Wissen wir überhaupt noch, wie man Pause macht?

Kampfsportlehrer Ronny Kokert über den Wert kleiner Auszeiten.
von Nicole Kolisch | 20. November 2019
1700 Pause machen GettyImages

Beginnen wir doch … gleich mit einer Pause. Also: Augen zu, die Gehirnknöpfe drücken. Das machen wir ohnedies oft. Wenn wir müde sind, rubbeln wir instinktiv den Bereich zwischen unseren Augen­ brauen, jene zwei Punkte, die sich an der Stirn gut ertasten lassen.

Bloß dass wir diesmal einen Schritt weiter gehen: Wir rubbeln über Kreuz. Die linke Hand massiert den rechten Gehirnknopf, die rechte Hand kümmert sich um den linken.

Das Ergebnis? Wir werden wacher, fokussierter und haben ganz nebenbei unsere beiden Gehirnhälften vernetzt. Mit anderen Worten: Wir sind im idealen Zustand für ein spannendes Gespräch über Entspannung. Los geht’s.

Die Pause hat ein Problem. Mehr als ein Drittel der Leute unterbricht den Arbeitstag nur für die gesetzlich vorgeschriebene Mindestdauer. Zehn Prozent rackern überhaupt von früh bis spät durch.
Ronny Kokert: Dabei steigern Pausen erwiesenermaßen die Leistung. Im Sport gibt es sogar den Begriff der „lohnenden Pause“. Und man kennt es ja auch vom Lernen, dass eine Pause die Hirnleistung steigert.

Übertrifft dieser Effekt die verlorene Arbeitszeit?
Auf jeden Fall. Wir sehnen uns ja auch nach Entspannung, aber sie gelingt uns einfach nicht. Das ist eine Folge unserer ständigen Selbstoptimierung und des fremdbestimmten Leistungsdrucks. Wir eifern irgendwelchen äußeren Vorgaben nach, statt dem eigenen Körper zuzuhören.

Illustration Pause
Foto: Marina Munn

Kraft liegt in der Entspannung; Leistung liegt in der Leichtigkeit.

Vielleicht, weil Erholung zu suchen einen schlechten Ruf hat, trotz des Yoga– und Achtsamkeitstrends?
Weil Leistung gern mit Entbehrung gleichgesetzt wird: No pain, no gain, du musst dich durchbeißen, wenn du etwas schaffen willst. Entspannung wiederum wird oft gleichgesetzt mit Erschlaffung oder Schwäche. Und das ist falsch. Vom Kampfsporttraining weiß ich: Kraft ist immer gleichgesetzt mit der Fähigkeit zur Entspannung – und Leistung ist immer gleichgesetzt mit Leichtigkeit. Das heißt nicht, dass man keine Kraft braucht oder nicht ab und zu seine Komfortzonen verlassen muss, um etwas zu erreichen. Aber dieses Krampfhafte, das oft mitschwingt, von dem muss man sich lösen.

Aber wie mache ich das? Kann ich das üben?
Indem du wieder lernst, darauf zu hören, was dir dein Körper jetzt im Moment für Signale gibt. Wir sind oft so im Hamsterrad, dass wir das gar nicht mitbekommen oder einfach darüber hinweggehen. Aber die Körperwahrnehmung ist immer im Moment – und Gegenwärtigkeit ist für mich der Schlüssel zur Entspannung und zur Ruhe.

Das ist alles? Einfach im Moment sein?
Ja, aber Gegenwärtigkeit ist nicht passiv, sondern ein sehr aktiver, nicht verspannter Zugang, bei dem man vollkommen im Jetzt reagiert. Egal ob ruhig oder aktiv: Man ist absolut in der Situation.

Permanente Veränderung ist die einzige Konstante. Man kann lernen, das zu akzeptieren.

Aber was spricht dagegen, ganz entspannt an die Zukunft zu denken?
Denkt man voraus, und wenn es nur um Sekunden ist, interpretiert man. Man vergleicht zwangsläufig die Möglichkeiten, die vor einem liegen, mit bereits Erlebtem, man zieht daraus Schlüsse, man bildet sich starre Konzepte zur Meisterung dieser vermeintlichen Wirklichkeit, die da auf einen zukommt. Daraus entsteht Stress. Ist der Geist aber gegenwärtig, ist man im Fluss. Man bleibt ständig in Bewegung und akzeptiert permanente Veränderung als einzige Konstante. Genau das ist für den Geist sehr entspannend.

Ist das nicht anstrengend für den Geist, ständig in Bewegung zu sein?
Im Gegenteil. Anstrengend ist für den Geist, wenn er sich starre Konzepte bildet, um die Wirklichkeit zu meistern – aber die Wirklichkeit dann immer abweicht von diesen starren Boxen, in die man sie zu zwängen versucht. Im Moment sein schafft Leichtigkeit.

Kann man das üben?
Klar. Eine gute Übung ist zum Beispiel: einfach nur atmen.

Ronny Kokert
Ronny Kokert ist 49, Wiener, Weltmeister im Open Taekwondo, Autor und Begründer von Shinergy – einer Kampfsportrichtung, die östliche Philosophie und westliche Sportmedizin verbindet. (Foto: Simonis / Wien)

Einfach atmen – tu ich das nicht ohnehin den ganzen Tag?
Nein. Wenn man sich beobachtet, wie oft man im Alltag seinen Atem unterbricht, kommt man drauf: Allein beim Aufsperren der Haustüre stockt unser Atemfluss locker fünfmal. Hier setzt die Übung an: Versuche, die Tür aufzusperren und dabei im Atemfluss zu bleiben. Nimm den Schlüssel, atme, sperr auf, atme, geh hinein…

Dabei wirst du zwei Dinge bemerken. Erstens, das Aufsperren wird leichter, weil jedes Anhalten des Atems auch den Körper verspannt. Zweitens merkst du, dass eine Ruhe entsteht. Die Zeit scheint anders zu vergehen, nämlich langsamer. Wenn der Atem im Fluss bleibt, bleibt auch der Geist im Fluss.

Jede Unterbrechung des Atems ist also auch eine Unterbrechung des Geistes?
Eine Unterbrechung der Wahrnehmung, ja. Wir nehmen das Leben dann nicht mehr als durchgehenden Film wahr, sondern als einzelne Standbilder, abgehackt, wie in einer Disco mit dem Stroboskop. Wenn wir hingegen im Atemfluss bleiben, nehmen wir alle Bilder wahr, in ihrem natürlichen Ablauf. Viele Menschen versuchen, sich in diesen Fluss zu bringen, indem sie meditieren.

Eine Meditation wirkt also deshalb entspannend, weil ich ganz im Moment bin?
Gegenwärtigkeit ist Entspannung – egal was wir dabei tun. Wenn wir am Wochenende eine Nacht lang abtanzen und ganz darin aufgehen, ist das entspannender, als wenn wir bei der Meditation sitzen und nachdenken, was am Montag zu tun sein wird. Die Gedanken sind ja mitunter wie ein wilder Affe, der von einem Ast zum anderen hüpft…

Eine gute Übung ist, die eigenen Gedanken zu beobachten, sich aber nicht damit zu identifizieren.

Eben. Beim Tanzen kann ich den Affen vielleicht ignorieren. Aber was mach ich am Abend beim Einschlafen, wenn der Affe hüpft und das Gehirn rattert?
Eine gute Übung ist, die eigenen Gedanken zu beobachten, sich aber nicht damit zu identifizieren. Zum Beispiel im Bett liegend die Atemzüge zählen: immer von 1 bis 10 und dann wieder bei 1 beginnen. Dadurch bringen wir uns in die Gegenwart. Man merkt übrigens ganz leicht, wenn man die Gegenwärtigkeit verliert: Wenn man nämlich weiterzählt … 11, 12, 13. Also immer schön bei 1 bis 10 bleiben, 1 bis 10, immer wieder. Das ist eine tolle Übung, um zu lernen, sein eigenes Denken zu beobachten. Wir können nämlich nicht „nicht denken“. Ständig läuft in uns ein innerer Dialog ab. Das ist schon tagsüber so, im Bett wird es uns nur bewusster. Viele Menschen sehnen sich nach einem Zustand des Nicht-denken-Müssens. Das funktioniert aber nicht.

Nicht denken – ist das nicht das hehre Ziel des Buddhismus?
Wenn Buddhisten „nicht denken“ sagen, meinen sie nicht, keine Gedanken zu haben. Sie meinen, zur Seite zu treten, das eigene Denken zu beobachten – wie im Kino. Da flimmern alle Sorgen, Ängste, Wünsche als Film über die Leinwand, der heißt „Meine Gedankenwelt“. Aber man spielt nicht mit, sondern schaut zu und mampft entspannt sein Popcorn.
Anders gesagt: Wir können uns unsere Gedanken sehr wohl anschauen, ohne uns mit ihnen zu identifizieren.

Welche Farbe hat mein nächster Gedanke?

Was, wenn das nicht gelingt?
Das Denken lässt sich auch mit den eigenen Waffen schlagen. Indem wir uns etwa die Frage stellen: Welche Farbe hat mein nächster Gedanke? In diesem Moment wird das Denken unterbrochen.
Oder wir stellen uns vor, wir sitzen wie die Katze vorm Mäuseloch und warten, bis der nächste Gedanke herauskommt. Da kommt keiner mehr! In diesem Moment haben wir uns selbst aus dem Gedankenkreisel herausgenommen…

…und den wilden Affen besiegt?
Den können wir nicht besiegen, nur füttern, streicheln und beruhigen. Indem wir ganz im Moment sind, und zwar absichtslos. Dieses Absichtslose, das nicht auf die Zukunft fokussiert ist, macht auch die Entspannung aus: Ich entspanne mich nicht, damit ich danach noch leistungsfähiger bin. Ich entspanne mich, weil ich mich entspanne. Sonst ist es nicht Entspannung, sondern Optimierung.

Danke für das Gespräch!

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