Mein Kind, mein Jungbrunnen

Kinder sind die Flügel des Menschen, sagt ein Sprichwort. Kinder senken das Sterberisiko ihrer Eltern, sagt die Wissenschaft. Und irgendwie bedeutet beides das Gleiche. Aber was macht ausgerechnet den Nachwuchs zum Jungbrunnen?
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Über Kinder ist ja schon vieles gesagt und geschrieben worden. Sinnige Kalendersprüche („Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen“), unergründbare Weisheiten („Ein Kind ist kein Gefäß, das gefüllt, sondern ein Feuer, das entzündet werden will“) und entbehrliche Erziehungstipps („Dein Kind weint doch nicht. Es spricht zu dir“).

All das garantiert, dass die unendliche Geschichte zum Thema Nachwuchs ein Work-in-Progress-Projekt bleibt. Zum Glück gibt’s da aber auch noch die Wissenschaft, die Fakten schafft und das Buch mit sieben Siegeln so um ein unverzichtbares Kapitel erweitert.

Kinder verlängern das Leben

„Kinder wirken lebensverlängernd“, weiß etwa Wirtschaftswissenschafter Paul Schweinzer, der der kaum erforschten Frage nachging, wie individuelle und alltägliche Umstände (Elternschaft, Ehe u. a.) die Sterbewahrscheinlichkeit beeinflussen. „Eltern haben ein geringeres Risiko, an Infekten, Krebs, Herzinfarkten, Unfällen, Mord und Selbsttötung zu sterben, als Menschen, die keine Kinder haben“.

Das sitzt. Vor allem, weil er seine Thesen – im Gegensatz zu Schwiegermama und Co – ja belegen kann.

„Überlebensschutz“ wirkt ab 1. Kind

Der Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Klagenfurt wertete mit seinem portugiesischen Kollegen Miguel Portela die Lebens- und Sterbedaten von 205.277 Personen aus England und Wales aus, die in Volkszählungen ab 1971 erhoben wurden. Bis 2011 waren 40 Prozent dieser Menschen verstorben. Die Forscher untersuchten bei ihnen mögliche statistische Zusammenhänge zwischen sozialem Status, Alter, Familienstand, Todesursache – und ob sie Kinder hatten oder nicht. Das Ergebnis: Kinder zu kriegen verlängert das Leben.

So hätten Mütter gegenüber kinderlosen Frauen ein um 72 Prozent verringertes Risiko, an Krebs zu erkranken und u. a. das halbe Sterberisiko durch Infektionskrankheiten. Die Reduktion der Sterbewahrscheinlichkeit bei Vätern ist ähnlich, nur etwas geringer. Die Anzahl der Kinder hat keinen statistisch messbaren Einfluss auf die Lebensdauer. Der „Überlebensschutz“ wirkt also bereits ab dem Erstgeborenen.

Kinder überflügeln sogar Reichtum

Warum das so sein könnte, ist weitgehend unklar. Zwar wird von der „Ko-Immunisierungshypothese“ (besagt, dass das Immunsystem der Eltern wiederaufgefrischt und damit gestärkt wird, sobald ihre kleinen Kinder sämtliche Infektionskrankheiten durchmachen) ausgegangen – Schweinzer betont aber: „Unsere Studie ist rein statistisch und beschreibt die Auswirkungen, kann aber keine ursächlichen Zusammenhänge erfassen.“ Diese müssten nun Mediziner genauer untersuchen. Es sei aber möglich, dass Kinder zu veränderten, gesünderen Verhaltensweisen der Eltern beitragen. Und: Laut der im Fachjournal „Scientific Reports“ (2019/9) veröffentlichten Analyse wirkt Elternschaft sogar noch lebensverlängernder als Reichtum. Dass sich ein gutes Einkommen positiv auf die Überlebensrate auswirkt, ist bereits erwiesen – Kinder legen da aber noch ein Schäuferl drauf: Sie in die Welt zu setzen ist bezüglich der Lebensdauer also eine viel bessere Investition, als Geld und Güter anzuhäufen.

Heiraten hebt das Sterberisiko an

Hättest du das über dein Kind gewusst? Vermutlich nicht, und das ist schade. Denn: Wie viele leidige Geschichten könnten umgeschrieben werden, auf wie viele Happy Ends dürften wir heute zurückblicken, hätten wir davon schon früher Kenntnis gehabt? Lena, die beim Wickeln so laut brüllen muss. Philip, der alles Grüne am Teller verweigert, und Isa, die nie müde ist. Mit einem wissenden Lächeln und nicht enden wollender Geduld hätten wir die Kleinen auch in diesen Momenten bedacht, voll Zuversicht in die Zukunft geblickt, uns stets daran erinnernd, was wir doch an ihnen haben. Nämlich noch viel mehr, als uns ohnehin schon immer klar war. Übrigens: Heiraten kann einen gegenteiligen Effekt auf das Sterberisiko haben. Aber das ist eine andere Geschichte.