Sarah Desai: „Atmen ist eine Pause von dir selber“

70.000 Gedanken rasen täglich durchs menschliche Gehirn. Sarah Desai, Autorin, Coach und Podcasterin, bändigt sie – mit Meditation und Mitgefühl. Ein Interview.
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Bild: Cem Guenes

Einatmen und ausatmen.
Schließe deine Augen.
Jetzt nimm drei tiefe Atemzüge.
Vielleicht spürst du, wie kühle Luft einströmt und erwärmt wieder ausströmt.
Und vielleicht spürst du auch, wie sich dein Brustkorb mit jedem Einatmen hebt und mit jedem Ausatmen wieder senkt. Bleibe einfach nur bei deinem Atem. Fühle, wie dein Atem sich genau in diesem Moment den Weg durch deinen Brustkorb bahnt – und wieder hinaus. Beobachte nur deinen Atem.
Einatmen und ausatmen.
Wenn du so weit bist, öffne langsam deine Augen.

Es ist nur eine kleine Meditation, keine Wissenschaft. Sie wird nicht zu neuen Erkenntnissen führen und dich keinen Schritt näher an die Erleuchtung – was ist das überhaupt? – bringen. Aber sie stabilisiert den Geist. Sie lässt uns bei uns ankommen.

Angekommen

Berliner Kaffeerösterei. Sarah betreibt einen der am schnellsten wachsenden Podcasts im deutschsprachigen Raum. Innerhalb von knapp zwei Jahren konnten ihre „Mindful Sessions“ über eine Million treue Hörer sammeln, auch ein Buch hat sie herausgebracht Sie ist Coach, gefragte Referentin, Mutter und Firmenchefin – fast schon wieder ein bisschen zu viel, wie die 39-Jährige selber findet.

Schließlich hat sie vor ein paar Jahren ihren gut bezahlten Job in der Musikindustrie aufgegeben, um dem Tempo und dem ewigen Hamsterrad aus Verpflichtungen zu entkommen. Um das „Ich muss“ durch ein „Ich will“ zu ersetzen.

Anstatt immer schneller zu werden, wurde Sarah bewusst langsamer: Sie beschäftigte sich mit Spiritualität, mit Meditation, mit Mitgefühl. Doch der „Achtsamkeitszug“ entwickelte rasch eine Eigendynamik. Und nun rast er mit seiner überraschten Lokführerin wieder Richtung Businessplan und Terminkalender. Was tun, wenn’s zu schnell wird? Einatmen. Ausatmen.

Atmen“, sagt Sarah, „ist eine Pause von dir selber. Atmen ist der Spiegel unseres Wohlbefindens. Wenn ich Stress habe, dann atme ich flach und hektisch. Mache ich also bewusst das Gegenteil und atme einfach mal tief durch, dann beruhigt sich mein Körper. Das verschafft mir auch Zeit.

Inwiefern verschafft dir das Zeit?
Viktor Frankl hat einmal gesagt: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. Darin liegt unsere Freiheit.“ Um uns diese Freiheit zu nehmen, müssen wir aber erst einmal erkennen, dass wir sie überhaupt haben. Dass es da eben diesen Raum gibt zwischen Reiz und Reaktion. Wir reagieren meistens instinktiv anhand unserer Werte. Das ist dann aber keine freie Entscheidung – und außerdem nicht immer eine Reaktion, die uns guttut. Ich kann es eh nicht verhindern, dass ich werte. Das ist zutiefst menschlich. Aber wenn ich zumindest die Zeit zwischen Reiz und Reaktion – diese Phase der Wertung – verlängere, dann kann ich meine Werte hinterfragen und im besten Fall eine Reaktion wählen, die mir dienlich ist. Atmen verlängert diesen Zeitraum.

Wenn ich die Zeit zwischen Reiz und Reaktion verlängere, kann ich meine Werte hinterfragen und eine Reaktion wählen, die mir dienlich ist.

Ja, das mit dem Atmen ist klar. Aber was ist denn schlecht am Werten? Ist es nicht gut, ein Wertesystem zu haben?
Wir machen uns die Welt so, wie wir sie sehen. Also klar: Wenn du zehn Stunden arbeitest, dann ist das stressig, klar. Aber ganz viele andere Dinge, die uns widerfahren, sind an sich neutrale Ereignisse. Und wie wir sie interpretieren und werten, bestimmt, wie wir uns damit fühlen. Wir meinen immer, das, was uns im Laufe eines Tages widerfährt, ist zuständig dafür, wie gut wir uns fühlen, wie zufrieden wir sind. Doch in Wirklichkeit hat das nur einen minimalen Einfluss darauf. Einen viel, viel größeren Einfluss hat, wie wir diese Erlebnisse sehen und werten.

Aber wir sind ja erwachsene Menschen, reflektiert und mit einer gewissen Lebenserfahrung. Können wir nicht die Wertung von Wahrheit subtrahieren?
Ich glaube nicht, dass wir das können, weil wir ja alles werten. Schau mal, die Jacke, die du heute anhast. Ist das deine Lieblingsjacke?

Ja.
Und was macht sie zu deiner Lieblingsjacke? Mal sehen … Dass sie schwarz ist und mit Daunen gefüttert – das ist eine objektive Eigenschaft der Jacke. Aber du magst sie, weil sie kuschelig ist. Das Gefühl der Geborgenheit, wenn du dich in die Jacke schmiegst, wenn du die Hände in den Taschen wärmst, ist deine persönliche Wertung. Die Farbe und der Schnitt gehören zum Objekt, aber dass du die Farbe hübsch findest und sagst, der Schnitt steht dir gut, whatever – das ist halt deine Wertung.

Stimmt. So gesehen werten wir alles.
Ja, jeden Stein, den wir am Boden sehen (siehe Übung „Ein Stein ist ein Stein ist ein … Stein?“). Wertung ist nichts Schlechtes. Wertung schafft Leidenschaften und Interessen. Wenn wir nicht werten, sind wir leer. Aber es geht darum, immer wieder einen Schritt zurück zu machen und zu beobachten: Werten wir zu unseren Gunsten? Und was vermischt sich da gerade in unserer Wertung? Weil das bei einer Lieblingsjacke nicht so wild ist, aber …

… bei einer Kollegin, beim Chef, beim Exmann.
Genau. Und bei allem, was jemand zu dir sagt. Wertest du die Situation an- gemessen, oder kann es sein, dass sich da alte Glaubenssätze einschmuggeln? Weil: Wir werten aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen. Logisch, das ist unser Referenzrahmen, das kennen wir. Das verstellt uns aber den Blick auf die aktuelle Situation. Vor allem nehmen wir meistens negative Erfahrungen aus der Vergangenheit als Referenz her. Das ist eine Art Schutzreflex: Um zu verhindern, dass sich eine unangenehme Situation in unserem Leben wiederholt, gehen wir in Verteidigungsstellung, sobald wir auch nur entfernte Ähnlichkeiten mit der gegenwärtigen Situation vermuten. Aber was glaubst du, was das für andauernden Stress in uns erzeugt?

Das erzeugt bei mir bereits Stress, wenn ich dir nur zuhöre.
Ja, da kommt automatisch dieses Gefühl von Angriff, von Gefahr. Deshalb war Meditation für mich ein totaler Game-Changer.

Aber du kannst dich doch nicht in Frieden auf dein Meditationskissen setzen, wenn du dich gerade angegriffen fühlst?
Nein, in der Situation geht das natürlich gar nicht. Was aber hilft, ist, im Nach- hinein zu reflektieren. Genau das machen wir in der Meditation: Wir schauen uns alle unsere Gedanken an. Dabei meinen die Leute immer, meditieren heißt, nichts zu denken.

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Bild: Cem Guenes

Ich kann das überhaupt nicht, ich kann nicht nichts denken.
Zum Glück kannst du nicht nichts denken, weil dann wärst du nämlich tot. Meditation bedeutet, sich einfach mal alles anzuschauen, was da ist. Ohne es zu bewerten. Das wirst du erst einmal gar nicht schaffen … Aber dann schau dir dabei doch an, wie du wertest. Mach dir mal bewusst, was da eigentlich alles los ist in deinem Kopf.

Etwa 70.000 Gedanken pro Tag, sagt die Wissenschaft …
Genau, ja. Das sind zwei bis drei Gedanken pro Atemzug, alle eineinhalb Sekunden ein neuer.

Wie soll ich die je beobachten können?
Nicht jeder Gedanke ist ein bewusster Gedanke. Das würde uns ja total überfordern – egal ob in der Meditation oder im Alltag. Wir haben schon so einen natürlichen Filter da drin. Beim Meditieren geht’s darum, einfach nur zu sitzen und zu schauen: Okay, was kommt denn da für ein Gedanke? Und was liegt da für ein Gefühl unter dem Gedanken? Vielleicht ist der Gedanke auch schon wieder weg, und dann kommt der nächste … Es können traurige Gedanken kommen, es können glückliche Gedanken kommen, es können ganz viele abstruse Gedanken kommen, bei denen man sich denkt: Hä? Was ist jetzt los?

Also wie eine Bestandsaufnahme. Gedankeninventur.
Es geht eigentlich nur darum, zu merken, wie unser Geist funktioniert. Wenn du das öfter oder lange machst, merkst du auf einmal, wie automatisiert das alles abläuft: Es kommen immer noch Gedanken nach – und genau das schafft dir diese unglaubliche Freiheit, nicht auf alles reagieren zu müssen. Dann kannst du nämlich sehen: Du bist nicht deine Gedanken. Die kommen und gehen. Aber du sitzt ja immer noch auf diesem Kissen.

Was bist du denn dann, wenn du nicht deine Gedanken bist?
Es gibt ein schönes Bild aus dem Buddhismus: Der Geist ist wie der Himmel. Und der Himmel ist immer der gleiche. Die Wolken ziehen auf und ziehen weiter. Und die Gedanken ziehen auf und ziehen weiter.
Ich weiß nicht, was wir sind. Aber wir sind nicht das, was wir da alles über uns und über andere denken.

Du hast einmal gesagt, alle Lehren haben eins gemeinsam, nämlich mentale Fesseln zu sprengen.
Genau.

Ist es das, was für dich Spiritualität bedeutet?
Ja, das ist ein Teil davon. Spiritualität ist für mich die Verbindung zu mehr. Eine Kontaktstelle zu etwas, was ich tief in mir finde, was aber über mein kleines Ich hinausgeht.

Dieses Gefühl der Verbundenheit – dass man zugehörig ist?
Genau, wir sind nicht alleine. Und wir sind ja auch alle als Menschen auf derselben Reise. Daher ist Mitgefühl so wichtig. Wenn ich Mitgefühl für andere entwickle – besonders für Menschen, die sich mir gegenüber nicht korrekt verhalten –, dann gewinne ich Freiheit.

„Wenn ich Mitgefühl für andere entwickle, dann gewinne ich Freiheit.“

Das klingt aber schon ein bisschen nach rosa Wattebausch. Ist es nicht manchmal wohltuend, wütend zu sein, wenn sich jemand nicht korrekt verhalten hat? Natürlich! Aber die Frage ist, wie lange nimmst du die Wut mit? Wenn der andere dann weg ist, ist er weg. Und die Wut bleibt bei dir. Tut dir das gut? Wem gehört die Wut? Wenn du jemandem ein Geschenk machst und der nimmt es nicht an: Wem gehört es dann? Dir. Und willst du das? Es tut dir nicht gut.

Besser die andere Wange hinhalten?
Nein. Mitgefühl heißt nicht, dass man sich alles gefallen lässt. Wir sind uns ja auch selber Mitgefühl schuldig!
Aber Mitgefühl mit anderen löst diese Dualität von „Du bist der Täter, und ich bin das Opfer“ auf. Im Mitgefühl erkennen wir unser gemeinsames Menschsein. Wir erkennen, dass der andere genauso hadert, genauso mit seinen 70.000 Gedanken klarkommen muss und eben auch manchmal stolpert. Ich kann trotzdem sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Ich will das nicht. – Aber ich sage es nicht als Opfer, nicht mit Groll. Der Buddhismus spricht hier vom „scharfen Schwert des Mitgefühls“. Das macht frei.

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Was wäre, wenn du deine Ängste und Zweifel einfach hinter dir lassen könntest? Wie wäre es, wenn du dich traust, ein mutiges und erfüllendes Leben zu führen – ganz egal, was andere von dir denken!

9416 Cover Sarah Desai

Bild: Südwest Verlag

Sarah Desai hat als Coach und mit ihrem erfolgreichen Nr. 1 Podcast „The Mindful Sessions“ schon unzähligen Menschen dabei geholfen, ihre Vision zu erkennen und aktiv zu leben. In diesem Buch begleitet sie dich auf eine inspirierende Reise zu dir selbst – von deiner Vergangenheit über die gegenwärtige Situation bis hin zu zukünftigen Zielen. Schritt für Schritt zeigt die Autorin, wie du dich mit dem inneren Kind aussöhnst, deine aktuellen Gedanken und Emotionen positiv beeinflusst und die Zukunft so gestalten kannst, wie du sie dir wünschst.

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