Darum hat Neugier einen schlechten Ruf

Der deutsche Neuropsychologe Gerald Hüther über Entdeckerfreude, die frei macht, und Neugier, die uns gefangen hält. Und über eine Gesell­schaft, die Fragen aushalten muss.
Neugieriges Mädchen mit Fernglas
Bild: Getty Images

Ist von Neugier die Rede, rümpfen Menschen meist die Nase. Dabei ist Neugier doch großartig! Wieso ist sie so unbeliebt?
Gerald Hüther:
Weil die Begrifflichkeiten vermischt werden. Es gibt einerseits die Entdeckerfreude, und dann gibt es Neugier im Sinne von Schnüffelei, von „die Nase überall reinstecken“. Es ist ein großer Unterschied, ob sich jemand aus Interesse und mit sehr viel Begeisterung die Welt erschließt – oder ob jemand zwanghaft dazu getrieben ist, sich möglichst viel Information über andere zu besorgen, weil Wissen über andere natürlich Macht bedeutet.

Es gibt einerseits die Entdeckerfreude, und dann gibt es Neugier im Sinne von Schnüffelei, von ‚die Nase überall reinstecken‘.

Andererseits heißt es, die Neugier ist der Gegenspieler der Macht.
Das stimmt. In einer sehr hierarchisch geordneten Gesellschaft ist man nie glücklich über Leute, die Dinge hinterfragen. Herrschende haben immer versucht, das Hinterfragen zu diskreditieren, indem sie gesagt haben: „Sei nicht so neugierig!“ So bekam die Neugier schon historisch einen schlechten Beigeschmack verpasst.

Wir sagen zu Kindern auch: „Sei nicht so neugierig!“
Und damit haben wir alles durcheinandergebracht! Denn Wissen lässt sich nur fragend erschließen. Fragend ist das Kind Subjekt seines eigenen Lernprozesses. Wenn es von anderen belehrt wird, muss es deren Klugscheißerei schlucken. Sagen Erwachsene: „Sei nicht so neugierig“, ist das eine schwere Enttäuschung für das Kind. Dann passiert das Katastrophalste, was es überhaupt gibt: Das Kind hört auf, sich für irgendwas zu interessieren.

Sagen Erwachsene: ‚Sei nicht so neugierig‘, ist das eine schwere Enttäuschung für das Kind.

Warum sagen wir es dann?
Genau aus demselben Grund, aus dem Menschen in Machtpositionen es immer schon gesagt haben: damit keiner kommt und irgendetwas hinterfragt, was wir für selbstverständlich halten. Neugierige Menschen sind gefährlich für etablierte Strukturen. Aber eine Gesellschaft oder eine Familie, die es nicht zulassen kann, dass man die Regeln hinterfragt, ist eine ziemlich kranke Familie oder eine ziemlich kranke Gesellschaft. Die ist nicht offen, die ist nicht frei, die ist verklemmt.

Das heißt: Neugier hat hauptsächlich darum einen schlechten Ruf, weil wir dem Hinterfragen ein nega­tives Image verpasst haben? Aber es gibt doch auch tatsächlich oft Menschen, die sich durch Fragen auf ungute Weise einen Vorteil verschaffen wollen.
Ja. Und das ist ja auch wirklich unangenehm. Aber man kann sich schützen. Man kann jederzeit klarstellen, was man bereit ist, preiszugeben – und was nicht. Das bedeutet nicht, dass man die Person nicht mag, man mag nur einfach diese Art nicht.

Entdeckerfreude führt in die Freiheit.

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Und gibt es auch positive soziale Neugierde? Etwa wenn ich nicht schnüffeln will, aber mich einfach für mein Gegenüber interessiere?
Das ist Entdeckerfreude am anderen – die Suche nach Kenntnissen, die es uns leichter machen, einander zu verstehen. Ganz ähnlich wie ein Kind, das verstehen will, woher der Regen kommt. Da geht es nicht um Machtgelüste oder um Beherrschung, sondern das Ziel ist, dass man den anderen besser versteht und sich daher besser mit ihm versteht. Entdeckerfreude führt in die Freiheit. Das andere, Neugier aus Machtstreben, führt ins Gefangensein. Weil man sich abhängig macht von den Meinungen und Vorstellungen der anderen.

Gerald Hüther, Dr. rer. nat. Dr. med. habil., ist deutscher Neurobiologe, Bestsellerautor und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung.

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