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6 Fragen an die Philosophin

Philosophie als Konzept der Lebenshilfe – was steckt dahinter?
Mensch und Zeit
Illustration: Marina Muun

Mit welchen Anliegen kommen Menschen in die philosophische Praxis?
Cornelia Bruell: Die Fragen sind sehr situationsspezifisch, die Themen, die dahinterstehen oft ähnlich. Es geht um Fragen wie: Wie frei bin ich? Wie kann ich ein zufriedenes Leben führen? Wie kann ich Beziehungen und Verbundenheit leben? Im jüngeren Alter geht es oft um Umbrüche und Lebensentwürfe, später rückt die Sinnfrage stärker in den Fokus.

Wie unterscheiden sich diese Gespräche von anderen Beratungsformen?
Cornelia Bruell: Ich denke, zum Beispiel in der Haltung: Wir begegnen einander auf Augenhöhe nach dem sokratischen Prinzip. Das bedeutet, ich weiß, dass ich nicht weiß und die Wahrheit nicht gepachtet habe, schon gar nicht die Wahrheit über jemand anderen. Das ist kein Expertenblick, der analysiert, sondern ein forschender, der vieles anbieten möchte, damit sich für die andere Person ein größerer Handlungsspielraum eröffnet.

Fällt uns das alleine zu schwer?
Cornelia Bruell: Ich denke, wir sind oft eingesperrt in unserem Denken, weil wir so oder so sozialisiert und erzogen wurden, weil wir gelernt haben, dass es Lebenswege A, B und C gibt und fertig. Etwas von einer anderen Seite zu denken, den Blick zu weiten, das ist gemeinsam leichter. Dann kann es viel öffnen, weil wir uns durch so ein Gespräch ein bisschen befreien und diese Kreativität im Denken eröffnet neues Handeln.

Wie stark geht es um Selbsterkenntnis?
Cornelia Bruell: Erkenne dich selbst, das ist eines der wichtigsten Prinzipien in der philosophischen Praxis. Denn wenn ich meinen Blick nicht auf mich selbst wende, kann ich auch nicht erkennen, was das Richtige für mich ist.

Gibt es philosophische Gedanken, die immer wieder passen und die Sie einbringen?
Cornelia Bruell: Es ist natürlich je nach Anliegen unterschiedlich, aber mit dem Begriff der Glückseligkeit, der Eudaimonia, arbeite ich oft, manchmal mit Konzepten der Stoiker bei Fragen zu Tod und Trauer, das japanische Ikigai, über das wir geredet haben, finde ich angenehm praktisch oder bei Fragen zur Liebe geht es oft um Anerkennung und Hegel …

Namen wie Aristoteles klingen nach Autorität – bekommen Gedanken, die Sie im Gespräch anbieten noch mehr Gewicht oder Akzeptanz durch deren lange Geschichte?
Cornelia Bruell: Ich denke, wenn jemand hunderte Seiten zu einem Thema geschrieben hat, dann kann man davon ausgehen, dass er sich tief und intensiv damit auseinandergesetzt hat. Was ich damit aber gerne aufzeige ist, wie menschlich und legitim diese Fragen nach einem guten Leben sind! Sie zu stellen, lohnt sich – heute wie vor 2500 Jahren.

Dr. Cornelia Mooslechner-Bruell ist Philosophin mit eigener Praxis in Baden. Zusätzlich zu den philosophischen Einzelgesprächen leitet sie auch Philosophierunden, Gesprächswanderungen und unterrichtet an unterschiedlichen Unis und Institutionen.

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