Was deine Körperhaltung beim Gehen über dich aussagt – Ein Selbstversuch

Einen Fuß vor den anderen setzen. Nichts tun, nichts denken – und nicht (ausgerechnet jetzt!) staucheln. Maria Dorner stellte sich einer erhellenden Bewegungsanalyse.
Was deine Körperhaltung beim Gehen über dich aussagt
Illustration: Mark Conlan

Nicht hatschen, nicht hetzen, halbwegs aufgeräumt dreinschauen. Ist nicht leicht, aber zu schaffen – schließlich will ich Andrea Latritsch-Karlbauer nicht schon an der Haustür mit der Nase darauf stoßen, was bei mir abgeht. Sie wird’s dann schon sehen. Sie ist ja die Körperdynamik-Expertin, die von meiner Körperhaltung und Gangart auf meine Persönlichkeit schließen kann. Darauf, wie ich im Leben stehe. Ob ich mich achte, entscheidungsstark und neugierig bin, meinem Kind Zuneigung und meiner Chefin Paroli bieten kann.

Na gut, gehen wir’s an.

Wir essen Schaumrollen, trinken Kaffee und smalltalken. Leider entfleucht mir dabei doch eine Info, die ich lieber für mich behalten hätte. Ballast aus der Vergangenheit, den ich längst abgeworfen habe. Und trotzdem frag ich mich insgeheim, ob mir Andrea später daraus etwas stricken wird … Ein großer, fast leerer Raum mit Fenstern zum Garten. Wir stehen einander gegenüber, die Beine hüftbreit, die Knie locker, die Füße mit festem Bodenkontakt. Das ist die neutrale Körperhaltung, erfahre ich. Sie lässt keine Bewertung zu und bietet die Chance, mit jedem nächsten Schritt einen neuen ersten zu setzen. Wir lassen die Spannung über die Atmung und die Erdung ab, wischen sie uns von den Armen und Beinen und flattern mit den Lippen. Andrea zumindest, bei mir flattert nichts, ich puste und spucke nur ein bisschen. „Ein Zeichen, dass du da oben nicht frei bist“, erklärt sie und zeigt auf meinen Nacken und meinen Brustkorb.

Wir spazieren durchs Zimmer, Lounge-Sound macht uns die Marschmusik. Stehen bleiben, losgehen, stehen bleiben, losgehen. Ich soll mich beobachten und selbst erkennen, welcher Körperteil mir den Gehimpuls gibt. Der Fuß, natürlich. Andrea lacht und ahmt mich nach. Sehr überzeichnet, sehr lustig, sehr deutlich: Es ist mein Oberkörper, genauer gesagt das Brustbein. Ich überprüfe das. Setze zum Schritt an, stoppe, verharre. Tja.

Dann stellt sich Andrea ein paar Meter von mir weg, Angesicht zu Angesicht. Sie ist mein Ziel, auf das ich mit geschlossenen Augen zusteuern soll. Ich fixiere sie, kenne den Weg – und bemesse den Abstand in letzter Sekunde anhand der Schrittzahl. Ich lande zwei Meter vor und einen Meter neben ihr. Jetzt wird getrampelt. Immer schön fest mit den Fersen auf den Boden. Zweimal erinnert mich Andrea daran, es ihr gleichzutun. Tu ich ja. Was macht sie jetzt? Mutet nach Strichmännchen im Riverdanceschnupperkurs an, soll aber wohl ich sein. So, schön langsam hätte ich gerne ein paar Antworten.

Mein Gefühl? Vorfreude mit einer Prise Unbehagen. Wie früher, wenn sich der Nikolaus in seinem goldenen Buch behäbig zur Mariaseite vorgearbeitet hat. „Du gehst im wahrsten Sinne des Wortes beherzt in eine Situation hinein, merkst aber schnell, dass du darin völlig ungeschützt bist“, kommt Andrea gleich zur Sache. „Dann bremst du kurz, bevor dein Oberkörper wieder nach vorn prescht. Dein Arm, nur der rechte, taucht zusätzlich an. Geistig bist du schon mittendrin, die Füße jagen mit großen Schritten hinterher. Das wirkt sehr kopfgesteuert. Lässt du dich oft von der Kognition aus deinem Konzept bringen?“

Hm, gute Frage. Außerdem weiß Andrea jetzt, dass ich Leichtigkeit gerne misstraue (weil es so einfach gar nicht sein darf), Bestätigung über Leistung suche, ein Potenzial habe, das ich bewusst ignoriere – und, vor allem, mich zu Dingen drängen lasse und dann damit hadere. Ist sie das jetzt, Andreas Antwort auf den viel zu schweren Rucksack, den ich ein paar Jahre (nicht ganz freiwillig) mit mir herumgeschleppt habe? Keine Ahnung. Ach ja, und obendrein habe ich die Tendenz, ungleichmäßig zu gehen, was die Info der Entscheidungsschwäche …

So. Höchste Zeit, die Bombe platzen zu lassen: Der wahre Grund für mein Herumgewackel ist nämlich mein Bandscheibenvorfall, der meine linke Körperhälfte bis zur Hüfte ordentlich und nachhaltig traktiert hat. Irgendwie logisch, dass ich jetzt nicht mehr gehe wie die Schaumgeborene höchstselbst. Deshalb bin ich aber noch lange nicht kopfgesteuert und entscheidungsschwach (sage ich nicht laut, denke ich nur). Oder? Andrea wirkt überrascht. Körperliches Gebrechen, na klar. Das Übel liegt im unteren Rücken, meine Brust-Nacken-Partie kompensiert.

Hat sie sofort gesehen, hat sie sofort ausgeblendet. Weil es nicht von Bedeutung ist. Hier geht’s nicht darum, mein Gangbild oder meine Körperhaltung optisch aufzupolieren. Es geht darum, mir die ganze Palette meiner Persönlichkeit zurückzuerobern – und mein Gang (und die zugehörige Körperhaltung) ist Werkzeug und Stolperstein zugleich. Im Laufe der Jahre hat der sich nämlich ein paar Bugs eingetreten, die jetzt dazu führen, dass ich meine Geschichte oft zu laut, oft zu leise und manchmal sogar falsch erzähle. Ohne dabei auch nur ein einziges Wort zu sagen.

Darüber muss ich nachdenken. Was ich aber glaube zu verstehen: Erst wenn es mir gelingt, jeden neuen Schritt aus einer Art Urzustand heraus zu tun, kann sich jede Emotion entfalten, die tatsächlich da ist. Zaudere ich, dürfen meine Körperdynamik und Körperhaltung das widerspiegeln – ist ja immerhin auch ein Statement. Erwecke ich den Eindruck aber nur, weil meine Fersen kaum Bodenkontakt haben, das Becken blockiert, die Arme zu wenig aktiv sind, die Stimme keinen Raum kriegt oder der Kopf dem Fuß den großen Auftritt nimmt, wäre das jammerschade. Denn ich allein bestimme ja, welchen Fußabdruck ich hinterlasse.

Und daran zweifle ich jetzt einmal nicht.

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