Christina Geyer

Luchstrail, Teil 3: Die Outdoor-Therapie

Es geht bergauf. Ich denke es mir bei jeder Etappe. Je länger ich gehe, desto leichter geht es mir von der Hand – beziehungsweise: aus den Beinen.

Sechs Luchse leben in den letzten Urwaldrestflächen der Kalkalpen – wird Christina Geyer auf dem Luchstrail einem von ihnen begegnen? Hier geht’s zum ersten Teil ihres Berichts.

Es scheint fast, als könnte ich Berge versetzen. Als würde ich mit jedem weiteren Kilometer aufblühen. Ha! Gleich drei geläufige Redewendungen im Intro, die ihre positive Aussage aus der Natur schöpfen. Es geht bergauf. Berge versetzen. Aufblühen. Mich dünkt: Das könnte einen Grund haben. Praktisch, dass ich meine Vermutung gleich an einem Versuchssubjekt testen kann: an mir.

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Im Luchstrail-High: Autorin Christina Geyer beim Zieleinlauf in Lunz am See in Niederösterreich. (Bild: Christina Geyer)

‚Glücklich’ ist kein angemessener Ausdruck für das, was ich bin.

Zweifelsohne: „Glücklich“ ist kein angemessener Ausdruck für das, was ich bin. Bereits nach der ersten Etappe war ich schon wie berauscht vor lauter Glücksgefühlen. Und von Tag zu Tag hat sich dieses rauschige Gefühl weiter intensiviert. Was an sich schon eine ziemlich coole Sache ist, wenn man bedenkt, dass man die Dosis für andere Räusche stetig steigern muss, um noch denselben Effekt erzielen zu können. Beim Zieleinlauf in Lunz am See – quasi am Gipfel der Gefühle – hätte ich vor lauter High sogar Bäume ausreißen können. Und wieder: Der Gipfel der Gefühle. Bäume ausreißen.

Bewegung wirkt wie ein hochpotentes Antidepressivum

Nicht ohne Grund operieren wir mit diesen Begrifflichkeiten. Es gibt diverse Studien, die einen positiven Effekt von Bewegung auf die Psyche belegen. Eine 2018 von Yale- und Oxford-Forschern veröffentlichte Studie zeigt auf, dass sich Personen, die regelmäßig Sport treiben, weniger oft „schlecht“ („bad“) fühlen als Personen, die keinen Sport treiben. Und „weniger schlecht“ heißt: Die Sportler fühlen sich um genau 18 Tage im Jahr weniger oft „schlecht“ als die Nicht-Sportler. Eine Ausnahme gibt es: Wer keinen Sport treibt, aber gleich viel „weniger schlechte“ Tage hat wie sportlich aktive Personen, verdient dafür im Schnitt auch um 25.000 Dollar mehr im Jahr. Wow. Man muss also ganz schön viel arbeiten, um seine Schlechte-Tage-Bilanz an die der Sportler anzugleichen. Ein Blick auf die Kosten-Nutzen-Rechnung genügt: Das Schnüren der Bergschuhe ist als Glücksinfusion effizienter.

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Bewegung und Natur. In Kombination: Eine unschlagbare Glückspille, wie unsere Autorin findet. (Bild: Andreas Hollinger)

Es gibt eine Vielzahl weiterer Studien, die Ähnliches belegen. Forscher der Duke University in North Carolina fanden heraus, dass regelmäßige Bewegung wie ein hochpotentes Antidepressivum wirkt. Für die sogenannte Smile-Studie wurden insgesamt 200 Probanden, alle an Depression erkrankt, in drei Gruppen geteilt. Über vier Monate wurde die erste Gruppe einem Ausdauertraining unterzogen, die zweite mit Antidepressiva behandelt, die dritte mit einem Placebo. Danach wurden die Ergebnisse verglichen. Und es zeigte sich Erstaunliches: Die Beschwerden der ersten Gruppe waren im selben Ausmaß gesunken wie jene der zweiten Gruppe. „Just as effective as drug therapy“, lautet das Resümee.

Einen österreichischen Entwurf dazu liefert eine Studie zur Suizidprävention – mit dem klingenden Namen „Übern Berg“. Hier wurden Probanden in zwei Gruppen geteilt: Eine Gruppe unternahm über einen Zeitraum von neun Wochen regelmäßig Wanderungen, die andere nicht. Und wieder konnten eindeutige Veränderungen gemessen werden. So fühlte sich die Wandergruppe im Vergleich zu den Nicht-Wanderern deutlich weniger hoffnungslos und depressiv.

Doktor Natur verordnet Frischluft

Aber das allein kann es noch nicht sein. Ich habe mich selbst oft genug am Crosstrainer im Fitnessstudio abgestrampelt – und ja –, danach habe ich mich zumeist besser gefühlt als davor. Aber an dieses rauschige Luchstrail-Gefühl ist das Geräte-Treten nie herangekommen. Outdoor scheint mir mehr Glückspille zu sein als Indoor. Und auch das ist mittlerweile von diversen Studien belegt worden.

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Man muss ja auch nicht zwingend ins Glück gehen. Man kann auch direkt hineinspringen. Wie unsere Autorin hier auf Etappe 5 im steirischen Nationalpark Gesäuse. (Bild: Andreas Hollinger)

Outdoor scheint mir mehr Glückspille zu sein als Indoor.

So ist etwa erwiesen, dass Patienten im Krankenhaus schneller gesunden, wenn sie von ihrem Zimmer aus einen Blick ins Grüne haben. Dr. Arnulf Hartl leitet das Institut für Ökomedizin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg und sagt dazu in einem Interview mit Bergwelten: „Wir sind alle biophil, reagieren positiv auf die Natur.“

Bewegung im schweißgeschwängerten Fitnessstudio wirkt sich anders auf den mentalen Zustand aus als Bewegung in der Natur, sogenannte „Green Exercises“. Wer sich regelmäßig in der Natur aufhält, ist weniger anfällig für psychische Erkrankungen. Wer in der Stadt lebt, erkrankt im Vergleich zum Landbewohner eher an einer Schizophrenie, weiß Hartl. Genau genommen liegt die Wahrscheinlichkeit um satte 180 Prozent über der des Landbewohners.

Bewegung bewirkt sowohl einen signifikanten Anstieg von Stimmung und Gelassenheit als auch eine signifikante Reduktion von Angst und Energielosigkeit. Das trifft auf „Green Exercises“ erst einmal genauso zu wie auf die Muckibude. Aber die Effekte von Bewegung in der Natur liegen messbar über jenen von Indoor-Sport. Der Alpenverein hat die Ergebnisse dazu 2016 veröffentlicht.

Unterm Strich: Gehen tut gut

Warum das so ist? Hierzu gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Einer davon, die sogenannte Hypofrontalitätstheorie, besagt, dass das Vorderhirn zur Bündelung der Kräfte gewissermaßen beurlaubt wird. Es wird, wenn man so will, einer Auszeit unterzogen. Herrlich! Einmal nicht grübeln. Einmal einfach nur da sein: im Hier und Jetzt. Vielleicht, bestenfalls, sogar im Flow.

Ein anderer Ansatz vermutet eine Art Rückführung in unser einst angestammtes Habitat. Als ursprüngliche Wald-Bewohner hätten wir uns mit der Ära von Zentralheizung und Innenstadtwohnung weit von der Natur entfernt – und damit auch ganz wesentlich von der Natur des Menschen. Wer regelmäßig „auslüften“ geht, könne dieser Entfremdung entgegenwirken. Und das täte uns gut, das mache uns eben rauschig.

Ich bin mittlerweile wieder zu Hause angekommen: im steirischen Gesäuse, meiner Wahlheimat seit letztem Jahr. Und ich feiere 11 Tage, 220 Kilometer, 12.000 Höhenmeter. Mit ein paar Freunden wird angestoßen. Im Xeis.Pavillon werden verboten gute Gin-Tonics gereicht: Schilcher-Gin mit Hibiskus-Tonic.

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Prost! Mit pinkem Gin-Tonic auf 220 Kilometer und 12.000 Höhenmeter anstoßen. (Bild: Xeis.Pavillon)

Und auf einmal ist es mir gar nicht mehr so wichtig, herauszufinden, woher mein Luchstrail-High rührt und warum ein Trail mich überhaupt high machen kann. Unterm Strich zählt: Das Gehen und die Natur haben mich verdammt glücklich gestimmt. Rauschig. Und apropos Rausch: Auch der Gin-Tonic schmeckt mir fabelhaft. Weil ich ihn mir – wie ich finde – auch wirklich redlich verdient habe.

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