Ode an das Tretboot

Liebeserklärungen an die kleinen Freuden des Lebens, Teil I: Die Hamburger Autorin Jessica Wagener lässt einen Kameraden aus Jugendtagen hochleben: ihr liebstes Ausflugsboot.
von red | 2. August 2019
FL 1904 Essay Tretboot 190408
Zeichnung: Julia Lammers

Ich lächle mit geschlossenen Augen, die Sonne und eine Ahnung von Wind im Gesicht. Das Plätschern der Wellen, unterlegt mit dem unbekümmerten Quietschen deiner Pedale. Endlich wieder Frühling. Endlich wieder Tretboot fahren. Ach, du bötchengewordenes Früher! 7,5 Quadratmeter Nostalgie, Sommer-Synonym und Evergreen, angenehm anachronistisch wie Flutschfinger und Brauner Bär. Du gleitest nicht, du pflügst durchs Wasser und kümmerst dich nicht um vorbeizischende Kanus, Segelboote oder Stand-up-Paddler. Du bleibst betulicher, knarzender Kunststoff. Pure Entschleunigung, ein Stückchen heile Welt.

Ich verstehe ihn so gut, den Mann, der im vergangenen Sommer am Aasee in Bocholt morgens um halb drei mit den Worten „Ich hatte einen schlechten Tag, ich brauche das jetzt einfach“ das Sicherungsseil durchtrennte und mit dir auf den See hinausstrampelte. Du bist mehr als ein simples Gefährt – du bist ein Gefährte.

Es muss an deiner Zuverlässigkeit liegen. Deine wichtigsten Eigenschaften sind laut Hersteller: leichtgängig, stabil, sicher. Stimmt, mit dir schaukle ich angstfrei auf dem Wasser. Allein, zu zweit, zu viert, mit Steuerrad oder Lenkhebel. Gleich ob du als Schwan, Ente oder Flamingo, als VW Käfer oder Ferrari, überdacht, mit Rutsche oder ganz schlicht und lichtblau daherkommst. Wenn im Frühling die Sonnenstrahlen Pailletten auf die Seen tupfen, wartest du schon gelassen am Anleger auf mich. Du bist wie die beste Freundin aus Schultagen, die man ewig nicht gesehen hat und mit der trotzdem sofort alles ist, wie es schon immer war. Und wie ein Kindheitskumpel katapultierst du mich zurück in eine Zeit, in der noch alles gut oder zumindest einfacher schien.

Wir lernten uns an der Hamburger Alster kennen. Ich war zehn und hatte ein bisschen Angst, den Fuß auf dich zu setzen. Was, wenn ich das Gleichgewicht verlöre? Du schenktest mir erst Sicherheit, dann Freiheit. Plötzlich war ich eine kleine Kapitänin und fuhr auf der Alster zur See. Später warst du bei diversen Dates dabei, mit und ohne Küssen. Ich habe auf dir beschwipst gesungen und gelacht, Eis gegessen und auch mal Tränen vergossen.

Ich mache die Augen wieder auf. Die Landschaft bewegt sich in Trittgeschwindigkeit. Von hier unten sieht die Welt viel unkomplizierter aus. Für einen Augenblick scheint es, als hätte mir eine Ente wissend zugezwinkert. Schaukeln. Atmen. Sein. Und ich weiß: Wir beide werden einen wunderbaren Sommer haben.

JESSICA WAGENER ist Journalistin und Buchautorin. Ihre Bücher „Narbenherz“ (2014) und „Wir geben Opa nicht ins Heim!“ (2016) sind bei Rowohlt erschienen.

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