Busch-Notizen: Dunkle Natur-Geheimnisse und wieso Weglaufen nie eine gute Idee ist

Man muss nicht 140 Baumarten an ihren Blättern erkennen, um die Größe und Macht der Natur zu erkennen. Weltreisende Waltraud sagt Adieu zum Lerndruck und Hallo zum Sternenhimmel.
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Bild: Waltraud Hable

Ich bin im südafrikanischen Busch, sechs Stunden von Johannesburg entfernt. Ein Dickicht, in dem alles Dornen oder Stacheln zu haben scheint: die Büsche, die Bäume, die Skorpione, die unter den Steinen lauern. Der Sternenhimmel ist dafür sanft und schön und irgendwie nicht von dieser Welt. Gestern saßen wir in einem ausgetrockneten Flussbett und starrten nach oben. „Das ist Venus“, hat ein Lehrer mit dem Laserpointer in den Nachthimmel gezeigt. „Und hier kämpft Orion, sein Schwert ist aus drei Sternen geformt.“ Mit einem Schlag erwachte über mir alles zum Leben – und war mehr als ein magisch schönes Dunkelschwarzblau.

Wie zum Teufel soll ich 100 Bäume anhand von Blättern und Rinde identifizieren?

Ich bin hierhergekommen, um die Grundausbildung zur Safari-Rangerin zu machen. In 55 Tagen von der Natur über die Natur lernen. Doch was ich als Erstes lernte, war: Safari-Rangerin wird keine aus mir, nicht in hundert Jahren. Wie zum Teufel soll ich 100 Bäume anhand von Blättern und Rinde identifizieren? Und das Ganze obendrein auf Englisch? Dazu kommen Gräser, Blumen, Spurenlesen – und 104 (!) Vögel. Alle muss man davon am Gefieder und 30 auch am Gesang erkennen können. Was in meinem Fall quasi unmöglich ist: Ich zähle zu jener Sorte Mensch, die nicht mal „Alle meine Entchen“ nach den ersten drei Takten erkennt, mein Hirn scheint immun gegen das Abspeichern von Melodien zu sein.

Also habe ich das einzig Vernünftige getan und beschlossen: „Ich werde nicht zur Prüfung antreten.“ Drei andere aus meiner Gruppe haben dieselbe Entscheidung getroffen, zu viert bilden wir den Loser-Klub. Wobei ich die Sache nicht als ein Verlieren sehe, sondern als Gewinn. Trotz Rückzieher steht uns das volle Studienprogramm offen: die morgend- und abendlichen Safari-Ausfahrten, die Vorlesungen im offenen Klassenzimmer, das ein Holzverschlag mit Strohdach ist. Die volle Dosis Wissen, nur alles eben ohne Druck und Stress.

Seitdem nicht mehr jedes Tier und jeder Baum eine potenzielle Prüfungsfrage ist, sehe ich plötzlich, was vor meiner Nase ist.

Jedenfalls: Seitdem nicht mehr jedes Tier und jeder Baum eine potenzielle Prüfungsfrage ist, sehe ich plötzlich, was vor meiner Nase ist. Die wilde Schönheit. Die skurrile Vielfalt – Grashüpfer in Pastellfarben. Frösche, die in Swingersex-Orgien styroporartige Nester auf Felsen bauen. Schildkröten, deren Panzer in Leoprint gemustert ist. Und dann die Bäume! Noch vor ein paar Wochen war für mich alles ein grüner Einheitsbrei. Mittlerweile sind die schattigen Riesen zu Persönlichkeiten geworden: Der Tamboti-Baum etwa ist eine Mischung aus Medizinmann und Terrorist. Seine Blätter enthalten ein Latex, das Fluch und Segen ist. Ein, zwei Tropfen können Zahnschmerzen lindern. Tropft man das Zeug allerdings jemandem ins Auge, droht Erblindung. Ach ja, ein Teich lässt sich mit Tamboti-Latex auch vergiften. Es lähmt die Fische darin, aber sie sterben nicht. Man kann sie ganz elegant aus dem Wasser holen und auf den Grill legen, das Fischfleisch leidet nicht unter dem Gift.

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Bild: Waltraud Hable

Nur potenzielles Essen läuft im Bush. Wenn du läufst, bist du verloren.

Geheimnisse dieser Art lassen uns manchmal in der Gruppe übermütig werden. Wenn uns ein Lehrer nervt, weil er stundenlang über Motten statt über Löwen reden will, schauen wir uns, irre von der afrikanischen Hitze und der kollektiven Übermüdung an (wir stehen täglich um 4.30 Uhr auf) und flüstern verschwörerisch: „Der kriegt heute Tamboti in seine Wasserflasche gemischt.“ Die Lehrer sind sich der machtvollen Naturgeheimnisse, die sie uns vermitteln, durchaus bewusst. Sie sind dennoch entspannt, deuten grinsend auf ihre Gewehre und fragen: „Wie schnell kannst du laufen?“ Wissend, dass sie nicht mal schießen, sondern uns notfalls nur durch die Pampa scheuchen müssen – etwas, was keiner für seinen Leib und sein Leben will. Denn im Busch zu laufen ist Selbstmord. Nur potenzielles Essen läuft im Bush. Only fast food runs in the bush. Wenn du läufst, bist du verloren.

Wir lachen immer über den Spruch. Aber er birgt viel Wahrheit, für die Wildnis und fürs Leben. Wenn ein Löwe vor dir steht, steh still. Lauf nicht weg. Auch wenn dein Instinkt dir etwas anderes flüstert. Mach dich bemerkbar, sei laut, aber steh still. In der Ruhe liegt Kraft – und vor allem Größe. Wer das beherzigt, der kann sich allem stellen. Auch dem Busch.

Waltraud Busch
Bild: Waltraud Hable

Über Waltrauds Reisen
Was passiert, wenn man seinen Job kündigt, dem Fernweh nachgibt und sich einfach mal die Welt anschaut? Waltraud Hable (41) schreibt über große und kleine Weisheiten, die sie am Wegesrand findet. In der unten stehenden Karte siehst du die Stationen ihrer Weltreise. Durch Klick auf die gelben Symbole erhältst du den Link zu dem jeweiligen Blogeintrag. Oder hier beim ersten Reiseblog starten.

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