Mouth Taping: Was ein zugeklebter Mund wirklich bringt

Ein sonderbar anmutender Trend kursiert zurzeit im Netz: Sich über Nacht den Mund zu verkleben soll zu verbesserter Schlafqualität führen und somit gesundheitsfördernd wirken.

Es klingt wie ein Wunder. Ein Mund-Klebeband während des Schlafes soll reichen, tiefer zu schlafen, Schnarch-Geräusche zu reduzieren, ja sogar den Blutdruck langfristig zu senken und auch noch überschüssige Kilos zu verlieren. Findige Unternehmer, die dafür maßgeschneiderte Patches auf den Markt gebracht haben, propagieren einen Gesundheitsvorteil nach dem anderen. Und die entstehen dadurch, dass man gezwungen ist, durch die Nase zu atmen. Wir haben bei Martin Jurek, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und Taucharzt in Wien nachgefragt, ob Mouth Taping mehr Hype oder Humbug ist.

Bekomme ich beim Mouth Taping ausreichend Sauerstoff?

Nasenatmung ist grundsätzlich vorteilhaft. Die Luft wird gereinigt, befeuchtet, erwärmt, all das wirkt sich positiv auf die Atemwege aus. Die in der Nase befindlichen Immunglobuline zur Infektabwehr können dadurch arbeiten“, erklärt Jurek. Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass so gut wie jeder Mensch eine mehr oder weniger schiefe Nasenscheidewand hat. Abgesehen davon existiert ein wechselnder Rhythmus – eine Nasenseite arbeitet abwechselnd mehr, die andere weniger. „In seitlicher Schlaflage ist meist die untere Nasenseite schlechter belüftet.“ Das ist häufig so und völlig normal.

„Wenn ich nun also durch die Nase schlechter Luft bekomme, muss ich parallel dazu durch den Mund atmen.“ Daher geht der Experte davon aus, dass man sich in diesem Fall das Mundpflaster ohnehin unweigerlich selbst entfernt. Auch im Schlaf. Jurek: „Der Körper lässt sich nicht austricksen – er holt sich was er braucht.“

Der Körper lässt sich nicht austricksen – er holt sich was er braucht.

Martin Jurek, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und Taucharzt

Fazit: Die Wirkung auf erholsameren Schlaf scheint aufgrund dieser durchaus wahrscheinlichen nächtlichen Atemeskapade kaum gegeben zu sein.

Mouth Taping gegen Schnarchen

Für viele klingt Mouth Taping aus einem nachvollziehbaren Grund so besonders attraktiv: Das vor allem für Bettgenossen oft so störende Schnarchen soll ausgeschaltet werden können. Schnarcher sind, laut Jurek grundsätzlich vor allem Männer, ältere Menschen, Übergewichtige und Raucher. Letztere wegen einer chronischen Reizung und Entzündung der Schleimhäute. Zusätzlich führe auch abendlich konsumierter Alkohol zu einer relaxierenden Wirkung auf den Gaumen …

Was allerdings ohne all diese Faktoren bei jedem Menschen zu geräuschvollem Schlafen führen kann, ist das vibrierende Gaumenzäpfchen. „Diese Bewegung kann auch durch das Mundpflaster nicht ausgeschaltet werden“, resümiert der HNO-Arzt.

Fazit: Auch hier bringt Mouth Taping höchstwahrscheinlich nicht den gewünschten Effekt.

Balsam für die Zähne

Positiv ist laut Jurek allerdings, dass bei Nasenatmung die Befeuchtung des Mundraumes und der Zähne gewährleistet ist, was sich auf die Karies- und Parodontose-Prophylaxe positiv auswirkt. „Bei längerer Mundatmung trocknet naturgegeben der gesamte Mund-Rachenbereich aus.“

Bei längerer Mundatmung trocknet naturgegeben der gesamte Mund-Rachenbereich aus.

Martin Jurek

Trial-and-Error

Letztendlich kann ja jeder Mensch für sich erkunden, was sie oder er mit dem Mundpflaster in der Nacht so erlebt. Warum nicht, wenn man es als angenehm empfindet und positive Wirkungen erlebt. Doch bevor man zu den Profi-Patches greift, empfiehlt sich eine Probenacht mit Leukoplast …

Probieren geht über Studieren.

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