Warum wir nach Minimalismus streben

Forscherin Bernadette Kamleitner erklärt die neue Sehnsucht nach dem Weniger.
Pflanze
Bild: Alex Loup/Unsplash

Bewusst zu leben und sich von unwichtigen Dingen zu trennen liegt im Trend. Aber welche Bedeutung hat Minimalismus für uns wirklich und sind wir überhaupt dafür geschaffen?

Warum kann es uns glücklich machen, weniger zu besitzen?
„Weil wir mehr Dinge haben, als wir psychologisch unser Eigen nennen können. Eine befriedi­gende Art von Besitz empfinden Menschen für Dinge, zu denen sie auch eine Beziehung haben und die sie entsprechend wertschät­zen können. Es braucht Zeit und Erfahrungen mit Objekten. Das lässt sich nur für eine begrenzte Anzahl von Dingen realisieren. Besitz, der darüber hinausgeht, kann uns vom Wesentlichen ab­halten – und zu einer Belastung werden.“

Eine befriedi­gende Art von Besitz empfinden Menschen für Dinge, zu denen sie auch eine Beziehung haben.

Minimalismus nimmt an Bedeutung zu. Welche gesellschaftliche Entwicklung steckt dahinter?
„Generell gilt: Was nur wenige aus freien Stücken schaffen, wird bewundert. Viel zu haben war jahr­hundertelang nur wenigen mög­lich – ein sichtbares Signal dafür, dass es jemand an die Spitze der sozialen Hierarchie geschafft hat. Heute ist es bei uns fast jedem möglich, sehr viel zu besitzen. Der bewunderte Kontrast liegt jetzt darin, bewusst zu leben und mit weni­ger auszukommen, ohne dies zu müssen.“

Vielleicht brauchen wir einfach weniger? Statt eine DVD-Sammlung zu besitzen, kann ich auch digitale Angebote nutzen …
„Ja, durch die zunehmende Digi­talisierung der Gesellschaft hat die Bedeutung materieller Güter abgenommen. Digital zu sein be­deutet, überall und jederzeit fle­xibel zu sein. Materielle Besitztü­mer sind an einen Ort gebunden, brauchen Platz und Kraft, um bewegt zu werden – und Verantwortung. Das wird immer häu­figer als Belastung wahrgenom­men. Im Kontrast zur digitalen Flexibilität legen uns materielle Besitztümer eher fest und werden zunehmend auch – im Kontrast zu Sharing­angeboten – als Ver­lust von Freiheit und Wahlmög­lichkeiten empfunden.“

Besitz, der darüber hinausgeht, kann uns vom Wesentlichen ab­halten – und zu einer Belastung werden.

Ist Besitz wirklich so belastend?
„Besitz ist für Menschen wich­tig. Der Mensch steht nicht zu­letzt deshalb an der Spitze der Nahrungskette, weil er Dinge besitzt und diese auch zu benut­zen versteht. Unsere Besitztümer erlauben uns, Dinge zu tun, die unseren ureigenen Wirkungs­raum bei weitem übersteigen. Dadurch, dass wir Werkzeuge besitzen, können wir Bäume fäl­len und Steine spalten – ein Ding der Unmöglichkeit, hätten wir nur unsere bloßen Hände. Kurz: Der Mensch strebt nach Besitz, weil Besitz uns Sicherheit geben und unsere Möglichkeiten dra­matisch erweitern kann. Und da­bei hilft, unsere eigene Identität zum Ausdruck zu bringen. Der Trend zum Minimalismus ist da­her immer nur ein Wunsch nach Reduktion, kein Wunsch nach vollständigem Verzicht.“

Menschen sind Sammler – wie passt hier Reduktion als Lebensmotto dazu?
„Sammeln ist ein ganz besonderes Phänomen, das mit einfach nur viel haben, sehr wenig gemein hat. Menschen, die sammeln, haben fast immer eine Beziehung zu jedem Element ihrer Samm­lung. Sammlungen werden wirk­lich psychologisch besessen und wertgeschätzt und sind damit zu bedeutungsvoll, um als Ballast empfunden zu werden.“

Bernadette Kamleitner ist Leiterin des Instituts für Marketing und KonsumentInnenforschung an der Wiener Wirtschaftsuniversität.

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