie darin, meine Sicht anzureichern mit neuen Gedanken, neuen Perspektiven oder neuen Ideen dazu – oft mit Rückgriff auf alte Konzepte. Von der Begriffsschärfung der „Freiheit“ kommen wir wieder zurück zu meiner Selbstständigkeit.

Ich: „… die Sehnsucht nach mehr Freiheit war ja auch ein Grund für meinen Wunsch nach Selbstständigkeit. Dass ich tun kann, was ich für richtig halte, was mich interessiert, was Sinn macht, was ich gerne tue …“

Cornelia Bruell: „Da muss ich sofort an das japanische Prinzip Ikigai denken, das sich auch mit der westlichen Philosophie deckt. Da spricht man von einem guten Leben, wenn man sein Ikigai gefunden hat. Ikigai, das ist quasi der Grund, warum ich in der Früh aufstehe, und da gibt’s eine 4-Feldermatrix mit vier Fragen, in deren Schnittmenge das Ikigai ist: Was tu ich gern? Was kann ich gut? Womit leiste ich einen Beitrag für die Gesellschaft oder für andere? Und kann ich davon leben? Diese Fragen können sehr hilfreich sein, wenn man noch mehr herausfinden will, wer man ist und was man will.

Stark durch große Gedanken

In der modernen philosophischen Praxis geht es also nicht nur um Konzepte aus der Antike, lerne ich. Oder um Namen wie Sokrates oder Aristoteles. Die Modelle und Gedanken, die Cornelia Bruell in unsere Gespräche miteinbringt, stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten und kulturellen Welten. Ich habe das Gefühl, als würde mir gerade die gesamte Heerschar an großen Denkern den Rücken stärken. Durch Gedanken, die sie sehr lange sehr genau gedacht und überdacht haben.

Ich: Ikigai, das klingt schön und ich kann mir vorstellen, dass das, was ich jetzt mache – mit der Kombination aus dem Schreiben und dem Coaching gut in die Matrix passt. Was bei mir grade aber noch hochkommt ist: Es gibt so viele Ratschläge von außen. Entscheide dich nur für ein Berufsfeld. Mach es so. So kommst du zu noch mehr Umsatz. Ich finde manchmal schwierig herauszufinden, was davon für mich passt – und ich war bis jetzt ja immer angestellt, vieles ist ja wirklich sehr neu.“

Cornelia Bruell: „Für die Freiheit muss man natürlich auch auf ein Stück Sicherheit verzichten können, man muss ein bisschen Unsicherheit in Kauf nehmen. Und es ist ja nicht ausgeschlossen, von anderen zu lernen. Vielleicht kann man das auch wertschätzen? Ich denke da an den Resonanzbegriff von Hartmut Rosa, der sagt, dieser Zustand ist nichts Geschenktes, es braucht immer auch eine Herausforderung, einen gewissen Kampf, etwas, das man erobern kann, damit man das Gefühl hat, man hat etwas gewonnen. Also könnte man eigentlich als Glücksfall bezeichnen, dass die Selbstständigkeit so neu für Sie ist, weil so haben Sie die Möglichkeit, sich viel Neues anzuverwandeln. Anverwandeln ist auch ein Begriff von Rosa.“

Anverwandeln. Was für ein schönes Wort. Ich grinse. Jetzt weiß ich, was Cornelia Bruell in unserem Vorgespräch meinte, als sie sagte, dass in der philosophischen Praxis versucht wird, durch neue Gedanken Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Irgendwie atme ich nun leichter. Und schmunzle auch noch nach unserem Gespräch über die Anverwandlung des Neuen. Manchmal ganz ungeniert nach außen sichtbar, manchmal mehr in mich hinein. Es hält an bis zum nächsten Termin.

Ich darf wollen, was ich will

Ich: „Ich hab das mit dem Anverwandeln letztes Mal schön gefunden, das hat stark nachgewirkt. Und dann hab ich aber so das Gefühl gehabt, vielleicht zu viel zu wollen. Das schöne Leben, das florierende Business … mit Freude und mit Leichtigkeit … ist das vermessen? Ist das unverschämt?“

Cornelia Bruell: „Wer sagt denn das? Ich meine, das ist ein Bild, das Sie haben. Und ein Bild ist etwas Geronnenes, es bildet etwas ab, es ist wie ein gefrorener Moment. Manchmal bieten solche Gesellschaftsbilder Orientierung, aber manchmal sperren sie uns auch ein. Wie oft passiert es uns, dass wir etwas begehren und wollen, weil es gesellschaftlich vorgegeben oder die Norm ist – dann zu fragen: Will ich das wirklich? Das kann schwierig sein, aber sehr hilfreich. Weil dadurch können wir tiefer in uns schauen. Wir können zwar nicht auseinanderdröseln, wer wir wurden durch Kultur, Gesellschaft, Familie, Sozialisierung. Das pure, reine Ich, das gibt es nicht. Aber genau deshalb ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Selbst so wichtig. Dann passiert einem das Leben nicht einfach, dann kann man es bewusst gestalten.“

Ich: „Dann darf ich also wollen, was ich will!“

Cornelia Bruell: „Und was wäre noch eine Alternative zu dem Satz?“

Ich: „Ähm, ich darf alles wollen?“

Cornelia Bruell: „Wirklich? Ist das die Alternative?“

Ich: „Sie haben noch eine andere Formulierung im Kopf?“

Cornelia Bruell: „Ja, sie muss sich aber für Sie gut anfühlen, für mich wäre es die Frage: Was will ich?“

Ich: „Was will ich. Aha.“ (ich muss kurz nachdenken) „Ja, fühlt sich irgendwie gut an. Was will ich?“

Cornelia Bruell: „Ja, weil wenn Sie es so formulieren, geht es nur um Sie, nicht mehr um die anderen, die Ihnen etwas erlauben.“

Und da bin ich also tatsächlich nach dem dritten Gespräch zutiefst bei mir selbst gelandet und bei der vielleicht zentralsten Frage, die man sich neben „Wer bin ich?“ stellen kann: „Was will ich?“ Ich stelle sie mir jetzt immer wieder und hinterfrage bei Entscheidungen, ob ich dieses oder jenes wirklich will. Mal sehen, wohin es mich führt.

Dr. Cornelia Mooslechner-Bruell ist Philosophin mit eigener Praxis in Baden. Zusätzlich zu den philosophischen Einzelgesprächen leitet sie auch Philosophierunden, Gesprächswanderungen und unterrichtet an unterschiedlichen Unis und Institutionen.

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