Wieso Frauen Testosteron ebenso brauchen wie Männer

Es wird Zeit, uns auf die Gemeinsamkeiten der Geschlechter zu konzentrieren. Wir räumen mit Mythen und Vorurteilen gegenüber dem Hormon auf.
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Bild: Miguel Bruna/Unsplash

Macht Testosteron Männer wirklich männlich, stark und promiskuitiv? Eine, die mit diesem Mythos aufräumt, ist die australische Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine. Sie schreibt in ihrem Buch „Testosterone Rex“ über ein grundlegendes Missverständnis: „Wenn wir an Testosteron denken, stellen wir uns eben nicht nur die tiefe Stimme und haarige Brust vor. Meistens verbinden wir damit auch andere, vermeintlich männliche Charakteristika wie Führungskraft, Gewalt und Libido.“

Simon Baron-Cohen, ein männlicher Kollege Fines, nannte das Hormon etwa „die gewisse Substanz“ und implizierte einen evolutionären Vorteil für all jene, die es besaßen. Doch Fine bestätigt wie viele andere: „Die Ungleichheit der Geschlechter und gewisse Vorteile für Männer sind nicht natürlich, sondern kulturell gegeben.“

Die Ungleichheit der Geschlechter und gewisse Vorteile für Männer sind nicht natürlich, sondern kulturell gegeben.

Cordelia Fine, Neurowissenschaftlerin

Testosteron ist ein Powerhormon für alle. Auch Frauen produzieren das männlichen Sexualhormon, wenn auch etwa nur ein Zehntel der Menge ihrer männlichen Geschlechtsgenossen. Es ist essentiell, um das weibliche Sexualhormon Östradiol herzustellen, das wiederum auch bei Männern vorkommt. Männliche Sexualhormone (Androgenen) erfüllen im weiblichen Körper wichtige Funktionen: Sie beeinflussen die Arbeit der Eierstöcke, die Knochenstärke, -dichte und -reife, regulieren die Lust auf Sex und geben Antrieb und Energie. 

Dass Testosteron ein wahres Powerhormon für beide Geschlechter ist, zeigt eine Studie im British Journal of Sports Medicine. Dabei wurde festgestellt, dass ein Anstieg des Testosteronlevels die Leistung junger, aktiver Frauen erhöht und sie dadurch länger laufen können.

Testosteron als Entschuldigung für männliche Promiskuität?

In den 1940ern führte der Forpflanzungsbiologe Angus Bateman Experimente an Fruchtfliegen durch. Seine Theorie: Eizellen herzustellen wäre energetisch aufwendiger, als Spermien zu produzieren. Einen Fortpflanzungserfolg hätten demnach die Weibchen, die ihre Partner sorgfältig auswählen. Und Männchen, die promiskuitiv und kompetitiv gegenüber ihren gleichgeschlechtlichen Kollegen wären. Dieses Experimentdesign stellt sich in späteren Studien als falsch heraus. 

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Bild: Mike Kotsch/Unsplash

Laut neuesten Erkenntnissen produzieren Männchen und Weibchen mehr Nachfahren, wenn sie mehrere Geschlechtspartner haben. Ein „typisch männliches“ Verhalten im Sinne einer promiskuitiven Lebensweise ist also genauso wenig dem Testosteron geschuldet wie die Annahme, dass das Hormon Männer zu den Gewinnern der Evolution macht und Frauen den Kürzeren gezogen haben. 

Es wird Zeit, den „König Testosteron“ von seinem Thron zu stoßen und uns anstatt dieser Unterschiede auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren.

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