Leben mit Geschwistern: Fluch und Segen

Die Beziehung zu Schwester oder Bruder ist oftmals die längste im ganzen Leben. Schon einmal darüber nachgedacht? Und dann wären da noch diese Fakten über Geschwister ...

Geschwister zu haben, ist im Grunde eine Art Zwangs-Wohngemeinschaft – mit all seinen Höhen und Tiefen. Und würde man die Erlebnisse der Wohngemeinschaft verfilmen, müsste der Titel lauten: „Sie küssten und sie schlugen sich“ …

Geschwister – von Natur aus Rivalen

So etwas wie „Geschwisterliebe“ gibt es nur unter Menschen. Rein biologisch sind Geschwister nämlich Rivalen, die um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern buhlen müssen. Biologisch betrachtet logisch, denn nur wer genügend Nahrung abbekommt und beschützt wird, sichert sein Überleben.

Ferkel zum Beispiel kämpfen ab Tag 1 um die milchreichsten Zitzen, manche Vogeljunge werfen ihre Geschwister sogar aus dem Nest. Es wäre also kein Wunder, wenn es am Esstisch zuhause regelmäßig zu harten Verteilungskämpfen kommt – egal, wie reich er gedeckt ist. Übrigens: Brüder gelten untereinander als die härtesten Konkurrenten. Sobald eine Schwester im Spiel ist, sind Geschwisterbeziehungen gleich viel kommunikationsorientierter.

Anderssein als Vorteil

Die Konkurrenz unter Geschwistern wirkt sich nicht nur unmittelbar auf ihr Verhalten aus, sondern prägt auch die Persönlichkeit. Um die maximale Aufmerksamkeit der Eltern zu erhalten, sind besondere Eigenschaften zur Abgrenzung von Bruder oder Schwester wichtig. Während das eine Kind sportlich ist, zeigen sich beim anderen etwa musische Talente; das eine ist laut, das andere schüchtern – jedes sucht sich seine Nische und vermeidet damit automatisch, sich direkt mit dem anderen vergleichen zu müssen. Tummeln sich Geschwister doch in der selben Ecke, vergleichen sie sich miteinander und entwickeln besonders viel Ehrgeiz. Dann stehen am Ende vielleicht beide auf dem Treppchen.

Wie ein Ei dem anderen …

… gleichen sich Geschwister nur in den seltensten Fällen, nämlich bei eineiigen Zwillingen – sie stimmen hundertprozentig genetisch überein. Alle anderen Geschwister, auch zweieiige Zwillinge, tragen im Durchschnitt 50 Prozent gleiche Gene in sich, rein rechnerisch wäre aber eine Übereinstimmung zwischen 0 und 100 Prozent möglich. Die Schwankungsbreite ist riesig, je nachdem welche Anteile ein Kind von Mutter und Vater in welcher Kombination geerbt hat: So können Geschwister, abgesehen vom Altersunterschied, fast wie Zwillinge wirken. Wohingegen wir bei anderen schwören könnten, dass sie nicht einmal entfernt miteinander verwandt sind. Die Forschung gehen davon aus, dass Geschwister in der Regel zwischen 25 und 75 Prozent gemeinsame Gene tragen.

Eltern und ihre Kinder

Die Beziehung zu den Eltern prägt Menschen mit am nachhaltigsten für ihr Leben. Deswegen wollen wir als Eltern immer alles richtig machen und Geschwister unbedingt gleich behandeln. Doch ist das überhaupt möglich?

Tabu, aber Tatsache: das Lieblingskind

Die Gleichbehandlung aller Kinder ist weder möglich noch erstrebenswert – das legt allein schon der Altersunterschied zwischen den Geschwistern nahe. Studien zufolge ist es auch normal, dass wir uns als Eltern einem Kind mehr verbunden fühlen, etwa weil es uns ähnlicher ist. Oft sind das jedoch Phasen und das Lieblingskind wechselt wieder. Wichtig ist: Eltern sollten versuchen, die Geschwister fair und liebevoll zu behandeln und nicht eines auf Dauer bevorzugen.

Das Erstgeborene: Wahrheit und Mythen über den „Thronfolger“

In der Geschichte war es ein enormer Unterschied, ob Kinder als erstes oder zweites zur Welt kamen. Das Erstgeborene hatte das Privileg – oder die Bürde – die Familientradition weiterzuführen, ob auf dem Thron oder im Beruf, insbesondere als Junge. Heute genießen Erstgeborene vor allem das Privileg der exklusiven Aufmerksamkeit, solange sie noch Einzelkind sind. Aber auch später gibt es dieses Phänomen noch oft: Späterer Nachwuchs muss eben mit, wenn es zum Sport oder in den Musikunterricht geht.

Im Ergebnis haben die ältesten Kinder laut Studien später tendenziell bessere Noten, eher Jobs in Führungspositionen und einen leicht höheren IQ. Der kommt vom sogenannten „Teaching Effect“: Als älteres Geschwister bringt es den jüngeren etwas bei und vertieft so Gelerntes. Aber ebenso die Jüngeren profitieren von ihrer zusätzlichen Lernquelle: Sie wollen den Großen ja in nichts nachstehen.

Einzelkinder: Egoistisch und verwöhnt?

Wenn kein Geschwisterchen mehr kommt, haben Kinder später Probleme sich anzupassen oder sozial zu interagieren, so das Klischee. Zahlreiche Studien konnten dies in der Zwischenzeit widerlegen. Zwar fehlen einem Einzelkind die Streitereien und das Verhandeln mit anderen Kindern eine gewisse Zeit lang, doch wenn wir für genügend soziale Kontakte mit Gleichaltrigen sorgen – in Spielgruppen, im Kindergarten, vielleicht mit Cousins und Cousinen – holen sie ihre Defizite schnell auf.

Geschwister – eine Liebe fürs Leben

Welches Verhältnis Brüder und Schwester miteinander haben und wie stark ihre Bindung überhaupt ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

Altersabstand

Je näher die Geschwister vom Alter her beieinander sind, umso näher stehen sie sich in der Regel. Sie können gut miteinander spielen und haben in etwa die gleichen Fähigkeiten. Das hat aber auch Nachteile: Bei weniger als vier Jahren Abstand ist die Rivalität sehr groß und nervenaufreibende Streitereien sind an der Tagesordnung. Bei mehr als sechs Jahren Abstand fällt es den Kids leichter, dem anderen etwas zu gönnen, Eifersucht ist (fast) kein Thema und „Groß“ übernimmt automatisch etwas Verantwortung für „Klein“.

Geschwister: Blut ist dicker …?

Eine direkte Verwandtschaft ist nicht so ausschlaggebend für die Bindung, wie man meinen könnte. In einer Patchwork-Familie entwickeln die etwa Gleichaltrigen die engste Bindung, egal ob verwandt oder nicht.

Geschwisterliebe im Lauf der Zeit

Die Beziehung zwischen Geschwistern verändert sich über die Jahre stark: In der Kindheit haben sie engsten Kontakt, im Alter von drei bis fünf verbringt ein Kind sogar doppelt so viel Zeit mit dem Bruder oder der Schwester als mit der Mutter. In der Jugend beginnt die Abnabelung nicht nur von den Eltern, sondern auch von den Geschwistern – die Peergoup ist wichtiger. Im Erwachsenenalter beginnt oft wieder eine Annäherung: Geschwister können wichtige Bezugspersonen werden und echte Freunde fürs Leben.

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