Janina Lebiszczak

Selbstmitleid ist für alle da

Heute tun wir uns mal leid. So richtig. Denn das Gefühl des Selbstmitleides verdient eine genauere Betrachtung.
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Bild: Getty Images/red

Selbstmitleid. Immer wenn ich dieses Wort höre, muss ich an eine Szene aus dem ersten – und einzig guten Teil – der „Bridget Jones“-Filmreihe denken. Die arme Frau sitzt im Schlabberpyjama auf dem Sofa, umgeben von Weißweinflaschen, Schokolade und Taschentüchern und drückt einen Haufen Tränen.

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Doch das reicht ihr noch nicht. Sie will zu ihrem allerschlimmsten Seelenschmerz vordringen, um in dessen gleißenden Kern endlich zu verglühen. Darum hört sie dabei auch noch die Hymne der Larmoyanz: „All By My Self“ – das Hohelied der Übriggebliebenen, der ungerecht Behandelten, der vom Leben Verarschten.

Das Gefühl einsam und verlassen zu sein, unverstanden und ungerecht behandelt, gehört zu den dramatischsten aller Herzensregungen.

Es gibt kein tiefer empfundenes Gefühl als Selbstmitleid.

Gerhard Kocher

„Es gibt kein tiefer empfundenes Gefühl als Selbstmitleid“, hat der Schweizer Politologe Gerhard Kocher gesagt. Das Blöde daran ist: Es führt zu rein gar nichts. Es ist sogar völlig sinnlos. Es gibt überhaupt keinen vernünftigen Grund dafür, uns über unser eigenes Leid zu beklagen.

Wenn wir es selbst verschuldet haben, jammern wir aus Uneinsichtigkeit oder Selbstüberschätzung. Wenn wir es nicht mehr ändern können, ist unserer Wehklagen nicht nur umsonst, sondern es verlängert sogar die Pein. Und auch für den Fall, dass wir die Situation noch ändern könnten, ist Selbstmitleid ebenfalls überflüssig – da äußerst hinderlich bei der Bewältigung der Aufgabe.

Und trotzdem überkommt es uns immer wieder. Jeden. Überall. Die Reichen, die Armen, die Singles, die Mütter, die Erfolgreichen, die Freigeister, die Braven und die Schlimmen. Es wurde uns Menschen mit in die Wiege gelegt, es entspricht unserem Design. Hand aufs Herz – kennt ihr ein Tier, das sich selbst leid tut – außer Katzen vor der Fütterung vielleicht? Tiere leiden, aber sie tun sich nicht leid.

Wein und Weinerlichkeit

Wenn ich mich so richtig bemitleide – mich arme, arme Sau – dann meistens deswegen, weil ich mich bemühe und trotzdem nicht genüge. Ich will ein guter, korrekter Mensch sein, aber mich dabei nicht verraten, es nicht allen recht machen, aber sie doch zufriedenstellen – und trotzdem meine Bedürfnisse spüren. Sie artikulieren.

Doch oft ertrage ich die Antwort nicht. Und sitze wie Bridget am Sofa und versinke in Wein und Weinerlichkeit.

Meist heimlich, denn man will ja nicht bemitleidet werden. Sich vormachen, dass man – Ach! – so stark ist. Wer sonst sollte um einen trauern, wenn nicht man selbst?

Ihr seht schon, ich habe keine Lösung für die Misere parat. Weil es keine gibt. Naughty or nice – nur du entscheidest, ob du lieber Dalai Lama sein willst oder doch Donald Trump. Du kannst es allen recht machen wollen oder bloß auf dich selbst achten – das Leben wird dir trotzdem ab und an ein Haxerl stellen.

Sich in Gefühlen wie Einsamkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht zu suhlen, das Selbstmitleid bis zum Extrem zu treiben, ein trauriges Lied zu hören und inbrünstig zu heulen, daran ist nichts Verwerfliches.

Nur im Selbstmitleid zu verharren, das ist ein Fehler.

Es kann nämlich ein durchaus guter Motor sein, um den Arsch hochzubekommen. Ich zum Beispiel habe gerade diesen Beitrag geschrieben. Nach einer Job-Absage, einem komischen Befund und der Einsicht, wahrscheinlich doch alleine mit 34 Katzen zu sterben. Ojemine!

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