Kneippen und ich

„Was einen nicht umbringt …“ – Oder: Eine kurze Anleitung, wie man sich dem Kneippen nähert.

32 Grad im Schatten. Da saß ich also nach längerer Zeit wieder einmal. Am Boden eines Waschraums, völlig erschlagen, pochende Kopfschmerzen und kurz vor einem Kreislaufkollaps. Inmitten dieser Misere plötzlich eine Eingebung: Wasserhahn auf, Becken füllen, Unterarme ins eiskalte Wasser und dann, trotz des abrupten Kälteschocks, ruhig weiter atmen. Was einen nicht umbringt, höre ich meine innere Stimme Nietzsches Ausspruch murmeln. Einige Augenblicke später ist der Schmerz zwar nicht weg, aber fassbar geworden. Der grausliche Schwindel löst sich auf, während die Kälte eine eindrucksvolle Gänsehaut auf meinen Armen hinterlässt. Auch dieses Mal hatte das kalte Wasser seine Wirkung nicht verfehlt.

Eigenwilliger Pfarrer

Die ganze Episode brachte mich zum Nachdenken. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das erste Mal von Pfarrer Kneipp gehört habe. Vielleicht war es beim ersten Wadenwickel, als ich als Kind hohes Fieber hatte. Was ich noch weiß, ist, dass mich die Geschichte vom eigenwilligen Pfarrer Kneipp schwer beeindruckt hat. Wie er sich mit eiskalten Bädern in der Donau von einer lebensbedrohlichen Lungenkrankheit kuriert hatte, und dann zum „Enfant terrible“ der versnobten und verweichlichten Städter wurde. Denen empfahl er fortan, sich besser mit kaltem Wasser abzuspritzen und wie die gemeine Landbevölkerung durch Bäche zu waten, als in sündteure Kuraufenthalte zu investieren.

Das bisschen Wasser …

Außerdem kam die Vorliebe fürs Kneippen meiner kindlichen Arztphobie entgegen. Ich bekam das Gespür dafür, was ich selbst meinem Körper Gutes tun kann. Noch bevor ich wusste, wie Wasser auf Gefäße und Immunsystem wirkt, brachte mir meine Mutter viele der über 100 verschiedenen Wasseranwendungen bei. Was das Außergewöhnliche an dem „bisschen Wasser“ war, konnte ich als Tochter einer ausgebildeten Kneipp-Trainerin   nicht nachvollziehen. Vielleicht auch, weil es für mich sprichwörtlich normal war, von ihr ins kalte Wasser geworfen zu werden.

Kneippen blieb für mich stets etwas, das vor allem alte Leute tun – und wir.

Und obwohl sie dafür brannte, mir und meinem Vater zu zeigen, dass Kneippen „das Coolste“ war, was man machen kann, blieb es für mich stets etwas, das vor allem alte Leute tun – und wir. Aber gerade das war es, was ich stets am Kneippen liebte: dass es  so herrlich unmodern und vollkommen unprätentiös ist.

Schneelaufen und Tautreten

Zum Beispiel deshalb, weil die ästhetischen Qualitäten einer sperrigen Plastikhandbadewanne limitiert sind. Sie wird niemals zum gefeierten Trendteil werden. Selbst die aufwendigsten Wadenwickel funktionieren besser mit einem schlichten Baumwollhandtuch als mit einem kostspieligen Seidenschal. Auch Outdoor-Aktivitäten wie das barfüßige „Schneelaufen“ im Winter und das „Tautreten“ im Sommer lassen sich nur schwer als elitärer Luxus verkaufen. Ein Waschbecken hat jeder zuhause oder im Büro. Die Grenzen des Kneippens sind nicht die der eigenen Brieftasche, sondern die der eigenen Komfortzone.

Apropos Grenzen: Was Kneipp altbacken als „tägliche Abhärtung“ bezeichnet hätte, soll helfen, gesunde Belastung von ungesunder Überbelastung, Maßhalten von Übertreibung trennen zu lernen. Denn Letzteres ist das, was alles wieder zum Kippen bringen kann – auch wenn es uns vielleicht nicht direkt umbringt, wie es bei Nietzsche anklingt.

Wer es mit der Abhärtung übertreibt, wird ebenso krank werden wie der, der an den zahlreichen zivilisatorischen Vergnügungen verweichlicht und schließlich jegliche Art von Unannehmlichkeiten meiden muss, weil sein Nervensystem, Körper oder Geist diesen nicht mehr im Geringsten gewachsen sind. Vorbeugen ist immer besser als heilen, höre ich mich meiner Mutter nachplappern.

Was einen nicht umbringt, macht einen allerdings nur dann stärker, wenn man in jedem noch so kleinen täglichen Grenzgang erleben kann, dass man mehr „aushält“, als der innere Schweinehund von sich annahm. Das Alter gibt Kneipp – zumeist – recht:

Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.

In diesem Sinne bin ich dann jetzt mal kalt duschen!

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Barbara Hirns Expertentipp

„Kneipp’scher Espresso“: kaltes Armbad für heiße Bürotage

  • Ideal in den Müdigkeitsphasen zwischen 11 und 15 Uhr (Mittagstief)
  • erfrischend und belebend fördert das kalte Armbad die Konzentration, indem es das Nervensystem anregt und die Herzschlagfrequenz senkt
  • löst Denkblockaden und wirkt dem Leistungstief entgegen

Durchführung:

  • Waschbecken mit kaltem Wasser befüllen (unter 16°)
  • Erst den rechten, dann den linken Arm bis zur Oberarmmitte eintauchen.
  • Leichte Bewegungen, damit sich kein „Wärmemantel“ um die Unterarme bildet.
  • 20–30 Sekunden laut zählen, damit  der Atem nicht angehalten wird
  • Arme mit der Hand abstreifen, aber nicht abtrocknen

Bitte kein kaltes Armbad bei: Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Rheumatischen Erkrankungen, Gefäßkrankheiten

Mehr über die Heilkraft des Wassers liest du in der August-Ausgabe von carpe diem – ab 8. 8. 2019 im Zeitschriftenhandel!