In Partnerschaft mit
Stefan Wagner

Der optimierte Wagner: Aus dem Leben eines Biohackers, Teil 2

Über unsere große wankelmütige Liebe Schlaf. Und über das Symbol dieser Liebe: den strengen Ring, den wir tragen.

Biohacking ist der Versuch, den größt­möglichen Abstand zu dumm, dick, traurig, krank und tot herzustellen.
Deswegen trinken wir andächtig energetisiertes Wasser, nach Schlamm und Rin­de schmeckende Tees und selbst gebrauten Kombucha, den Laien mit Essig verwech­seln, schlucken das halbe Periodensystem als Kapseln (wussten Sie, dass gegen Traurig­sein wenig so gut hilft wie Lithium?) und hören beim Arbeiten Musik, die klingt wie John Cage an einem verstimmten Synthe­sizer (wir nennen das „binaurale Beats“ und boosten damit Kreativität, Fokus und logi­sches Denkvermögen).

Wir achten so sehr auf unsere Ernährung, dass wir nicht frühstücken und mittagessen, verschlingen Bücher mit Motivationstipps für unsere Mitochondrien (unsere Lebens­energie wird von Nachkommen von Bakterien erzeugt, die wir besser bei Laune halten).

Pillen
Bild: Analuisa Gamboa/Unsplash

Den Rest der Zeit tun wir, was uns wirk­lich am Herzen liegt: Wir schlafen.
Wenn der Schlaf nicht passt, vergiss den Rest. Zu kurzer, zu schlechter Schlaf lässt Muskeln und Mitochondrien verkümmern. Lässt dein Immunsystem schon beim Ge­danken an einen Infekt kollabieren, erzeugt Wortfindungsstörungen und Mieselsucht. Schlafen wir schlecht, schmecken uns kei­ne Tees, unser Körperfettanteil steigt, unser Testosteronspiegel rasselt in den Keller. (Ob der Testosteronspiegel eines Mannes passt, erkennt man zuverlässig daran, ob er mit einer Erektion aufwacht. Wirklich!)

Ob der Testosteronspiegel eines Mannes passt, erkennt man zuverlässig daran, ob er mit einer Erektion aufwacht.

Schlaf passiert uns nicht einfach, wenn wir irgendwann müde werden. Unser Schlaf ist das Ergebnis penibler Vorbereitung, die nach dem Aufwachen beginnt. Da setzen wir unseren Organismus dem Morgenlicht und unsere Muskeln ihrer Belastbarkeits­grenze aus und verwöhnen uns danach mit einer eiskalten Dusche. Das dient der Syn­chronisation unserer Zellen, ungefähr so, wie ein Dirigent den Taktstock hebt, damit alle Musiker wissen: Jetzt geht’s los.
Dann synchronisieren wir unseren Oura­ Ring mit der Oura­App und erfahren, wie es um uns steht.
Der Oura­Ring misst Puls und Herz­ratenvariabilität (also die millisekundengroße Abweichung im Rhythmus zwischen den einzelnen Herzschlägen, die mehr über unseren Zustand sagt als so gut wie alles andere), Atemfrequenz und Körpertempe­ratur, benotet unseren Schlaf (einen 100­-Punkter posten wir als Screenshot in unserer Oura­-Facebook­-Gruppe). Der Ring errech­net unsere Fähigkeit, den kommenden Tag zu überstehen (ein Score unter 80 bedeutet eine vorsorgliche Extra­-Kapsel Lithium). Er sagt auch, wann wir abends ins Bett gehen sollen. All das macht er präziser und stren­ger als jedes andere derzeit erhältliche Gerät.

Mann schläft auf Couch
The Creative Exchange/Unsplash

Der Oura-­Ring kommt aus Finnland, und ich glaube, das Finnische kennt keinen Konjunktiv. Der Oura-Ring kommuniziert im Imperativ. Er tadelt uns für zu wenig Tief- oder REM-Schlaf (völlig zu Recht, denn da reparieren sich unsere Zellen und verarbeiten Erlerntes und Erlebtes). Er ist strenger und gerechter, als es unsere Eltern jemals hätten sein dürfen.
Der Ring weiß, ob wir Alkohol getrunken haben (Schlaf-Score: minus 10 bis minus 15 Punkte, Ruhepuls plus 10 bis 15 Schläge, Herzratenvariabilität wie Stechschritt, Tiefschlaf im einstelligen Minutenbereich). Er weiß, ob wir abends Stress hatten, gearbeitet, ohne Schutzbrille aufs Handy geschaut, nach 18 Uhr was gegessen oder sonst was getan haben, das die Bildung des Schlafhormons Melatonin hemmt. (Melatonin ist ab 19 Uhr unsere Göttin.) Er erkennt Stand-by-Leuchtdioden an elektronischen Geräten im Schlafzimmer. (In Hotels klebe ich die immer mit schwarzem Isolierband ab. Biohacker verreisen nie ohne Isolierband.)

In Hotels klebe ich die immer mit schwarzem Isolierband ab. Biohacker verreisen nie ohne Isolierband.

Der Ring weiß, ob wir unser Schlafzimmer so abgedunkelt haben, dass wir die Hand vor Augen nicht sehen können. Er weiß, ob wir die Raumtemperatur unter 20 Grad gehalten und vor dem Zubettgehen Zirbenduft im Raum versprüht haben (bringt locker 5 bis 10 Bonuspunkte), ob wir die Stromversorgung im Schlafzimmer unterbrochen und natürlich auch das WLAN abgedreht haben.
Das ist, kurz zusammengefasst, das Wichtigste über Schlaf. Und weil Sie fragen: Ja, die Angst, schlecht zu schlafen, könnte einen um den Schlaf bringen.

STEFAN WAGNER ist Biohacker, Inhaber einer Werbeagentur, Tennisspieler und vom Gedanken beseelt, 120 Jahre alt zu werden. Mindestens. Hier findest du alle seine Kolumnen auf einen Blick.

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