Stefan Wagner

Der optimierte Wagner: Aus dem Leben eines Biohackers, Teil 6

Der Katalog der Biohacking-Produkte vereint, objektiv betrachtet, technischen Wagemut mit unerschrockener Geschäftstüchtigkeit und einem experimentell geprägten Zugang zum Thema Nutzwert. Subjektiv bin ich von den Sachen begeistert. Manche schenken mir sogar Erleuchtung.

Es gibt zum Beispiel eine Gabel, die vi­briert, wenn du weniger als zehn Sekunden zwischen zwei Bissen vergehen lässt. Sie hilft dir für nur 99 Euro dabei, langsamer zu essen, was deine Gesundheit enorm för­dert. Oder sie perforiert deine Zunge (was auch eine Art ist, die Essgeschwindigkeit zu drosseln, allerdings mit geringerem Ge­sundheitsgewinn).

Es gibt In-Ear-Kopfhörer, die keinen Ton in die Gehörgänge übertragen, son­dern LED-Licht aus dem blauen Frequenzbereich. Du kannst dir damit also ein Konzentrat der Mittagssonne in die Ohren scheinen lassen. Das ist wertvoll, weil du den Fotorezeptoren in deinem Innenohr da­mit vermittelst: Hey, es ist Mittag! (Das Ge­rät stammt aus Finnland. Es hat die Winterdepression seiner Entwickler so wirkungs­voll in den Griff gekriegt, dass ihr frischer Lebensoptimismus auch vor der Preisgestal­tung des Dings nicht haltmacht: 190 Euro.)
Es gibt ein Stirnband, das deine Ge­hirnwellen während des Meditierens misst. Wenn du dich richtig hart entspannst, be­lohnt es dich mit Vogelgezwitscher. Für nur 149 Euro kannst du beim Meditieren also deine Fähigkeit trainieren, dich nicht von Vogelgezwitscher ablenken zu lassen.

Etwa 450 Euro kostet es, über Kopfhörer, die kaum klobiger sind als ein sowjetischer Weltkriegsbunker, Strom durch jenen Be­reich des Gehirns zu schicken, der den Aufbau motorischer Fähigkeiten steuert. Bei Kindern steht dieser Bereich – der soge­nannte Motorkortex – auf natürliche Weise unter Strom. Bei Erwachsenen herrscht dort Ebbe. Aber nur bis wir mit dem Kopfhörer kommen und das tun, was man „Neuropriming“ nennt, also Strom durchleiten, als hätte man uns die Birne an eine 9-Volt-Bat­terie angeschlossen.
Dave Asprey zum Beispiel, Godfather des Biohacking und Rechtshänder, hat mithilfe dieses Kopfhörers sein linkshändiges Ping­pongspiel auf ein Niveau gebracht, das nur mehr entfernt an einen betrunkenen Parkinsonpatienten erinnert. Ein anderes Testimonial des Geräts ist ein Navy-SEALs-Ausbildner, ungefähr Mitte fünfzig, der im Werbevideo so entspannt aussieht, als hät­te er gerade im obersten Stockwerk eines brennenden Hochhauses eine Schulklasse eigenhändig aus der Gewalt einer Dutzend­schaft atombewaffneter Terroristen befreit und die Terroristen danach aufgegessen und die Atomwaffen auch. Während er von den Vorzügen des Kopfhörers schwärmt, pumpt er stoisch Klimmzüge.
Es gibt ein Armband, das dir dabei hilft, schlechte Angewohnheiten loszuwerden, zum Beispiel Rauchen, Schokoladeessen, Biertrinken, Nägelbeißen, Facebooken.
Das Armband schickt dir, sobald du was Falsches tust, einen Stromstoß durch den Arm, der sich ungefähr so anfühlt wie der eines Wildzauns. Damit tut es um 199 Euro quasi das Gegenteil des Strom-Kopfhörers: Die Strafe löst nämlich neuronale Verbin­dungen in deinem Gehirn, was dich Dinge körperlich verlernen lässt. (Wir Menschen sind durch Schmerz und Leid besser zu mo­tivieren als durch Freude.)

Diese Geräte gibt es wirklich alle. Ich weiß das, weil ich außer dem Armband alle selbst verwende.
Die Geräte heißen Hapifork (die vibrierende Gabel), Valkee Human Charger (die Sonne im Ohr), Muse (das Meditationsvögelchen), Halo Neurosport (der Pingpong-Lern-Kopfhörer) und Pavlok (das Stromstoßarmband).
Ich besitze außerdem noch eine Handvoll Geräte, darunter eines, das Rotlicht im be­sonders wirksamen 660-Nanometer-Bereich über Leuchtdioden in meine Nebenhöhlen führt, also in jenen Bereich meines Gesichts, der sich hinter der Nase verbirgt. Dort räumt das Licht, unfachmännisch gesagt, auf. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten inne­rer Erleuchtung übersiedelt alles Böse von meinem Inneren in ein Schnäuztuch, in ei­nem Akt beinahe spiritueller Erleichterung.

Das Gerät ist gut während des Autofah­rens einzusetzen. Ich lenke das Auto dann mit aus dem Inneren leuchtendem rotem Gesicht, wie eine Mischung aus Sonnenbrand, Horrorfilmstatist und Kindergeburtstags­luftballon. Aber ich meide an der Ampel den Augenkontakt mit anderen Autofahrern.

STEFAN WAGNER ist Biohacker, Inhaber einer Werbeagentur, Tennisspieler und vom Gedanken beseelt, 120 Jahre alt zu werden. Mindestens. Hier findest du alle seine Kolumnen auf einen Blick.

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