Die carpe diem-Kettenbrief-Saga

Eine Geschichte als Staffellauf. Ein Echtzeit-Experiment zum Mitlesen.
von red

Anmerkung: Unsere „Kettenbrief-Saga“ ist eine Fortsetzungsgeschichte, bei der jeder Autor/jede Autorin eine Geschichten-Etappe übernimmt. Es handelt sich um ein kleines literarisches Experiment; den jeweiligen Verfassern wurden keine Vorgaben in Hinblick auf Form, Länge oder Inhalt gemacht.

Wir hegen dennoch die stille Hoffnung, dass am Ende ein stimmiger Handlungsbogen entsteht, das Gute siegt und dramaturgische Irrwege wohlgefällige Auflösungen finden. Garantie gibt es dafür natürlich keine…

In diesem Sinne: Gutes Gelingen – Film ab!

Sie war etwa halb so groß wie ein Vanillekipferl, aber doppelt so stark gebogen. Jeder andere hätte sie übersehen, wäre wohl abgelenkt worden durch den bunten Wildwuchs an Büchern in Emilys Bibliothek. Aber Len war nun einmal nicht jeder andere. Er war ein Mann mit einer Mission, möglicherweise einer hoffnungslosen, vielleicht auch einer völlig unerklärlichen, aber einer Mission nichtsdestoweniger. Und er würde nicht eher ablassen, bis er die kleine Schachtel in Händen hielt.

Aber Len war nun einmal nicht jeder andere. Er war ein Mann mit einer Mission.

Siebzehnte Reihe, hatte Emily gesagt, hinter den Seekarten aus dem 17. Jahrhundert – und gleich neben „17 Lasagne-Rezepte, mit denen Sie Ihren Schornsteinfeger verführen“. Len hatte Emilys Faszination für die Zahl 17 nie verstanden. Auch nicht ihre Faszination für Schornsteinfeger. Ausgerechnet Schornsteinfeger! Es versetzte ihm immer noch einen schmerzhaften Stich, wo er doch … Nein, nicht jetzt. Energisch schüttelte Len den Gedanken ab. Dies war nicht der Zeitpunkt, um nachtragend zu sein. Wo war die Schachtel? Klein, türkis, krumm sah er sie hinter den Seekarten aufblitzen. Jetzt bloß keinen Fehler machen …

von NICOLE KOLISCH

Und wie immer, wenn Len die Sorge packte, nur ja nix zu verpatzen, machten es sich die Dämonen in ihren Hängematten gemütlich, ließen eine allerfeinste Magnum-Flasche Rotwein im Kreis wandern, füllten sich grunzend die Gläser und freuten sich auf ihre Inszenierung.

Len wusste das, und er hatte schon so viel versucht, mit den Dämonen Frieden zu schließen. Er hatte Rat bei Freunden gesucht, Therapien und Familienaufstellungen absolviert, Obskuranten und Schamanen konsultiert – vergeblich.

‚Oh, eine alte Schachtel‘, sagte er laut und musste schmunzeln.

Es schien, als wären die Begriffe Falle & Fettnapf eigens für ihn erdacht worden. Falle & Fettnapf, Lens persönliches FF. Und dennoch streckte er seine Hand nach der Schachtel aus. „Oh, eine alte Schachtel“, sagte er laut und musste schmunzeln. In der Annahme, es sei ein famoser Gedanke.

In Wahrheit handelte es sich jedoch lediglich um eine Ablenkung, die ihm das Unbewusste schenkte, um den bedeutenden Zugriff noch etwas hinauszuschieben. Diesen Augenblick des kurzen Zögerns nutzten die Dämonen, erhoben die Gläser und lallten „Zum Wohl, Jan! Auf dich und den Schornsteinfeger.“

von MICHAEL HUFNAGL

Nun fragt sich der geneigte Leser vielleicht, warum diese eigenartigen Dämonen, grunzend und mit Rotem abgefüllt bis in die Pelzspitzen, Len jetzt auch noch demütigen mussten. Jan hatten sie ihn genannt! Warum? Weil’s egal ist, wie er heißt? Weil er eh nur ein armes FF-Würschtel ist, das man alles heißen kann? Hmmmm … Oder hatte es einen anderen Grund?

Dann zerriss ein heftiges Niesen die Stille in der Bibliothek.

Len aka Jan jedenfalls ließ sich durch diese kleine Perfidie nicht beirren. Da mussten die dämlichen Dämonen schon früher aufstehen. Entschlossen schob er die Seekarten zur Seite, ebenso entschlossen ignorierte er den Bildband mit den 17 schönsten Schornsteinfegern des letzten Jahrzehnts. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen und ganz tief in das Bücherregal eintauchen, damit seine Finger endlich die winzige Schachtel erreichen konnten. Ja, er hatte es beinahe geschafft … Und dann zerriss ein heftiges Niesen die Stille in der Bibliothek.

von GUNDI BITTERMANN

„Entschuldigung“, sagte Len aka Jan. Und auch das sagte er scheinbar ein klein wenig zu laut, denn die Damen und Herren rings um ihn quittierten das „Entschuldigung“ mit einem entschlossenen „Psssst!“

„Rutscht mir doch alle den Buckel runter“, murmelte Len aka Jan still vor sich hin und beschloss, in der Sekunde das Weite zu suchen.

Als er die Bibliothek, leider ohne die winzige Schachtel, verlassen hatte und ob eines offensichtlich herannahenden Schnupfens eine Apotheke aufsuchen wollte, stellte er zu seinem großen Entsetzen fest, dass er sich in Helsinki befand, wo er schon einmal mit seiner Großnichte gewesen war. Und nicht nur das! Die Leute waren seltsam angezogen, und es fuhren auch keine Autos vorbei, sondern Pferdekutschen. „Ja Himmelherrgott, was ist denn hier los?“, stammelte Len aka Jan. Und allmählich begriff er, dass er beim Verlassen der Bibliothek offenbar ein Zeitreise angetreten hatte.

Allmählich begriff er, dass er beim Verlassen der Bibliothek offenbar ein Zeitreise angetreten hatte.

Er allerdings, er hatte nach wie vor das gleiche Gewand an, was wiederum die Finnen, jedenfalls den finnischen Blicken nach zu schließen, zu erstaunen schien.

Len aka Jan machte die nächste unliebsame Entdeckung. Es waren ihm Brüste gewachsen.

Als Len aka Jan dann aus Gewohnheit, fast könnte man sagen, es war manisch, in die Brusttasche seiner Jacke greifen wollte, um sich zu vergewissern, dass Geld und Pass noch da waren, machte er die nächste unliebsame Entdeckung. Es waren ihm Brüste gewachsen, wohlgeformte Brüste einer Frau. Dennoch schaffte er es irgendwie, den Ausweis in seine Finger zu bekommen. Und aus welchem Impuls heraus auch immer, öffnete er den Pass. Und was geschah jetzt? Eine hübsche Frau lächelte ihn vom Foto an. Und diese Dame hieß Lena Kajan.

von ACHIM SCHNEYDER

Lena Kajan also, dachte Len. Und verliebte sich erst einmal sofort in sich selbst. Denn, wie er nach einem langen Blick ins spiegelnde Schaufenster eines Bonbon-Geschäfts feststellen konnte: Er war tatsächlich wunderschön. Leider dachte er aber nach wie vor wie ein Mann, und das stellte ihn gleich vor mehrere Probleme. Denn im Gegensatz zu einer Frau war er nicht nur nicht multitaskingfähig, er brachte jetzt überhaupt keinen klaren Gedanken zustande.

Leider dachte er aber nach wie vor wie ein Mann, und das stellte ihn gleich vor mehrere Probleme.


In Lens Kopf herrschte das totale Chaos. Plötzlich beschäftigten ihn, abgesehen davon, in welchem Zeitalter er gelandet war, die aberwitzigsten Fragen: Gibt es in dem Zuckerlgeschäft auch Katzenzungen (seine Lieblingsschokolade seit Kindestagen), und wie sagt man dazu auf Finnisch? Wo bekomme ich einen Lippenstift her? Vintage-Rose hätte er gerne aufgetragen, so wie er es einmal bei einem Model in einem Magazin gesehen hatte. Lauter so Zeugs verwirrte ihn jetzt.

Abgesehen davon verspürte er den immer heftiger werdenden Drang, seine Brüste zu berühren, was er aber dann doch für unschicklich hielt. Kein Wunder, dass ihn bald eine erstklassige Panikattacke erfasste, die er jedoch überspielte.

Schließlich überquerte er forschen Schrittes die matschige Straße, lief dabei aber so nah an einem Pferdegespann vorbei, dass ihm ein Gaul geradewegs ins Dekolleté trenzte.

von HARALD NACHFÖRG

Harter Tobak und jede Menge Sabber: Lena Kajan wurde etwas blümerant. Sie musste sich sortieren. Erst die Sache mit der Zeitreise, dann die spontane Geschlechtsumwandlung und vor allem: dieser eigenartige Name. Kajal, das hätte ihr besser gefallen: Lena Kajal – das hat Schmackes, das hat Drive. Mit Lena Kajak hätte sie auch noch gut leben können, aber was soll’s – im Helsinki der vorigen Jahrhundertwende jammerte man nicht wegen solcher Formalitäten.

Mit einer energischen Handbewegung wischte sie sich den Pferdespeichel von der Brust und machte sich auf den Weg zum alten Hafen. Instinktiv und auf Bauchgefühl vertrauend – aber auch wegen der Seekarte, auf die ihr Blick in der Bibliothek gefallen war. Damals. Gestern. So lange schien es her. Wo war sie da bloß hineingeraten?

Damals. Gestern. So lange schien es her. Wo war sie da bloß hineingeraten?

Lämmin hymy ja ystävällinen tervehdys saavat varmasti heidät tuntemaan olonsa mukavammaksi“, zischte ihr der alte, krummbeinige Mann nach, in dessen mit allerlei schimmernden Fischinnereien gefüllten Leiterwagen sie beinahe gerannt wäre – und oh Wunder: Sie verstand jedes Wort: „Ein freundliches Lächeln und ein herzlicher Gruß können Wunder wirken“,  hatte er ihr tadelnd zugerufen. „Senkin pahvipää – du alter Pappkopf“, gab sie in Gedanken schroff zurück, denn der von Möwen bekreischte Helsinkier Hafen lag bereits in all seiner knorrigen Schönheit vor ihr.

Keine Zeit für Geplänkel. Sie musste an Bord, sie spürte es, es zog sie hin, sie musste weiter. Doch wohin? Wo würde sie die sibyllenhafte Seekarte finden? „Kippi“, grunzte ihr eine grell geschminkte Hafendirne zu, eine Flasche Wodka schwenkend: Prost, du alte Schachtel.

Und da wusste sie es.
Lena bestieg die Fähre nach St. Petersburg.

von JANINA LEBISZCZAK

Lena sah sich um. Es war ein gewaltiges Schiff mit vielen Ebenen, Treppen Winkeln und Räumen. Düstere Gestalten säumten den Weg, standen in Gruppen zusammen. Wichen ihr aus, wenn sie sich näherte. Unterhielten sich nicht. Blickten sie an – und wieder weg. In den Ecken saßen ein paar Frauen und Kinder. Auch sie sprachen nicht. Es war gespenstisch. Ein zahnloses Männchen baute sich vor ihr auf. Es war schäbig gekleidet, seine Schuhe löchrig. „Endlich. Komm mit“, sagte es forsch. „Wir haben dich erwartet.“ Lena zuckte zusammen. „Wer war wir? Was sollte das heißen?

Sie folgte dem Gesellen. Sie merkte, dass sie beobachtet wurde, hörte Getuschel. Im Schiffsbauch änderte sich das Licht. Alles war in Orange getaucht. Die Wände waren in Brokat gekleidet, und elegantes Mobiliar stand herum. Ein paar Männer saßen auf den Sofas und blickten sie an. Niemand sprach. Sie ging weiter, an unzähligen Taubenkäfigen vorbei, in denen hunderte Vögel vor sich hin starrten. Keine Taube gurrte. Es war still. Ihr Blick fiel auf Kisten mit Büchern. Sie verlangsamte ihren Schritt und las die Buchrücken. Es waren tausende Bücher eines Titels: „SEI BEREIT“ stand da geschrieben. In ihr rührte sich ein eigentümliches Gefühl. Wo hatte sie schon einmal von diesem Buch gehört? „Du erinnerst dich?“, kicherte da das Männchen und zeigte auf die Bücher. „Wir haben es. Und wir werden es in die Welt tragen. Niemand kann es verhindern, nicht einmal du.“ Ihr wurde übel. „SEI BEREIT“ … was sagte ihr das? Das Männchen riss an ihrem Arm. „Komm weiter, es ist Zeit“, zischelte es ihr zu.

Das Männchen riss an ihrem Arm. ‚Komm weiter, es ist Zeit‘, zischelte es ihr zu.

Sie betraten einen Raum voller Prunk. In der Mitte stand eine Art Thron mit samtenen Polstern, umsäumt von hunderten Laternen. An der Seite standen Kinder. Nicht jünger als acht, nicht älter als zehn, in rotes Tuch gekleidet. Sie blickten zu Boden und waren still. Ein Mann mit mächtigem Bart erhob sich von dem Thorn, musterte sie. Er reichte ihr ein Buch, „SEI BEREIT“ stand auch auf ihm. Sie blickte fragend auf. Da brüllte er voller Zorn: „Es reicht! Das ist doch lächerlich!“ Mit zwei Säbelstreichen zerschnitt er Lenas Kleid. Nun wusste sie, wo sie war. Und mit wem sie da war. Und sie ahnte, was nun geschehen musste. Sie erschauerte. Die Kinder begangen zu weinen, stumm. Aus einer Ecke löste sich eine Gestalt. Ein Harlekin kam auf sie zu. Eine Taube erhob sich und schiss ihm auf den Kopf. Lena hörte die anderen Tauben aufgurren.

von HEIDI LIST

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ÜBER DIE KETTENBRIEF-SAGA
Wir Journalisten, Kolumnisten, Autoren, Dichter, Denker und Schreiberlinge tun was. Und zwar das, was wir am besten können – schreiben. Wir schreiben eine Geschichte, alle zusammen. Jeder was er will und so viel er will – einen Absatz, einen Satz oder zwei, ein ganzes Kapitel, egal.

Was für eine Geschichte es werden soll? Keine Ahnung. Vielleicht ein Thriller, ein Liebesroman, ein Märchen? Vielleicht wird es auch eine Mordsmysteryzombieapokalypsenlovestory, vielleicht eine poetische Tierfamilienrealitysaga? Man weiß es nicht. Was aber jetzt schon sicher ist: Es wird ein Abenteuer. Für die, die schreiben, und für die, die lesen.

SO FUNKTIONIERT’S
Ein Schreiberling nominiert den nächsten – und zwar via Facebook. Aufgabe ist es, unmittelbar an den Text des Vorgängers anzuschließen. Aufgabe ist es nicht, die Geschichte des Vorgängers genau so weiterzuerzählen, wie der es gemacht hätte.

Jeder Schreiber nutzt seine Sprache, seinen Stil, seine Fantasie. Und rettet vielleicht Leben, indem er einen Vogel fliegen lässt, der die Nachbarskatze ablenkt, die dann eben doch nicht über die Straße läuft … Oder er lässt den Max der Maria zuzwinkern, was natürlich weitreichende Folgen haben kann. Vielleicht zwinkert Max aber auch nicht, sondern schießt …

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