5 motivierende Geschichten über das Scheitern und seine Kraft

Keine Angst vor Niederlagen: Wer sich verrennt, nimmt bloß einen Umweg zum Glück. Wir haben mit fünf Mutigen über solche Umwege gesprochen. Über Schicksalsschläge, Neuanfänge und warum wir dringend eine positive Fehlerkultur brauchen.

Wenn das Lieblingshäferl zu Bruch geht, ist das noch lan­ge kein Grund für Kummer. Zumindest in Japan nicht. Dort praktiziert man Kintsugi – wörtlich übersetzt „Goldflicken“. Die traditionelle Keramiktechnik tut genau das: Sie macht Gebrochenes mithilfe von Goldlack wieder ganz. Was dabei passiert, ist allerdings weit­ aus mehr als schnöde Reparaturleistung. Kintsugi feiert die einzigartige Geschichte jedes Artefakts, indem es nicht den Versuch unternimmt, den Schaden zu verbergen, sondern ihn buchstäblich beleuchtet. Risse und Brüche werden hervorgehoben anstatt verkleidet – und das reparierte Teil wird da­durch meist noch schöner als das Original. Es erhält ein zweites Leben.

Was wir von Kintsugi lernen können, liegt auf der Hand: Jeder von uns macht Fehler. Niemand ist vor Schicksalsschlägen gefeit. Manchmal geht auch ein wenig von dem Porzellan unseres Lebens zu Bruch. Aber Scheitern ist auch Schönheit. Und der Beginn von etwas Neuem, Kraftvollem. Ach ja, „tsugi“ bedeutet nicht bloß „fli­cken“, es heißt auch „verbinden“. Weil wir einander gegenseitig helfen können. Wenn wir drüber reden. Mit Offenheit und der Bereitschaft, das Gefängnis der vermeint­lichen Perfektion zu verlassen. Genau wie die Menschen auf diesen Seiten.

. Pola Fendel, 30, Shopmanagerin
Pola Fendel
Bild: Andreas Jakawerth

„Wenn etwas nicht so funktioniert, wie du es geplant hattest, macht das die Tür auf für neue Wege.“

Die Idee war gut: 2012 gründeten Pola Fendel und Thekla Wilkening in Hamburg die „Kleiderei“: Hier sollte man sich Mode einfach leihen können, statt ständig etwas Neues zu kaufen. Ein Versuch, den Fashion-Konsum nachhaltiger zu gestalten. „Wir hatten nicht nur das Gefühl, unser eigenes Business aufzubauen, sondern tatsächlich die Welt zum Besseren zu verändern. Es war die längste Zeit eine märchenhafte Erfolgsstory“, erzählt Pola.

Die Löcher im Grundgerüst des Businessplans wurden erst offensichtlich, als die organisatorische Struktur der Firma, die rasch gewachsen war, nicht mehr zum Geschäftsgang passte. Dazu kam, dass sich ein potenzieller Investor am Tag der geplanten Vertragsunterzeichnung zurückzog. Pola war während dieser kritischen Phase bereits schwanger – Insolvenz und Geburt des Kindes fielen in denselben Monat: „Damit hat sich mein bisheriges Leben gleich in zweifacher Hinsicht grundlegend geändert.“

Herausgekommen ist sie aus der Krise, indem sie schließlich eine Festanstellung als Managerin im Wiener Vintage-Shop „Burggasse 24“ annahm. Warum das für sie ein Neustart war, obwohl sie im selben Metier tätig ist, beschreibt sie so: „In der ersten Zeit nach der Insolvenz habe ich mich massiv unter Druck gesetzt, wieder selbständig etwas zu gründen und mir dadurch enormen Stress gemacht. Erst durch die Anstellung bin ich wieder zur Ruhe gekommen.“ Gelernt hat Pola daraus, „dass man nach einem Misserfolg getrost auch an einem anderen Punkt wieder einsteigen darf. Und dass man vor dem Scheitern keine Angst haben muss, sondern sich auch weiterhin alles zutrauen soll, wonach einem der Sinn steht.

Schon klar: Wir scheitern alle ständig, in unseren Jobs, in Beziehungen. Nur der Hauch des Finalen, der dem Wort anhaftet, stößt mir auf. Wenn etwas nicht so funktioniert, wie du es geplant hattest, macht das die Tür auf für neue Wege.“

. Werner Etzelstorfer, 34, Mentaltrainer
Werner Etzelstorfer
Bild: Andreas Jakawerth

„Meine Stärken leben und auch auf meine Schwächen stolz sein.“

Es war ein Job, der Werner alles einbrachte, was in der Außenwirkung auf Erfolg hindeutet: gutes Einkom­men, Firmenwagen, Wohnung in der Vorstadt. Auch wenn im Verborgenen längst die Erkennt­nis dräute, dass das nicht ganz seine Welt war: „Es hat sich innen drinnen nicht gut ange­fühlt, aber als ich dann während des Urlaubs telefonisch von meiner Kündigung erfuhr, hat es mir dennoch zunächst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Aber der wortwörtliche „Ab­sturz“ sollte erst kommen: Bei einer Kletterrunde sicherte sich Werner falsch am Gurt und stürz­te sieben Meter in die Tiefe. Die Diagnose: ein multiples Trauma, das ihn nach einer Not­-OP auf der Intensivstation aufwachen ließ. Aufstehen, Krönchen rich­ten, weitergehen? Das sagt sich so einfach. Umzusetzen ist es viel schwieriger, wenn man mal am Boden liegt …

Fünf weitere OPs waren in den Monaten danach nötig: „Für mich trug dieser Unfall die Botschaft in sich: Werner, du bist falsch unterwegs.“ Linderung und Lösungen boten in dieser Situation Resilienz­training und die Orientierung an den Bei­spielen anderer, die es geschafft hatten, ihr Leben umzukrempeln. So wie Werner letztlich. Ende dieses Jahres wird er die Aus­bildung zum Lebens­- und Sozial­berater abschließen und gibt zu: „Die Beschäftigung mit dem neu­en Beruf beinhaltet schon auch viel Aufarbeitung der eigenen Geschichte. All das war wie ein lang überfälliger Weckruf. Der Unfall hat mich darin bestärkt, meine Stärken zu leben und auch auf meine Schwächen stolz zu sein. Ich bin dankbar. Jeder meiner 100.000 Herzschläge pro Tag ist ein kleines Wunder.“

. Silke Solly, 45, Designerin
Silke Solly
Bild: Andreas Jakawerth

„Mein Burnout war das Beste, was mir je passiert ist.“

Scheitern? Ändern! Dieses Wort gefällt der ehemaligen Juristin viel besser. Und damit das Ändern seine Chance bekommt, muss es manchmal eben erst scheppern. Weil man ohne lautes Signal nicht immer merkt, was in einem vorgeht.

„Ich war ein echter Workaholic“, erinnert sich Silke. „Nach dem vierten Kind nahm ich überhaupt nur noch zwei Monate Karenzzeit, weil ich mich mit dem Drang, immer noch mehr zu leisten und noch besser zu werden, schonungslos vor mir hergetrieben habe.“ Bis an einem eigentlich entspannten Sonntag eine ganze Körperhälfte taub wurde und sie mit Verdacht auf Schlaganfall ins Spital gebracht wurde. Der bestätigte sich nicht, es war ein klassisches Burnout-Syndrom. „Es ist faszinierend, was der Körper vortäuschen kann, um Stopp zu sagen.“

Der folgende Krankenstand kam ihr in der ersten Phase „erschummelt“ vor, weil sie immer noch nicht akzeptierte, dass sie krank war, obwohl ihr organisch nichts fehlte: „Aber ich habe von einem Monatsersten zum nächsten immer wieder gesehen, es geht noch nicht, und musste irgendwann annehmen, dass ich an einer Weggabelung einmal die falsche Spur genommen hatte.“ In ihrem Fall war das die Unterdrückung ihres kreativen Potenzials durch immer noch mehr Einsatz im Brotberuf. „Mein Körper hat mich da rausgeholt. Er war mein Retter. Das war erschreckend und letztendlich das Beste, was mir je passiert ist.“

Silke begann zunächst zu schreiben, dann zu nähen und eröffnete im Mai 2019 ihr Geschäft „Lieblingsrock“. Dass sie nun Röcke fertigt, die, wie sie sagt, „aus der Reihe tanzen“, spiegelt ihren Weg wider. Und heute kann sie sagen: „Ich lebe und liebe jetzt mein Dasein.“

. Bastian Kellhofer, 38, Co-Founder „Trending Topics“
Bastian Kellhofer ist über sein Scheitern hinausgewachsen

„Fehler passieren jeden Tag, überall.“

Der Mann hat wieder Boden unter den Füßen: „Trending Topics“, ein On­lineportal für Innovation, boomt. Bastian liebt seinen Beruf – und damit auch seine Berufung – jede Sekunde: „Ich bin jetzt Chef von 15 Mitarbeitern. Fehler passieren jeden Tag, überall, auch bei uns. Aber, wenn man mit dem Wissen arbeitet, dass Fehler wichtig sind und nicht geächtet, sondern als Chance zum Umdenken inter­pretiert werden, wird die Angst vor Fehlern und dem Scheitern durch Enthusiasmus ersetzt.“

Bastian weiß, wovon er spricht: Sein eigener Tiefpunkt ist gar nicht so lange her. Nach der Insolvenz seines Magazinprojekts stand er eines Tages an der Supermarkt­kasse, zwei heulende Kleinkinder im Kinderwagen, das Waschmittel unten in der Ablage. „Ich habe es dann geklaut. Mit der Miete zwei Monate im Rückstand. Keine Alimente bezahlt. Vom stell­vertretenden Chefredakteur zum Ladendieb in drei Monaten“, erinnert sich der Wahlwiener. Seine Geschichte sieht er aber nicht als Scheitern, sondern als Transformationsprozess. „Ich habe durch diese Zäsur gelernt, dass mir als Mensch in einem der reichsten Länder der Welt nichts passieren kann, dass man sich aus einem Loch auch wieder heraus­ arbeiten kann.“

Diese Gewissheit, dass man immer irgendwie durchkommt und nach einem tiefen Fall nicht zwangsläufig auf der Strecke bleibt, hat ihn letztlich auch dabei unterstützt, mit seiner eigenen Firma wieder ins Risiko zu gehen und etwas aufzubauen. Früher hat er für sein Magazin „schöne Heldenstorys aus der Start­up­ Szene“ geschrieben – inzwischen ist er selbst eine geworden. „Der Wendepunkt war, mit den Leuten zu sprechen. Um Hilfe zu fragen. Trotz der miesen Lage selbst­bewusst zu bleiben und weiter­ zumachen.“ Sein Motto heute: Augen auf und durch! Denn: „Verdrängen ist zwecklos.“

. Beatrice Drach, 48, Lauftrainerin
Beatrice Drach über das Scheitern
Bild: Andreas Jakawerth

„Darüber sprechen und Hilfe annehmen.“

Wenn sie einen Raum betritt, geht die Sonne auf. Das liegt an ihrer Lieblingsfarbe Pink – und ihrer grundoptimistischen Ausstrahlung. Dieses innere Strahlen war vielleicht immer da, wurde aber erst so richtig erweckt, als es kriselte. Denn die Sucht nach Perfektion verwandelte das Leben der ehemaligen Pharmamanagerin vorübergehend in einen „Scheiterhaufen“. Der Wendepunkt? „Als ich weinend zusammengebrochen bin und nicht einmal wusste, warum ich weine. Ich habe in der Zeit sehr viel über mich gelernt und bin mir meiner eigenen Verletzlichkeit bewusst geworden. Ich wollte immer nur perfekt, stark und beliebt sein. Ich hätte mich weniger von meinem Ehrgeiz treiben lassen sollen.“

Beatrice ließ sich in der Burnout-Prävention ausbilden, wurde begeisterte Lauftrainerin und achtet heute auch abseits der Strecke auf das richtige Tempo. Um das Scheitern zu enttabuisieren, setzt sie auf Offenheit: „Wir müssen mehr darüber sprechen, dass man aus Fehlern lernt und sich dadurch wieder neu erfinden kann. In den USA ist Scheitern gesellschaftlich wesentlich etablierter. Das wünsche ich mir auch für Österreich.“

Warum? „Einige verstehen noch immer nicht ganz, womit ich mein Geld verdiene. Die Wertigkeit des Gesundbleibens, der Prävention für die seelische und körperliche Fitness, ist in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen. Eine Managementposition wird als wesentlich bedeutsamer angesehen. Und auch im Privatleben gilt: Die Wohnung muss toll dekoriert, die Kinder müssen sportlich, klug und musikalisch sein. Irgendwann stimmt das Gleichgewicht zwischen Anforderung und Regeneration nicht mehr. Deshalb ist es wichtig, Hilfe anzunehmen. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Stärke!“

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