Was Poledance wirklich ist … und was nicht

Eine Sache für zwielichtige Stripclubs oder doch eine ernstzunehmende Sportart? Die körperbetonte Stangen-Akrobatik polarisiert.
von Janina Lebiszczak | 8. Oktober 2019
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Bild: Getty Images

Aufregend, anspruchsvoll oder doch antifeministisch? Die Debatte um den Pole-Sport wird sehr hitzig geführt.

Das sagen Poledance-Fans

Fans meinen, wer es einmal probiert hat, wird umdenken: Allein durch Kraft und Körperspannung beeindruckende Figuren zu performen und dabei teilweise sogar kopfüber von der Stange zu baumeln erfordert Stärke, Koordination, Eleganz, Beweglichkeit, Ausdauer, Konzentration und Kreativität.

Das sagen Skeptiker

Skeptiker sehen das anders: Immerhin stammt der Stangentanz aus dem Rotlicht-Milieu und wird dort von Stripperinnen in schummrigen Clubs bei nacktem Leibe einer gaffenden Männerschar dargeboten.

Fix ist bei der Debatte nur, dass sich der Tanz an der Stange in den letzten Jahren zum Trendsport – auch im Sinne eines schweißtreibenden Workouts – entwickelt hat und in ganz Österreich boomt. Um die kunstvollen Figuren zu erlernen, erfordert es regelmäßiges Training und ein Top-Körpergefühl.

Das sagt der Profi

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Bild: ursulawoelfl.at

Wir haben bei Ursula Wölfl, 39, Personal Trainer und Pole-Instructor, nachgefragt, was die Faszination wirklich ausmacht. Sie erzählt, dass auch sie zu Beginn skeptisch war und Vorurteile hatte:

Doch die Aussicht darauf, meiner Tanzleidenschaft nachgehen zu können, ohne dazu einen Partner zu brauchen, hat mich letztendlich motiviert. Und dann war es Liebe auf den ersten Spin – so nennt man die Drehung um die Stange.“

Mich begeistert daran, dass man sehr rasch Fortschritte sieht und über sich hinauswächst.“

Die unterschiedlichen Bewegungsarten wie Spins, Tricks, Tanzmoves und Floor-Work machen das Training sehr abwechslungsreich.

Kickt Poledance tatsächlich das Selbstbewusstsein?

Und wie! Plötzlich war ich stolz darauf, was ich alles kann, und habe begonnen, meinen Körper dafür zu mögen. Ich fühlte mich weiblicher. Poledance stärkt das Körpergefühl, das Selbstvertrauen und letztendlich auch den Körper selbst. Es schult Kraft, Ausdauer, Flexibilität und Koordination, alles Grundlagen für einen gesunden Körper.

4 Vorurteile über Poledance auf dem Prüfstand

1. Poledance ist zum „Aufgeilen“ der Zuseher da und reduziert Frauen auf ihren Körper.

Ursula Wölfl: „Stimmt schon: Poledance wurde ursprünglich in Stripclubs betrieben, ist aber diesem Milieu längst entwachsen. Wenn man es objektiv betrachtet, stellt man fest, dass dieser Sport den Körper extrem fordert – hinsichtlich Kraft, Flexibilität, Koordination und Ausdauer.

„Poledance ist mehr als nur Hinternwackeln in High Heels.“

Dieser Sport kann in allen möglichen Facetten ausgeführt werden: sportlich, elegant, sexy, sanft, dynamisch, alles ist möglich. Jeder kann seinen persönlichen Stil finden. Sexyness gehört dazu, Poledance ausschließlich darauf zu reduzieren ist jedoch übertrieben.“

2. Poledance ist nur etwas für zarte, junge, akrobatische Menschen.

Ursula Wölfl: „Das stimmt so nicht. Beim Poledance ist es prinzipiell egal, wie groß, klein, dick, dünn, alt oder jung man ist. Es gibt ganz viele Frauen, die davor nicht wirklich sportlich waren und jetzt diesen Sport mit Leidenschaft ausüben, dranbleiben und wirklich gut darin sind. Auch das Alter spielt überhaupt keine Rolle – in meinen Kursen waren von 18- bis hin zu 50-Jährigen schon alle Altersklassen vertreten.“

3. Poledance ist nur für Frauen.

Ursula Wölfl: „Das stimmt nicht ganz. Die meisten Kurse werden zwar für Frauen angeboten, es gibt aber auch Studios, die immer wieder spezielle Kurse nur für Männer im Angebot haben. Bei PoledanceVienna zum Beispiel räkeln sich auch Kerle.“

4. Poledance tut ganz schön weh.

Ursula Wölfl: „Ja, die Schmerzen sind etwas, woran man sich gerade am Anfang wirklich erst gewöhnen muss. Über diese Phase muss man drüber, wenn man dabei bleiben möchte. Auch wenn man den Sport schon länger betreibt, kommt es immer wieder vor, dass neue Moves schmerzen und blaue Flecken zur Folge haben. Das gehört dazu. Wir Pole-Tänzerinnen sind auch ziemlich stolz auf unsere ,Pole-Kisses‘ (= blaue Flecken). Sie zeigen, dass wir etwas Neues gelernt haben, und darüber freuen wir uns.“

Was ist Poledance wirklich?

  • Top für die Körperspannung: Da nutzt die superschlanke Figur oder der beeindruckende Sixpack nicht viel – vor der Stange sind alle gleich. Denn die fordert Körperkraft und Spannung bis in die Zehenspitzen. Beides wird mit jeder Stunde geschult. Pole ist eine der besten Sportarten, um die eigene Körperkraft zu aktivieren.
  • Nicht nur wegen der Sexyness ziemlich nackt: Die meisten Pole-Figuren klappen nur durch intensiven Körperkontakt mit der Stange. Bekleidung führt dazu, dass man ab- und wegrutscht. Deswegen trainieren die meisten Tänzerinnen nur in Top und Panty, die Beine müssen in jedem Fall nackt sein.
  • Eine sehr individuelle Sportart: Welcher Stil für wen geeignet ist, hängt von den persönlichen Vorlieben ab. Manche tanzen ausschließlich sexy in High Heels, manche gehen es eher sportlich an und tanzen barfuß. Oft ist es aber so, dass man Gefallen an einem Stil findet, den man sich vorher gar nicht vorstellen konnte.
  • Auch musikalisch sind alle Möglichkeiten offen: Ob Rock, Pop, Heavy Metal oder klassische Musik – Poledance ist so vielseitig, dass jeder etwas findet, was passt.
  • Ein Weg, neue Freunde zu finden: Natürlich ist auch der soziale Aspekt nicht zu vernachlässigen. Im Pole-Studio lernt man Gleichgesinnte kennen, man unterstützt sich gegenseitig, motiviert sich und freut sich füreinander, wenn endlich ein Move klappt, an dem man schon lange gearbeitet hat.
  • Eine Möglichkeit, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Beim Poledance entwickelt man sich ständig weiter und lernt dazu. Und gerade das hat sehr oft auch positive Auswirkungen auf die Persönlichkeit.
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