Gabriele Kuhn

Macht sauer wirklich lustig?

Spannende Frage – denn was auf den ersten Blick sauer scheint, ist am Ende gar nicht so sauer. Zum Beispiel die Zitrone, sagt Ayurvedatherapeutin Dr. Angelika Holy-Schein.
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Doch zunächst ein paar spannende Gedanken zum Thema Schmecken. Der Geschmackssinn ist faszinierend – und eng mit dem Geruchssinn verknüpft.

Mehr noch: Die Zunge riecht mit. Das haben US-Forscher vor Kurzem entdeckt. Ermöglicht wird das durch Geruchsrezeptoren, die die Wissenschaftler auf der menschlichen Zunge gefunden haben.

Saures Gleichgewicht

Zum „Sauren“, gibt’s ebenso skurrile Neuigkeiten: Forschungen zeigen, dass unsere Fähigkeit, sauer zu schmecken, etwas mit unserem Gleichgewichtssinn zu tun haben könnte – im weitesten Sinne jedenfalls.

Wie das geht? Nun, wir schmecken nur deshalb Saures, weil unsere Geschmacksrezeptoren auf der Zunge über eigene sogenannte Protonenkanäle verfügen, die saure Reize wahrnehmen können. Für diese Kanäle gibt es – wie für alles im Organismus – einen genetischen Bauplan. Jetzt haben Wissenschaftler entdeckt, dass jenes Gen, das für die „Sauer-Kanäle“ zuständig ist, offenbar auch für unseren Gleichgewichtssinn eine große Rolle spielt. Heißt: Das Gen, das uns für Saures sensibilisiert, ist für unsere Balance verantwortlich.

Die Zitronenfrage

Jetzt aber zur Praxis. Nämlich zu einem besonderen Energiebooster aus der ayurvedischen Medizin – der Zitrone.

carpe diem: Macht sauer lustig oder nicht?

Angelika Holy-Schein: Nein, nicht wirklich. Dazu muss man sich doch einfach nur das Gesicht eines Menschen anschauen, der in eine Zitrone beißt. Schaut das lustig aus?
Im Ernst: Der bekannte Satz beruht auf einem Missverständnis – es handelt sich um einen Übersetzungsfehler für eine Redewendung aus dem Altertum, in der der Begriff „gelüstig“ verwendet wurde und schließlich mit „lustig“ falsch übersetzt wurde. Mit „gelüstig“ ist die Lust auf Essen gemeint. Es meint also das Appetitanregende. Darum geht es – auch im Ayurveda.

Und deshalb trinkt man im Ayurveda jeden Morgen Zitronenwasser?

Angelika Holy-Schein: Ja genau – lauwarmes Wasser mit Zitrone und Ingwer. Und zum Thema „appetitanregend“: Für Menschen, die wenig Appetit haben, empfiehlt es sich, vor dem Essen ein paar Löffel von einem Mix aus Zitronensaft, Ingwer und Meersalz einzunehmen.

Was bewirkt der Zitronendrink am Morgen in unserem Organismus?

Angelika Holy-Schein: Er stimuliert den Stoffwechsel, außerdem füllt er die leer gewordenen Flüssigkeitsreserven des Körpers auf. Und er regt unser „Agni“ an – das Verdauungsfeuer aus Sicht der ayurvedischen Lehre.

Ist Zitrone nun sauer oder nicht?

Angelika Holy-Schein: In der Zitrone steckt viel Vitamin C, Vitamin A und Eisen – sie schmeckt zwar sauer, hat aber vor allem basische Komponenten und wirkt im Körper basisch. Was gut ist, da die meisten Menschen zu viele säurebildende Lebensmittel zu sich nehmen, wie etwa Fleisch oder Wurst. Für unsere Gesundheit ist es aber wichtig, einen ausgewogenen Säure-Basen-Haushalt zu haben.* Basenbildende Lebensmittel sind etwa alle Gemüse- und Obstsorten. Und eben auch Zitronen.

Wie wird das Zitronenwasser zubereitet?

Angelika Holy-Schein: Am besten, man nimmt abgekochtes Wasser und lässt es ein wenig auskühlen, sodass es lauwarm und gut trinkbar ist. Je nach Geschmack, gibt man den Saft einer halben, frisch gepressten Zitrone hinein, dazu kommt etwas geraspelter Ingwer. Und wenn man will, kann man auch noch einen Löffel Honig einrühren. Morgens getrunken, signalisiert das dem Körper, dass nun ein neuer Tag beginnt.

* Anmerkung: Immer wieder werden diverse Krankheiten auf das Phänomen Übersäuerung zurückgeführt und als Gegenrezept der Verzehr von basischen Lebensmittel bzw. eigene Basenfastenkuren empfohlen. Wissenschaftlich ist „Krankheit durch Übersäuerung“ nicht belegt. Der Körper ist ein Meister darin, das Säure/Basen-Gleichgewicht selbst herzustellen, etwa mithilfe der Leber, Niere oder Lunge.

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