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Wie fühlt sich Liebe an?

Fünf Fragen an die Liebes-Botschafterin und Philosophin Birgit Ehrenberg.
Illustration zur Liebe
Bild: Petra Braun

Fühlt sich Liebe für jeden Menschen anders an, oder gibtes da etwas, auf das wir uns alle einigen können – unabhängig von Alter und Kulturkreis?
Es ist eine der größten Sehnsüchte der Menschen, dass es eine übergeordnete Definition gibt – etwas, an dem sich alle festhalten können. Denn eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist: „Handelt es sich um Liebe oder nicht?“Am liebsten hätten wir dafür einen kleinen Katalog, den man innerlich abhaken kann: „Aha, das ist die Liebe!“ Aber so einfach ist das nicht: Im Leben eines Menschen und in der Geschichte der Menschheit ist Liebe immer wie-der im Wandel.

Bis zum 19.Jahrhundert war Liebe, insbesondere in der Ehe, ja eher unter dem Versorgungsaspekt zu sehen. Erst dann kam die romantische Liebe, die uns bis heute noch bestimmt. Und: Für den einen ist Liebe große Freiheit, für den anderen größtmögliche Verbindlichkeit. Das klingt erst einmal unbefriedigend, wenn man gerne einen konkreten Begriff hätte – aber eben darin liegt ja auch eine große Wahl! Die Kunst ist, jemanden zu finden, mit dem ich mich auf einen gemeinsamen Begriff einigen kann.

Aber gibt es denn gar nichts, was universell gültig ist? Wie ist denn das Wesen der Liebe?
Die Liebe ist auf jeden Fall ein gebendes Prinzip. Sie ist etwas Freundliches, Starkes, Bindendes. Man kann sich vielleicht einfacher anhand eines Ausschlussverfahrens annähern: Wir sagen, was Liebe nicht ist. Sie ist nicht berechnend, sie denkt nicht marktwirtschaftlich. Es ist ein Geben ohne Erwartung. Man kann sie nicht einfordern. Und sie ist eine Art Spiel. Das heißt um Himmels willen nicht, dass wir mit den Gefühlen spielen oder dass man die Liebe als Abenteuerspielplatz betrachtet, auf dem man sich austobt. Aber es geht um das freie Spiel – das ist ein wichtiger Charakterzug der Liebe. Es geht um Leichtigkeit, um Unbefangenheit, um das Loslassen von festgetackerten Vorstellungen, wie etwas sein muss. Liebe bedeutet auch: mit einer großen Offenheit an die Dinge herangehen.

Liebe ist die höchste Form der Lebendigkeit.

Birgit Ehrenberg, Philosophin

Wie entsteht Liebe?
Der Philosoph Alain Badiou sagt, Verliebtheit entsteht im Augenblick. Wie durch einen Blitz, wir können sie nicht steuern. Aber das Leben ist die Probe und eine große Aufgabe für die Liebe. Liebe ist, wenn man es schafft, aus dem Moment eine Dauer zu machen.

Wie ändert sich die Liebe im Lauf eines Lebens?
Man arbeitet sich sein Leben lang daran ab: Liebe mit zwanzig ist geprägt von vielen Idealen und Zielen. Die gibt es vielleicht immer noch mit fünfzig, aber ihre Wertigkeiten verschieben sich. Wenn du sehr jung bist, projizierst du alles in eine womöglich gemeinsame Zukunft, in älteren Beziehungen speist sich die Liebe hingegen aus dem Schatz des gemeinsam Erlebten. Man ist über Erfahrungen verbunden.

Was macht Liebe so einzigartig?
Liebe ist die höchste Form der Lebendigkeit. Ein liebendes Wesen zu sein, ein offenes, zugewandtes Wesen, ein spürendes Wesen – das ist das Salz des Lebens.

Birgit Ehrenberg, 58, ist Philosophin und Autorin. Sie lebt in Hamburg. Ihr aktuelles Buch „Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner zum Pflegefall wird?“ ist im Rowohlt Verlag erschienen.

cd 01/22

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