Stefan Wagner

Der optimierte Wagner: Aus dem Leben eines Biohackers, Teil 7

Wieso es eine gute Idee ist, weniger Sport zu betreiben, wenn man fitter werden will.*

Ich wurde 1968 geboren und habe in mei­ner Jugend eine Zeitlang ernsthafter Sport betrieben. Mein Verständnis davon, was ein ordentliches Training ausmacht, stammt also aus den 1970ern und 1980ern. Es trägt Trillerpfeife und Stoppuhr um den Hals und einen figurbetonenden adidas-Trainingsanzug aus hautabschürfendem Kunststoff. Es definiert sich durch drei Gleichungen:


Training mit Kotzen = gutes Training.
Training ohne Kotzen = nicht so gutes Training.
Training unter eineinhalb Stunden = gar kein Training.
Das ist natürlich gaga. Besser ist: seltener und kürzer trainieren, das Kotzen auslassen und die folgenden vier Punkte beachten.
Punkt 3: Krafttraining. Ich hab’s als ehe­maliger Marathonläufer auch lang nicht geglaubt. Aber Muskeln sind kein chauvi­nistischer Paarungskatalysator für alle, die keinen Schmäh haben, sondern stehen im Bedeutungsrang eines Organs. Muskeln steuern Hormone, erzeugen (weil knallvoll mit Mitochondrien) Lebensenergie und ver­brennen Kalorien, nämlich auch beim Rum­sitzen. Wer sein Leben lebenswert verlängern möchte, verordnet sich zunächst einmal ein paar Wochen Muskelkater.
Pumpen Sie Liegestütz (zwanzig bis hundert, über den Tag verteilt), ziehen Sie sich am Türreck hoch (zehn bis zwanzig Klimmzüge, gerne mit Gummibandunterstützung), und stemmen Sie zweimal wöchentlich Hanteln, die keine Pastellfarben tragen. Das alles gilt unabhängig davon, ob Sie Frau sind oder Mann.

Muskeln sind kein chauvi­nistischer Paarungskatalysator für alle, die keinen Schmäh haben, sondern stehen im Bedeutungsrang eines Organs.

Zeitaufwand für biogehacktes Krafttrai­ning: eine Stunde pro Woche. Biohacker tricksen ihre Muskulatur außerdem mit einem BFR-Training aus. BFR steht für „Bloodflow Restriction“. Dabei verwenden wir lächerlich leichte Hanteln, aber strangulieren Arme und Beine, um die Venen daran zu hindern, Stoffwechselpro­dukte abzutransportieren. Die in Milchsäure ertrunkenen Muskeln glauben, sie absolvieren grad das härteste Training der Welt, schütten kübelweise Hormone aus und wachsen, dass man dabei zuschauen kann. Apropos zuschauen: BFR verfärbt Gliedmaßen ein bisschen bläulich und weißlich, und für Klavierspielen oder Operationen am offenen Herzen sind die Finger nachher eine Zeitlang nicht geeignet. Aber man ist so abgefüllt mit Testosteron, dass man eh nicht ans Operieren denkt.**
Außerdem importieren Biohacker aus Amerika ein Fitnessgerät, das „X3-Bar“ heißt und für den Laien wie optimierte Bauern­fängerei aussieht: ein paar bunte Kautschuk­bänder, eine Metallstange und ein Brett um 549 Dollar plus Shipping plus Zoll. Aber Ben Greenfield und Dave Asprey schwören auf den X3, und für 549 Dollar plus Ship­ping plus Zoll ein bisschen Greenfield und Asprey sein ist mindestens wohlfeil.
Punkt 4: Ausdauersport braucht keine Ausdauer. Hab ich auch lang nicht geglaubt. Spazieren gehen, zum Einkaufen radeln: alles super. Im Winter joggen gehen, ein paar lockere Runden rund um den Gefrierpunkt, ohne Shirt, nur bekleide mit Shorts und Barfußschuhen und Raureif auf den Härchen der Unterarme: 1a-Training der Kälteadaption und der Sozialexposition. Aber viermal pro Woche freudlose Stunden lang durch die Gegend keuchen? Nicht nötig. Das weiß man, seit der Japaner Izumi Tabata vor 25 Jahren entdeckte, dass zehnmal zwanzig Sekunden Vollgas und zehn Sekunden Pau­se ein super Ausdauertraining sind. (Wenn man’s ganz richtig macht, ist das mit dem Kotzen nicht ganz ausgeschlossen.)
Noch ärger, ganz neu: der Trainingsergometer CAR.O.L. Eine Einheit dauert acht Minuten Spazierenradeln und vierzig Se­kunden, in denen dich eine Computerstim­me darauf hinweist, dass es um dein Leben geht. Wenn du es schaffst, diese zweimal zwanzig Sekunden lang dem Säbelzahntiger davonzuradeln („Harder! Faster!“, keucht die Stimme, „or you will become the tiger’s lunch!“), dann bist du trainingseffektiv 45 Minuten stramm gejoggt.
Zeitaufwand für biogehacktes Ausdauer­training: eine halbe Stunde pro Woche. Diese Aufzählung beginnt übrigens mit Punkt 3, weil die Punkte 1 und 2 der Lieb­lingssportart des Biohackers gewidmet sind, dem Nichtsitzen. Dazu nächstes Mal mehr; auch, warum im Stehen bessere Kolumnen entstehen als im Sitzen.

* Tennis ausgenommen. Die Welt wird besser, wenn mehr Menschen mehr Tennis spielen. Das sage nicht ich – ich wäre da befangen –, das sagt die Universität Oxford. Dort hat man herausgefunden, dass Racketsportarten (allen voran eben Tennis) das Risiko eines frühzeitigen Todes um 47 Prozent reduzieren; es folgen Schwimmen (28 %) und Radfahren (15 %). Tennis ist das Biohacking unter den Sportarten.
** Die Redaktion von carpe diem rät ausdrücklich davon ab, das auf eigene Faust auszuprobieren.

STEFAN WAGNER ist Biohacker, Inhaber einer Werbeagentur, Tennisspieler und vom Gedanken beseelt, 120 Jahre alt zu werden. Mindestens. Hier findest du alle seine Kolumnen auf einen Blick.

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