Daniela Razocher

Beim Loslassen hilft Hinspüren

Komplizierte Beziehungen, negative Gedanken und sich wiederholende Muster belasten uns. Für eine Veränderung zum Positiven musst du dich mit dem Ist-Zustand auseinandersetzen.
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Ich arbeite seit acht Jahren im Bereich Körperarbeit und körperbasiertes Coaching. Die Menschen, die zu mir kommen, wünschen sich immer eines: Veränderung. Sie haben ein klares Ziel. Sie wollen ein altes Muster loslassen und durch etwas Neues, Gutes ersetzen. Sie wünschen sich mehr Energie und Wohlbefinden statt Erschöpfung und ständige Müdigkeit. Wollen einen anderen Job, trauen sich aber nicht zu kündigen. Wollen selbstbewusst bleiben, wenn sie kritisiert werden.

Die Menschen, die zu mir kommen, wünschen sich immer eines: Veränderung.

Wie schaffe ich die gewünschte Veränderung? Ich muss ein erlerntes (negatives) Muster auf allen Ebenen – also mental, emotional und physisch – erst einmal erkennen können. Und dann im nächsten Schritt loslassen.

Loslassen erfordert immer auch Mut.

Motto: Das Alte macht Platz für etwas Neues. Loslassen ist nie leicht. Vor allem, weil es bedeutet, sein durch Erfahrungen geprägtes Selbstbild teilweise aufzugeben, um neue Facetten an sich entdecken zu können. Ergo erfordert Loslassen immer auch Mut. Und Vertrauen in sich selbst.

Manche verwechseln Loslassen mit „hinter sich lassen“. Etwas nicht mehr spüren zu müssen, das negative Erlebnis aus dem Leben zu streichen. Sie verwechseln loslassen mit loswerden. Man blendet nur aus, was einen stört. Gelöst ist das Problem damit nicht.

Manche verwechseln loslassen mit loswerden.

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Bild: Christopher Sardegna/Unsplash

Avi Grinberg, ein Lehrer von mir, umschreibt diese Situation mit folgendem Satz: “What you don’t want to feel, you feel the most.” – „Was du nicht spüren willst, spürst du am stärksten.“ Mit anderen Worten: Wenn du etwas ignorierst, was in deinem Leben präsent ist, wird stets ein Teil deiner Aufmerksamkeit an diese Sache gebunden sein.

Wenn du z. B. chronische Nackenverspannungen hast und versuchst sie zu ignorieren, wird ein Teil in dir immer wieder nachprüfen, ob die Verspannung noch da ist. Die kleinen Bewegungen, mit denen du überprüfst, ob es noch unangenehm ist, sind unter Umständen exakt die Bewegungen, die das Fortbestehen der Verspannung verursachen.

Der erste Schritt zur Veränderung

Mein Plädoyer: Wir tauschen „loslassen“ gegen „zulassen“ aus. Der erste Schritt zu einer Veränderung ist das Anerkennen der Realität. Das, was ist, in seiner Gänze da sein lassen. Wenn du an einem Zustand weder festhältst noch versuchst, ihn loszuwerden, kommt die Veränderung meist von selbst.

Der erste Schritt zu einer Veränderung ist das Anerkennen der Realität.

Auf körperlicher Ebene zeigt sich rasch, ob man loslassen kann oder in chronischen Verspannungen festhängt. Lenke deine Aufmerksamkeit einmal ganz auf deinen Körper. Durch Berührung und das bewusste Wahrnehmen stellt sich schnell eine Veränderung ein. Neugieriges Hinspüren ist ein erster Schritt hin zum Loslassen und zur Veränderung. 

Neugieriges Hinspüren ist ein erster Schritt hin zum Loslassen und zur Veränderung. 

Wie lasse ich los?

Um etwas loszulassen, muss ich es zuerst ganz bewusst da sein lassen. Ich muss mich ihm stellen, es spüren. Es kommt zu einer Konfrontation, einer Bestandsaufnahme, einer Auseinandersetzung. Diese Phase erfordert so viel Herz und Mut wie der Akt der Veränderung selbst.

Ich muss mich ihm stellen, es spüren.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen den Mut hinzuspüren – und das, was vielleicht gerade nicht so fein ist, auch zuzulassen. Es ist wohl der einzige Weg, etwas in uns nachhaltig zu transformieren.

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