„Wie ich lernte, Shiatsu zu lieben und seine Wirkung zuzulassen“

Man muss nicht immer verstehen, was mit einem passiert. Wichtig ist, dass man jemanden findet, der spürt, was man grad braucht.

„Probier’s doch einmal mit Shiatsu.“ Er war leicht da­hingesagt, dieser Satz. Damals, vor knapp zwanzig Jahren, im Café Jelinek in Wien­, Gumpendorf. Ich kannte mein Gegenüber eigentlich nur flüchtig. Wir hatten uns geschäftlich auf einen Kaffee getroffen, und ich war mir sehr sicher, dass ich mich professionell und distanziert genug verhalten hatte. Mir nichts anmerken ließ von den Dramen, die sich in meinem Innersten abspielten, aufrecht dasaß, obwohl ich so verspannt war, dass man mit meinem Rückgrat locker einen Pfeil hätte abschießen können. Dazu zwickte das linke Knie, und ich war froh, dass mein Termin vor mir aufbrechen musste und sich da­mit ersparte, in Mitleidstränen auszubrechen, die mein jämmerlicher Versuch aufzustehen zweifellos ausgelöst hätte.

Bevor sie ging, kritzelte sie noch schnell eine Telefonnummer auf die Rückseite meines Magazins und sagte: Kann ich nur empfehlen. Es gibt Momente im Leben, in denen dir nebenbei et­was zugeworfen wird, das nur in diesen paar Sekunden in dir auf Aufmerksamkeit trifft und Wirkung zeigt. Das plötzlich wie der passende Schlüssel eine Türe in deiner Seele öffnet, mit einem Weg dahinter, der dich so neugierig macht, dass du unbedingt wissen möchtest, wohin er führt.

Zig Beiträge über Shiatsu hatte ich bereits gelesen, schließlich machte ich damals ein Gesundheitsmaga­zin, immer wieder traf ich Bekannte, die sich darin ausbilden ließen – nichts davon hatte jemals mehr als meinen Intellekt berührt. Jetzt aber rief ich an. Was genau ich erwartete, kann ich heute nicht mehr sagen, nur dass ich skeptisch war. Ich bin Kopfmensch, und unter einer Massagetechnik entlang von Nerven­bahnen konnte ich mir natürlich etwas vorstellen, aber Shiatsu mitsamt seinen Energien und Meridianen haf­tete etwas Unerklärliches, Mystisches, etwas asiatisch Abgehobenes und nichts mitteleuropäisch Handfestes an.

Wenn es esoterisch wird, dreh ich mich um und geh, sagte ich zu mir und läutete an. Vor mir stand Brigitte Rieger. Drahtig, sportlich, mit kurzen Haaren, klarem Blick und festem Händedruck. Außer ein paar Fakten zu meinem Gesundheitszustand wollte sie nichts wissen, es gab keine Räucherstäbchen, keinen Hokuspokus. Im Nu lag ich im Baumwollleiberl und der lockeren Hose auf der Matte und wurde be­arbeitet. Brigitte Rieger drückte mit ihren Daumen meine Arme entlang, knetete meine Handflächen, bohrte mir ihre Ellenbogen links und rechts der Wir­belsäule in die betonharten Muskeln und massierte meine Fußsohlen, indem sie sich draufstellte und da­rauf herumwanderte.

Es fiel kein Wort, ich musste keine Seelenwanderung an­treten, ich musste nur daliegen und sie machen lassen. Nach einer Stunde war mein Kopf leer, und mein Kör­per zeigte erstmals Tendenzen leichter Entspannung, obwohl er doch gerade so malträtiert worden war. Jetzt nicht gleich abheben, sagte Brigitte Rieger und dass mir bald kalt werden würde, weil sie meine Energien umgelenkt hätte. Jaja, dachte ich, und eine Viertel­stunde später war ich froh, dass ich in der Früh eine Weste mitgenommen hatte. Die Kälteschauer waren nicht sehr heftig, ließen bald nach, und mir war zum ersten Mal seit Monaten zum Lachen zumute.

Von da an gehörten Shiatsu und Brigitte Rieger zu meinem Leben. Wir mochten und respektierten einan­der, verstanden uns wortlos. Ich musste ihr nichts von meinen Wehwehchen erzählen, nichts von der bitteren Trennung, der mühevollen Jobsuche oder der Angst um meine kranke Oma. Wenn ich kam, sah sie mich an und behandelte mich so, dass ich nachher leichten Schrittes davonging. Ich wollte nie wissen, warum, und sie drängte mir nichts von ihrer Weisheit auf. Es entstand eine tiefe Freundschaft, bei der wir bis zum Ende „Sie“ zueinander sagten und uns mit dem Nachnamen ansprachen.

Brigitte Rieger war eine echte Shiatsu­meisterin und unterrichtete alle, die mir jemals über den Weg liefen und sich zu Shiatsu­masseuren ausbilden ließen. Und alle flüsterten ehrfurchtsvoll ihren Namen. Eines Ta­ges beschloss sie, zurück in ihre Heimat Bad Goisern zu gehen und dort eine Shiatsuschule zu eröffnen. Sie kommen jetzt ohne mich zurecht, sagte sie zum Ab­schied, und beide hatten wir feuchte Augen.

Natürlich kam ich zurecht. Aber ich vermisste diese eine Stunde, in der mit mir etwas passierte, das meinem Kopf und Körper guttat, ohne dass ich es genau verstand. Und es begann wieder zu zwicken. Mal hier, mal dort und immer öfter auch in der Seele. Ich suchte lange, vor vier Jahren habe ich wieder jemanden gefunden, dem mein Körper blindlings vertraut. Und heute bin ich die­jenige, die ihren Freunden, wenn es ihnen schlecht geht, sagt: Probier’s doch einmal mit Shiatsu. Das eine oder andere Mal war es auch wirklich im richtigen Moment.

Uschi Korda ist Journalistin und Buchautorin und lebt – sofern sie nicht gerade vom Reisefieber übermannt wird – in Wien.

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